- Verlegeort
- Wilhelminenhofstr. 35
- Bezirk/Ortsteil
- Oberschöneweide
- Verlegedatum
-
26. April 2024
- Geboren
- 02. November 1886 in Orzech (Schlesien)
- Beruf
- Schlosser
- Zwangsarbeit
- Schlosser (Deuliwag (Berlin))
- Deportation
- am 17. März 1943 von Berlin nach Theresienstadt
-
Überlebt
Alfred Schindler wurde am 02. November 1886 als Sohn von Wilhelm und Ernestine Schindler geb. Guttmann in Orzech bei Tarnowitz in Oberschlesien geboren. Er hatte fünf Geschwister. Der Vater war Gastwirt und Schänker in einem eigenen Gasthaus. Alfred Schindler lernte den Beruf des Schlossers. 1903 beendete der junge Mann seine Lehre. Er zog nach Berlin, wo er ab 1905 im aufstrebenden Industriebezirk Berlin-Oberschöneweide eine Anstellung in der Kronleuchterfabrik Frister fand. Nach 2 Jahren als Infanterist war Alfred Schindler bis 1914 bei der AEG-KWO als Lehr- und Schlossermeister angestellt. Der Erste Weltkrieg wurde zu einem harten Bruch in seinem Leben: er nahm aktiv als Soldat teil, wurde verwundet und geriet in russische Kriegsgefangenschaft.
1919 wurde Alfred Schindler entlassen und heiratete am 23. Oktober 1919 die Wirtstochter Minka Lentschütz, die aus Königshütte (Chorzow), Oberschlesien stammte. Gemeinsam übernahm das junge Ehepaar den Gasthof seiner Schwiegereltern in Königshütte.
Kurze Zeit später wurde die Stadt als Folge des Ersten Weltkriegs polnisch. Viele Deutsche verließen nun die neuen polnischen Gebiete. So auch Alfred und seine Frau. Sie verkauften ihren Besitz und zogen nach Berlin-Oberschöneweide.
1922 erwarben die Schindlers mit Unterstützung von Verwandten das Grundstück in der Wilhelminenhofstr.35. Beide bewohnten die Wohnung im Vorderhaus, 2. Etage links. Sie blieben kinderlos.
Der Vater von Alfred Schindler, Wilhelm Schindler, zog 1928 nach dem Tod seiner Frau Ernestine in Orzech nach Erkner. Dort lebte er bis zu seinem Tod 1935 bei seiner Tochter Martha.
Alfred Schindler baute sich in Oberschöneweide eine eigene Existenz auf. Er betrieb zeitweise eine „Akkuladestation“, ein Damenkonfektionsgeschäft, arbeitete als Monteur und verwaltete das Haus. Den Akten im Bauarchiv ist zu entnehmen, dass es mehrere unterschiedliche Ladengeschäfte unter der Adresse gab.
Mit der Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten änderte sich für die jüdisch-stämmigen Schindlers alles.
In Alfred Schindlers Lebenslauf heißt es: „1938 musste ich auch diese (Existenz) wieder aufgeben, weil durch Boykott die Geschäfte völlig ruiniert waren. Mein Grundstück musste ich verkaufen, um die Judenvermögensabgabe zahlen zu können, weil Stundung bzw. Eintragung einer Hypothek mir verweigert wurde.“
Er musste wieder als unselbständiger Schlosser arbeiten und litt unter den zahlreichen Zwangsmaßnahmen: „Vom Zeitpunkt der Verpflichtung zum Tragen des Judenabzeichens ab, waren die Drangsalierungen durch nur Teilbelieferung der Lebensmittelkarten besonders schlimm, Fleisch, Butter, Fische usw. durften an Juden nicht verabfolgt werden.“ Alfred Schindler musste Zwangsarbeit leisten: ua. bei der Firma Deuliwag.
Ab 1940 wurden mehrere jüdische Menschen, die gezwungen worden waren ihre eigenen Wohnungen aufzugeben, in die Wohnung der Schindlers eingewiesen. Auch in der Wohnung von Alfred Schindlers Schwester Martha wurden zwangsweise andere jüdische Mitbürger untergebracht.
Seit Herbst 1941 organisierte Nazideutschland die Deportation jüdischer Menschen in Ghettos und Vernichtungslager in den inzwischen besetzten Länder im Osten. Das Ehepaar Alfred und Minka Schindler wurde am 17. März 1943 in den sog. 4. Großen Alterstransport nach Theresienstadt gezwungen. Die Reisekosten waren von den Deportierten selbst zu tragen.
Alfred Schindlers Schwester Martha Schindler war bereits am 20.November 1942 nach Theresienstadt deportiert worden und am 17. Januar 1943 dort verstorben.
Über die Zeit in Theresienstadt schrieb Alfred Schindler: „Die Arbeitsstätte, in der ich 2 Jahre arbeitete, war ein unterirdischer Raum, dauernd feucht ohne natürliches Licht und für diesen Zweck durchaus ungeeignet. In dieser Zeit musste ich auch 6 Wochen lang für die SS schwerste körperliche Arbeit, von 6 Uhr früh bis 19 Uhr abends mit nur einstündiger Unterbrechung verrichten. Dabei litt ich dauernd Hunger... Die Wohnverhältnisse waren zudem durch Überbelegung katastrophal, und meine letzte Wohnung so feucht, dass die Sachen schimmelten. An ein ungestörtes Schlafen, bei der schweren Arbeit eine Notwendigkeit, war infolge der Ungezieferplage nicht zu denken.“ Minka Schindler nimmt sich am 20.10.1944 das Leben. Alfred Schindler schreibt dazu in seinem Lebenslauf: „Weil sie die Leiden im Lager nicht weiter ertragen konnte.“
Er selbst überlebte das Ghetto, weil aufgrund einer Initiative von Recha und Isaac Sternbuch aus St.Gallen(Schweiz) einmalig rund 1000 Häftlinge „freigekauft“ werden konnten. Ihr Zug traf am 07. Februar 1945 in der Schweiz ein. Die Rettungsaktion kam zustande, weil der umstrittene ehemalige schweizerische Bundesrats Jean-Marie Musy gute Beziehungen zu Heinrich Himmler hatte. Wahrscheinlich spielten die Hoffnung auf verbesserte Reputation angesichts des Kriegsendes sowie geschäftliche Vorteile beider dabei eine Rolle. (Weitere Informationen dazu: https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_Himmler–Musy)
Alfred Schindler war 59 Jahre alt als er in Vevey eintraf. Körperlich schwer gezeichnet - er hatte durch die Zeit in Theresienstadt körperliche Dauerschäden erlitten - musste er nun auch darum kämpfen in der Schweiz bleiben zu dürfen. Die Schweiz bot den staatenlosen Menschen nur eine temporäre Aufnahme an und setzte starken Druck dabei ein, sie so bald wie möglich in andere Länder abzuschieben. Aufgrund seines Alters und der schlechten körperlichen Verfassung wurde ihm schließlich zugestanden, bleiben zu dürfen.
In Vevey lernte Alfred Schindler seine zweite Frau Berta Rappaport kennen. Sie war ebenfalls in Theresienstadt und hatte dort ihren Mann Louis verloren. Sie heirateten 1947 und lebten in der jüdischen Altersresidenz Residence Les Berges du Léman in Vevey.
Ab 1951, also 6 Jahre nach seiner Rettung aus Theresienstadt und dem Ende des Zweiten Weltkriegs, stellte Alfred Schindler über seine Anwälte für sich und seine verstorbene Frau Minka verschiedene Entschädigungsanträge in Westberlin für die Leiden und Verluste durch die nationalsozialistischen Rassegesetze. Diese Vorgänge füllen im Entschädigungsamt drei Aktenordner. Es sind Eingaben des Anwalts vorhanden, Gutachten aus der Schweiz, Widersprüche und Bescheide. Soweit feststellbar, ist der letzte Bescheid aus dem Jahr 1962. Das bedeutet, dass Alfred Schindlers Auseinandersetzung mit dem Amt erst 17 Jahre nach seiner Rettung abgeschlossen war.
Als Entschädigung für den „Schaden an Leben“, also den Tod seiner Frau Minka, erhielt er einmalig 527 DM. Dieser geringe Betrag wurde in den Akten damit erklärt, dass er 1947 erneut geheiratet habe.
Als Entschädigung für seinen „Schaden an Körper und Gesundheit“ wurden monatlich 155 DM zugesprochen.
Für seinen „Schaden an Freiheit“ wurde einmalig 3540 DM anerkannt.
Sein „Schaden an Vermögen“ wurde einmalig mit rund 11500 DM beziffert. Außerdem wurde von Alfred Schindler noch ein Antrag auf „Schaden im beruflichen Fortkommen“ gestellt. Die Antragshöhe belief sich auf 4800 DM. Eine Entscheidung dazu ist nicht bekannt. Aus heutiger Sicht kann man die ausgezahlten Beträge kaum mit der Höhe des verlorenen Vermögens der Schindlers in Übereinstimmung bringen.
Alfred Schindler starb am18. Oktober 1968 in Vevey.
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