Frieda Wessel geb. Manneck

Verlegeort
Wesselburer Weg 2 A
Historischer Name
Kolonie Waldessaum,Nelkenweg 567
Bezirk/Ortsteil
Heiligensee
Verlegedatum
04. Mai 2004
Geboren
19. Februar 1906
Beruf
Fabrikarbeiterin
Ermordet
1941
  • Stolperstein für Frieda Wessel.
    Stolperstein für Frieda Wessel. Foto: OTFW.

    Stolperstein für Frieda Wessel. Foto: OTFW.

Frieda Wessel<br />
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zuletzt wohnhaft in<br />
<br />
Berlin - Reinickendorf, Kolonie „Waldessaum“<br />
<br />
(Nelkenweg 567), Wesselburer Weg<br />
<br />
Frieda Wessel, geb. Manneck, wurde am 19. Februar 1906 in Berlin geboren. Als ältestes von zahlreichen Geschwistern konnte sie die Schule nur bis zur dritten oder vierten Klasse besuchen (die erste Klasse war damals die Abgangsklasse),<br />
<br />
da sie zuhause mithelfen musste. Von ihrem Vater wird berichtet, dass er Trinker gewesen sei. Nach dem 17. Lebensjahr arbeitete Frieda Wessel als Laufmädchen und Fabrikarbeiterin.<br />
<br />
1926 heiratete die hübsche, zierliche junge Frau; 1926 und 1927 bekam sie zwei Söhne. Über ihren Mann und über ihre Ehe wissen wir nichts.<br />
<br />
Im Juli 1934 zog die Familie in eine Gartenlaube der Kolonie „Waldessaum“, was als Hinweis auf ihre schlechte soziale Lage gedeutet werden kann. Die hygienischen Bedingungen waren, ebenso wie die Möglichkeiten der Beheizung der Lauben, unzureichend.<br />
<br />
Damals äußerte Frieda Wessel erstmals die Angst, sie könne beobachtet werden, wenn das Radio nicht ausgeschaltet sei; auch hörte sie ein Klopfen und<br />
<br />
fürchtete, umgebracht zu werden. Wegen ihrer Verfolgungsideen wurde Frieda Wessel im Januar 1935 in die Wittenauer Heilstätten aufgenommen, wo eine<br />
<br />
„halluzinatorische Psychose (Schizophrenie) mit Erregungszuständen“ diagnostiziert wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Einweisung war Frieda Wessel 29 Jahre alt. Ihre gesunden und normal entwickelten Söhne waren acht und neun. Aus der Akte geht hervor, dass sie sich in den Heilstätten nicht wohl fühlte; der Anblick der anderen Patienten war ihr schrecklich: „Ich will gesund werden<br />
<br />
und meine Freiheit.“ Auf Grund der Diagnose „Schizophrenie“, die damals als<br />
<br />
Erbkrankheit verstanden wurde, schlug man Frieda Wessel 1935 zur Sterilisation vor. Obwohl sich beide Partner gegen den Eingriff aussprachen und den Beschluss anfochten, wurde Frieda Wessel am 13. August 1935 im Spandauer<br />
<br />
Krankenhaus zwangsweise sterilisiert. Die Sterilisation wurde den Eheleuten als Voraussetzung einer Entlassung genannt. Die Irrationalität der Verbindung von Fruchtbarkeit und Psychose wurde nicht nur übersehen, sondern durch<br />
<br />
die mit der Sterilisation verbundene Entlassung auch noch in die Nähe eines Heilerfolges gerückt.<br />
<br />
Aber nicht Heilung trat ein, sondern das Gegenteil. Anderthalb Jahre lagen zwischen Frieda Wessels erstem und zweitem Aufenthalt in den Wittenauer Heilstätten. In dieser Zeit wohnte die Familie weiterhin in der Laube, nebenan lebte eine Schwägerin, zu der sich Frieda Wessel häufig zurückzog. Die zweite Anstaltseinweisung erfolgte am 21. April 1937. Frieda Wessel wurde von einer Ärztin unangekündigt abgeholt; zur Begründung hieß es: „Ging in den Nächten aus. (...) bliebe einmal vier Tage aus, kam durchnässt wieder. Wusste nicht, wo gewesen.“<br />
<br />
Am 18. Mai 1937 wurde in der Patientenakte festgehalten: „Ist überrascht, dass Ehescheidungsverfahren schwebt.“ Aus einer Eintragung am 25. November geht hervor, dass die Scheidung inzwischen erfolgt war. Gleichzeitig wurde die Dokumentation dramatischer: „Oft erregt und aggressiv (...) starke sprachlich–gedankliche Verschrobenheit (...) singt, schreit, betätigt sich nicht.“<br />
<br />
Am 13. Dezember 1937 wurde Frieda Wesel in die Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalt Neuruppin verlegt. Das ist der letzte Eintrag in ihrer Patientenakte. 1940 oder 1941 wurde Frieda Wessel - möglicherweise nach weiteren<br />
<br />
Verlegungen - in einer der Gaskammern der Krankenmordorganisation „T4“ ermordet.

Frieda Wessel

zuletzt wohnhaft in

Berlin - Reinickendorf, Kolonie „Waldessaum“

(Nelkenweg 567), Wesselburer Weg

Frieda Wessel, geb. Manneck, wurde am 19. Februar 1906 in Berlin geboren. Als ältestes von zahlreichen Geschwistern konnte sie die Schule nur bis zur dritten oder vierten Klasse besuchen (die erste Klasse war damals die Abgangsklasse),

da sie zuhause mithelfen musste. Von ihrem Vater wird berichtet, dass er Trinker gewesen sei. Nach dem 17. Lebensjahr arbeitete Frieda Wessel als Laufmädchen und Fabrikarbeiterin.

1926 heiratete die hübsche, zierliche junge Frau; 1926 und 1927 bekam sie zwei Söhne. Über ihren Mann und über ihre Ehe wissen wir nichts.

Im Juli 1934 zog die Familie in eine Gartenlaube der Kolonie „Waldessaum“, was als Hinweis auf ihre schlechte soziale Lage gedeutet werden kann. Die hygienischen Bedingungen waren, ebenso wie die Möglichkeiten der Beheizung der Lauben, unzureichend.

Damals äußerte Frieda Wessel erstmals die Angst, sie könne beobachtet werden, wenn das Radio nicht ausgeschaltet sei; auch hörte sie ein Klopfen und

fürchtete, umgebracht zu werden. Wegen ihrer Verfolgungsideen wurde Frieda Wessel im Januar 1935 in die Wittenauer Heilstätten aufgenommen, wo eine

„halluzinatorische Psychose (Schizophrenie) mit Erregungszuständen“ diagnostiziert wurde. Zum Zeitpunkt ihrer Einweisung war Frieda Wessel 29 Jahre alt. Ihre gesunden und normal entwickelten Söhne waren acht und neun. Aus der Akte geht hervor, dass sie sich in den Heilstätten nicht wohl fühlte; der Anblick der anderen Patienten war ihr schrecklich: „Ich will gesund werden

und meine Freiheit.“ Auf Grund der Diagnose „Schizophrenie“, die damals als

Erbkrankheit verstanden wurde, schlug man Frieda Wessel 1935 zur Sterilisation vor. Obwohl sich beide Partner gegen den Eingriff aussprachen und den Beschluss anfochten, wurde Frieda Wessel am 13. August 1935 im Spandauer

Krankenhaus zwangsweise sterilisiert. Die Sterilisation wurde den Eheleuten als Voraussetzung einer Entlassung genannt. Die Irrationalität der Verbindung von Fruchtbarkeit und Psychose wurde nicht nur übersehen, sondern durch

die mit der Sterilisation verbundene Entlassung auch noch in die Nähe eines Heilerfolges gerückt.

Aber nicht Heilung trat ein, sondern das Gegenteil. Anderthalb Jahre lagen zwischen Frieda Wessels erstem und zweitem Aufenthalt in den Wittenauer Heilstätten. In dieser Zeit wohnte die Familie weiterhin in der Laube, nebenan lebte eine Schwägerin, zu der sich Frieda Wessel häufig zurückzog. Die zweite Anstaltseinweisung erfolgte am 21. April 1937. Frieda Wessel wurde von einer Ärztin unangekündigt abgeholt; zur Begründung hieß es: „Ging in den Nächten aus. (...) bliebe einmal vier Tage aus, kam durchnässt wieder. Wusste nicht, wo gewesen.“

Am 18. Mai 1937 wurde in der Patientenakte festgehalten: „Ist überrascht, dass Ehescheidungsverfahren schwebt.“ Aus einer Eintragung am 25. November geht hervor, dass die Scheidung inzwischen erfolgt war. Gleichzeitig wurde die Dokumentation dramatischer: „Oft erregt und aggressiv (...) starke sprachlich–gedankliche Verschrobenheit (...) singt, schreit, betätigt sich nicht.“

Am 13. Dezember 1937 wurde Frieda Wesel in die Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalt Neuruppin verlegt. Das ist der letzte Eintrag in ihrer Patientenakte. 1940 oder 1941 wurde Frieda Wessel - möglicherweise nach weiteren

Verlegungen - in einer der Gaskammern der Krankenmordorganisation „T4“ ermordet.