Gerhard Liebmann

Verlegeort
Wilhelmsaue 136
Bezirk/Ortsteil
Wilmersdorf
Verlegedatum
04. Juni 2021
Geboren
29. Juni 1906
Flucht
1937 Frankreich, England
Überlebt
  • Stolperstein Gerhard Liebmann Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
    Stolperstein Gerhard Liebmann Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka

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  • Gert in Berlin Bild: Familienbesitz
    Gert in Berlin Bild: Familienbesitz

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  • Gert in Bayern Bild: Familienbesitz
    Gert in Bayern Bild: Familienbesitz

    Gert in Bayern Bild: Familienbesitz

  • Gert in England Bild: Familienbesitz
    Gert in England Bild: Familienbesitz

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  • Gert, Marian, Wally, Dodo 1954 in München. Bild: Familienbesitz
    Gert, Marian, Wally, Dodo 1954 in München. Bild: Familienbesitz

    Gert, Marian, Wally, Dodo 1954 in München. Bild: Familienbesitz

  • Gert Liebmann Bild: Familienbesitz
    Gert Liebmann Bild: Familienbesitz

    Gert Liebmann Bild: Familienbesitz

Gerhard (Gert) Liebmann wurde am 29. Juni 1906 als Sohn von Martin Liebmann und dessen Frau Margarete in Berlin-Charlottenburg geboren. Die mittelständische jüdische Familie war nicht religiös. Gerts Bruder Kurt war elf Jahre älter als er, wurde Arzt und starb in jungen Jahren an einer Lungenentzündung. Später wurde bekannt, dass Gerts leiblicher Vater Margaretes Schwager James war, ein links denkender Rechtsanwalt und Justizrat, der viele Sozialisten und Kommunisten vor Gericht vertrat.<br />
<br />
Als Martin Liebmann sich im Alter von 50 Jahren aus seinem Textilhandel zurückzog, siedelte die Familie nach Bayern um, um dort einen Bauernhof zu betreiben. Margarete war keine gute Hausfrau und Gert, um den man sich nicht so recht kümmerte, war sehr mager, ging auf unterschiedliche Schulen und war als Jude häufig antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. <br />
<br />
Als die Liebmanns mit dem Bauernhof scheiterten, zog die Familie – praktisch mittellos – wieder zurück nach Berlin. Sie überzeugten Margaretes Mutter, die in Berlin geblieben war, in eine größere Wohnung umzuziehen, in die Gert und seine Eltern ebenfalls einzogen. Sie vermieteten zwei Zimmer als Büroräume, um die Miete bezahlen zu können. Das Mädchen Wally aus Bayern folgte ihnen und blieb die längste Zeit ihres Lebens als Hauswirtschafterin bei ihnen.<br />
<br />
Gert verließ die Schule vor dem Abitur, da Martin darauf bestand, dass er zum Unterhalt der Familie beizutragen habe. Also nahm er eine Lehrstelle in der Instrumentenfirma Ludwig Loewe an, lernte aber weiter, um das Abitur als „Externer“ abzulegen. 1925 begann er an der Berliner Universität das Studium der Physik, Mathematik und Philosophie. Es war für ihn eine prägende Zeit, da viele seiner Professoren und Tutoren bekannte Namen in der Relativitätstheorie und Unschärferelation trugen. Da die Familie immer noch kein Einkommen hatte, gab Gert Nachhilfeunterricht. <br />
<br />
1926 lernte er die ebenfalls 20-jährige Kommilitonin Dora (Dodo) Badt kennen, die dieselben Fächer studierte wie er. Sie waren oft in der Universität zusammen und arbeiteten beide als Werkstudenten bei Osram. 1930 wurde Gerhard Liebmann zum Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation über die Eigenschaften fluoreszierender Materialien muss einige Relevanz gehabt haben, denn seine Tochter Marian, die Physik an der Universität Oxford studierte, fand in den 1960er-Jahren Hinweise darauf in ihren Büchern.<br />
<br />
Gert forschte nach der Dissertation als Stipendiat weiter, nahm dann aber eine Stelle als Abteilungsleiter in der Radiofabrik Loewe an. Es gelang ihm, Dodo 1931/32 als seine Assistentin einzustellen, wobei die beiden ihre private Verbindung natürlich geheim halten mussten. Als 1933 fast alle jüdischen Angestellten entlassen wurden, konnte Gert dort weiter arbeiten – wohl weil einer der Direktoren jüdisch war.<br />
<br />
Gert und Dodo engagierten sich ab 1931 politisch und traten 1933 – nach der Machtübergabe an Adolf Hitler – in die Kommunistische Partei ein. Sie schien ihnen die einzige Partei zu sein, die Widerstandsaktionen gegen die Nazis aus dem Untergrund durchführte – und dabei Juden nicht diskriminierte. Sie beteiligten sich an der Verteilung verbotener Literatur und an gefährlichen Treffen mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe. Um bei Verstand zu bleiben, verbrachten sie die Wochenenden auf ihrem kleinen Segelboot auf einem der Seen im Grunewald.<br />
<br />
Gert unterstütze Dodo bei der Beendigung ihres Studiums 1934, indem er sie auf die mündliche Prüfung vorbereitete. Als sie bei Loewe gekündigt wurde, ermutigte er sie, eine Monatsschrift für die Radio-Industrie zu gründen „Fortschritte der Funktechnik“. Damit wurde sie sehr erfolgreich, bis sie aus Angst vor der Aufmerksamkeit der Nazis die Zeitschrift einstellen musste.<br />
<br />
Gert und Dodo planten bereits seit zwei Jahren ihre Flucht. Gert ging 1935 nach London, fand aber keine Anstellung und kam zurück nach Berlin. Er ließ aber alle seine Papiere in London bei Freunden, Otto Kantorowicz und Ilse Barasch, für den Fall, dass er sich auf einen Job bewerben würde, aber nicht erneut nach London kommen könnte. Gert und Dodo heirateten 1936 in Berlin – ein Teil dieses Flucht-Plans: Wenn Gert einen Job fände, könnte Dodo nachkommen.<br />
<br />
In einer englischen Fachzeitschrift wurde ein Fachmann für Elektronik und Vakuum-Technik gesucht, eine unübliche Kombination, die Gert wie auf den Leib geschrieben war. Er bat die Freunde, seine Bewerbung zu betreiben, da er sich aus Furcht vor Zensur nicht von Berlin aus bewerben konnte. Die Firma Pye in Cambridge akzeptierte dies Verfahren und lud ihn zu einem Bewerbungsgespräch ein. Es gelang ihm, die Immigrationsbehörden mittels eines dicken deutschen Physikbuches, das er angeblich ins Englische übersetzen lassen wollte, davon zu überzeugen, dass sein vorübergehender Aufenthalt in England zwingend sei. Er wohnte bei den Freunden in London und konnte so das Gespräch in Cambridge wahrnehmen. Das Ergebnis sollte den Freunden in London übersandt werden. Die Gefahr, dass ein Brief aus England in Berlin geöffnet wurde, war zu groß. Sie verabredeten einen Code, mithilfe dessen Otto Kantorowicz mitteilen sollte, ob Gert den Posten bekommen habe – und zu welchen Konditionen. Dieser Brief sollte nicht an Gerhard Liebmann, sondern an „Gertrude“ gesandt werden, da Frauen damals weniger im Fokus der Nazis standen als Männer.<br />
<br />
Kurze Zeit später kam der ersehnte Brief von Otto: „Der Amperemeter funktioniert zufriedenstellend mit einer Sekunde Schwingzeit und 500 Milliampere durchschnittlichen Verbrauch.“ Das bedeutete: Der Job ist ok, mit einem Ein-Jahres-Vertrag und 500 Pfund pro Jahr. Gert sollte so schnell wie möglich anfangen und sagte für den 1. Januar 1937 zu. Unglücklicherweise erzählte er dies seinem Chef bei Osram, mit der Folge, dass sein Pass konfisziert wurde. Nach drei Wochen Unsicherheit bekam er ihn zurück, nahm den nächsten Zug nach Paris und reiste von dort nach England. Er trat seine Stelle bei Pye also mit einigen Tagen Verspätung an. Dodo packte ihr ganzes Leben binnen 36 Stunden zusammen und folgte ihm.<br />
<br />
Zunächst lebten beide bei Freunden in London, zogen dann nach Cambridge. 1938 wurde Gert kurzzeitig nach London versetzt, im Herbst 1939 – kurz vor Ausbruch des Krieges – aber wieder nach Cambridge. Es gelang ihnen, Gerts Eltern im März 1939 nach England zu holen. Ab Kriegsbeginn nutzten Gert und Dodo Englisch als Alltagssprache – sie ertrugen die deutsche Sprache nicht mehr. Beide wurden 1939/40 neun Monate als „enemy aliens“ auf der Isle of Man in unterschiedlichen Lagern interniert. Nach der Entlassung nahm Gert seine Arbeit bei Pye wieder auf; Dodo hätte auch gerne gearbeitet, bekam aber nicht die Erlaubnis. 1942 und 1945 wurden ihre beiden Kinder Marian und Stephen geboren. Das Geld war immer knapp, da sie neben ihrer eigenen wachsenden Familie auch Gerts Eltern finanziell unterstützten. Unmittelbar nach Kriegsende beantragten Gert und Dodo die britische Staatbürgerschaft, die sie 1946 bekamen.<br />
<br />
In Deutschland hatten beide an Widerständen für Radios gearbeitet und Gert hatte alle Instruktionen vor der Flucht fotographiert. So brachten sie ein Verfahren für die Herstellung von hochstabilen Carbon-Widerständen mit, das sie an ein bereits existierendes Unternehmen verkaufen wollten. Aber niemand glaubte, dass das funktionieren würde. So gründeten sie 1946, als Gert bei Pye entlassen wurde, ihre eigene Fabrik – die Cambridge Electrical Components Ltd. (CELCO). Zunächst arbeiteten sie beide in ihrer eigenen Firma, aber Gert nahm 1947 einen neuen, besseren Posten fern von Cambridge an. Dodo führte also das Unternehmen weiter und konnte es – nachdem bewiesen war, dass das Verfahren funktionierte – 1949 an eine größere Firma verkaufen, die expandieren wollte. Sie wurde für die nächsten drei Jahre als Consultant verpflichtet mit einem Honorar, das einen großen Unterschied für die Familienfinanzen machte.<br />
<br />
Während Gert bei Pye eher mit der Entwicklung kommerzieller Bereiche beschäftigt gewesen war, konnte er in seiner neuen Aufgabe bei Associated Electrical Industries (AEI) in Aldermaston, Berkshire, wieder seinen Forschungsinteressen nachgehen. Alle Mitarbeiter lebten in dem alten Manor House, in dem die Firma sich befand. Gert hatte abends und in der Freizeit wieder mit der Malerei begonnen, sammelte Pilze wie früher in Deutschland und entwickelte ein Elektronen-Mikroskop. Allerdings konnte er seine Familie nur jedes dritte Wochenende besuchen und überließ es Dodo, sich um die Kinder, das eigene Unternehmen und seine betagten Eltern zu kümmern. Erst nachdem Dodo 1949 die CELCO verkauft hatte, konnte sie 1950 mit den Kindern nach Aldermaston ziehen und so die Familie wieder vereinen.<br />
<br />
Nachdem mehrere Häuser, die zum Verkauf standen, ihnen nicht zugesagt hatten, kauften sie ein Grundstück in Reading, der etwa 20 km von Aldermaston entfernten Stadt. Sie erwarben zudem viele Bücher über Architektur, entwarfen ihr Haus selbst und überwachten den Baufortschritt. 1954 konnten sie einziehen.<br />
<br />
Gert wurde für seine Arbeiten im Bereich der Elektronen-Mikroskopie sehr bekannt, publizierte mindestens 40 Artikel und Monographien und erhielt Einladungen zu Vorträgen in vielen Ländern, u.a. den USA. 1954 reiste die ganze Familie in den Ferien nach Österreich und besuchte in München Wally, ihr Hausmädchen aus Berliner Zeiten. Gert wollte sie unbedingt noch einmal zu ihren Lebzeiten sehen.<br />
<br />
Gert Liebmann starb plötzlich und unerwartet am 18. Juni 1956 – elf Tage vor seinem 50. Geburtstag – an einem Herzinfarkt beim Tennisspiel mit seinen Kollegen. Er wurde eingeäschert und seine Asche in Reading beigesetzt. Bei einer späteren Gedenkfeier in Aldermaston würdigten ihn viele seiner Kollegen. Er hinterließ Dodo mit den beiden 14 und zehn Jahre alten Kindern.<br />
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Gerhard (Gert) Liebmann wurde am 29. Juni 1906 als Sohn von Martin Liebmann und dessen Frau Margarete in Berlin-Charlottenburg geboren. Die mittelständische jüdische Familie war nicht religiös. Gerts Bruder Kurt war elf Jahre älter als er, wurde Arzt und starb in jungen Jahren an einer Lungenentzündung. Später wurde bekannt, dass Gerts leiblicher Vater Margaretes Schwager James war, ein links denkender Rechtsanwalt und Justizrat, der viele Sozialisten und Kommunisten vor Gericht vertrat.

Als Martin Liebmann sich im Alter von 50 Jahren aus seinem Textilhandel zurückzog, siedelte die Familie nach Bayern um, um dort einen Bauernhof zu betreiben. Margarete war keine gute Hausfrau und Gert, um den man sich nicht so recht kümmerte, war sehr mager, ging auf unterschiedliche Schulen und war als Jude häufig antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt.

Als die Liebmanns mit dem Bauernhof scheiterten, zog die Familie – praktisch mittellos – wieder zurück nach Berlin. Sie überzeugten Margaretes Mutter, die in Berlin geblieben war, in eine größere Wohnung umzuziehen, in die Gert und seine Eltern ebenfalls einzogen. Sie vermieteten zwei Zimmer als Büroräume, um die Miete bezahlen zu können. Das Mädchen Wally aus Bayern folgte ihnen und blieb die längste Zeit ihres Lebens als Hauswirtschafterin bei ihnen.

Gert verließ die Schule vor dem Abitur, da Martin darauf bestand, dass er zum Unterhalt der Familie beizutragen habe. Also nahm er eine Lehrstelle in der Instrumentenfirma Ludwig Loewe an, lernte aber weiter, um das Abitur als „Externer“ abzulegen. 1925 begann er an der Berliner Universität das Studium der Physik, Mathematik und Philosophie. Es war für ihn eine prägende Zeit, da viele seiner Professoren und Tutoren bekannte Namen in der Relativitätstheorie und Unschärferelation trugen. Da die Familie immer noch kein Einkommen hatte, gab Gert Nachhilfeunterricht.

1926 lernte er die ebenfalls 20-jährige Kommilitonin Dora (Dodo) Badt kennen, die dieselben Fächer studierte wie er. Sie waren oft in der Universität zusammen und arbeiteten beide als Werkstudenten bei Osram. 1930 wurde Gerhard Liebmann zum Dr. phil. promoviert. Seine Dissertation über die Eigenschaften fluoreszierender Materialien muss einige Relevanz gehabt haben, denn seine Tochter Marian, die Physik an der Universität Oxford studierte, fand in den 1960er-Jahren Hinweise darauf in ihren Büchern.

Gert forschte nach der Dissertation als Stipendiat weiter, nahm dann aber eine Stelle als Abteilungsleiter in der Radiofabrik Loewe an. Es gelang ihm, Dodo 1931/32 als seine Assistentin einzustellen, wobei die beiden ihre private Verbindung natürlich geheim halten mussten. Als 1933 fast alle jüdischen Angestellten entlassen wurden, konnte Gert dort weiter arbeiten – wohl weil einer der Direktoren jüdisch war.

Gert und Dodo engagierten sich ab 1931 politisch und traten 1933 – nach der Machtübergabe an Adolf Hitler – in die Kommunistische Partei ein. Sie schien ihnen die einzige Partei zu sein, die Widerstandsaktionen gegen die Nazis aus dem Untergrund durchführte – und dabei Juden nicht diskriminierte. Sie beteiligten sich an der Verteilung verbotener Literatur und an gefährlichen Treffen mit anderen Mitgliedern ihrer Gruppe. Um bei Verstand zu bleiben, verbrachten sie die Wochenenden auf ihrem kleinen Segelboot auf einem der Seen im Grunewald.

Gert unterstütze Dodo bei der Beendigung ihres Studiums 1934, indem er sie auf die mündliche Prüfung vorbereitete. Als sie bei Loewe gekündigt wurde, ermutigte er sie, eine Monatsschrift für die Radio-Industrie zu gründen „Fortschritte der Funktechnik“. Damit wurde sie sehr erfolgreich, bis sie aus Angst vor der Aufmerksamkeit der Nazis die Zeitschrift einstellen musste.

Gert und Dodo planten bereits seit zwei Jahren ihre Flucht. Gert ging 1935 nach London, fand aber keine Anstellung und kam zurück nach Berlin. Er ließ aber alle seine Papiere in London bei Freunden, Otto Kantorowicz und Ilse Barasch, für den Fall, dass er sich auf einen Job bewerben würde, aber nicht erneut nach London kommen könnte. Gert und Dodo heirateten 1936 in Berlin – ein Teil dieses Flucht-Plans: Wenn Gert einen Job fände, könnte Dodo nachkommen.

In einer englischen Fachzeitschrift wurde ein Fachmann für Elektronik und Vakuum-Technik gesucht, eine unübliche Kombination, die Gert wie auf den Leib geschrieben war. Er bat die Freunde, seine Bewerbung zu betreiben, da er sich aus Furcht vor Zensur nicht von Berlin aus bewerben konnte. Die Firma Pye in Cambridge akzeptierte dies Verfahren und lud ihn zu einem Bewerbungsgespräch ein. Es gelang ihm, die Immigrationsbehörden mittels eines dicken deutschen Physikbuches, das er angeblich ins Englische übersetzen lassen wollte, davon zu überzeugen, dass sein vorübergehender Aufenthalt in England zwingend sei. Er wohnte bei den Freunden in London und konnte so das Gespräch in Cambridge wahrnehmen. Das Ergebnis sollte den Freunden in London übersandt werden. Die Gefahr, dass ein Brief aus England in Berlin geöffnet wurde, war zu groß. Sie verabredeten einen Code, mithilfe dessen Otto Kantorowicz mitteilen sollte, ob Gert den Posten bekommen habe – und zu welchen Konditionen. Dieser Brief sollte nicht an Gerhard Liebmann, sondern an „Gertrude“ gesandt werden, da Frauen damals weniger im Fokus der Nazis standen als Männer.

Kurze Zeit später kam der ersehnte Brief von Otto: „Der Amperemeter funktioniert zufriedenstellend mit einer Sekunde Schwingzeit und 500 Milliampere durchschnittlichen Verbrauch.“ Das bedeutete: Der Job ist ok, mit einem Ein-Jahres-Vertrag und 500 Pfund pro Jahr. Gert sollte so schnell wie möglich anfangen und sagte für den 1. Januar 1937 zu. Unglücklicherweise erzählte er dies seinem Chef bei Osram, mit der Folge, dass sein Pass konfisziert wurde. Nach drei Wochen Unsicherheit bekam er ihn zurück, nahm den nächsten Zug nach Paris und reiste von dort nach England. Er trat seine Stelle bei Pye also mit einigen Tagen Verspätung an. Dodo packte ihr ganzes Leben binnen 36 Stunden zusammen und folgte ihm.

Zunächst lebten beide bei Freunden in London, zogen dann nach Cambridge. 1938 wurde Gert kurzzeitig nach London versetzt, im Herbst 1939 – kurz vor Ausbruch des Krieges – aber wieder nach Cambridge. Es gelang ihnen, Gerts Eltern im März 1939 nach England zu holen. Ab Kriegsbeginn nutzten Gert und Dodo Englisch als Alltagssprache – sie ertrugen die deutsche Sprache nicht mehr. Beide wurden 1939/40 neun Monate als „enemy aliens“ auf der Isle of Man in unterschiedlichen Lagern interniert. Nach der Entlassung nahm Gert seine Arbeit bei Pye wieder auf; Dodo hätte auch gerne gearbeitet, bekam aber nicht die Erlaubnis. 1942 und 1945 wurden ihre beiden Kinder Marian und Stephen geboren. Das Geld war immer knapp, da sie neben ihrer eigenen wachsenden Familie auch Gerts Eltern finanziell unterstützten. Unmittelbar nach Kriegsende beantragten Gert und Dodo die britische Staatbürgerschaft, die sie 1946 bekamen.

In Deutschland hatten beide an Widerständen für Radios gearbeitet und Gert hatte alle Instruktionen vor der Flucht fotographiert. So brachten sie ein Verfahren für die Herstellung von hochstabilen Carbon-Widerständen mit, das sie an ein bereits existierendes Unternehmen verkaufen wollten. Aber niemand glaubte, dass das funktionieren würde. So gründeten sie 1946, als Gert bei Pye entlassen wurde, ihre eigene Fabrik – die Cambridge Electrical Components Ltd. (CELCO). Zunächst arbeiteten sie beide in ihrer eigenen Firma, aber Gert nahm 1947 einen neuen, besseren Posten fern von Cambridge an. Dodo führte also das Unternehmen weiter und konnte es – nachdem bewiesen war, dass das Verfahren funktionierte – 1949 an eine größere Firma verkaufen, die expandieren wollte. Sie wurde für die nächsten drei Jahre als Consultant verpflichtet mit einem Honorar, das einen großen Unterschied für die Familienfinanzen machte.

Während Gert bei Pye eher mit der Entwicklung kommerzieller Bereiche beschäftigt gewesen war, konnte er in seiner neuen Aufgabe bei Associated Electrical Industries (AEI) in Aldermaston, Berkshire, wieder seinen Forschungsinteressen nachgehen. Alle Mitarbeiter lebten in dem alten Manor House, in dem die Firma sich befand. Gert hatte abends und in der Freizeit wieder mit der Malerei begonnen, sammelte Pilze wie früher in Deutschland und entwickelte ein Elektronen-Mikroskop. Allerdings konnte er seine Familie nur jedes dritte Wochenende besuchen und überließ es Dodo, sich um die Kinder, das eigene Unternehmen und seine betagten Eltern zu kümmern. Erst nachdem Dodo 1949 die CELCO verkauft hatte, konnte sie 1950 mit den Kindern nach Aldermaston ziehen und so die Familie wieder vereinen.

Nachdem mehrere Häuser, die zum Verkauf standen, ihnen nicht zugesagt hatten, kauften sie ein Grundstück in Reading, der etwa 20 km von Aldermaston entfernten Stadt. Sie erwarben zudem viele Bücher über Architektur, entwarfen ihr Haus selbst und überwachten den Baufortschritt. 1954 konnten sie einziehen.

Gert wurde für seine Arbeiten im Bereich der Elektronen-Mikroskopie sehr bekannt, publizierte mindestens 40 Artikel und Monographien und erhielt Einladungen zu Vorträgen in vielen Ländern, u.a. den USA. 1954 reiste die ganze Familie in den Ferien nach Österreich und besuchte in München Wally, ihr Hausmädchen aus Berliner Zeiten. Gert wollte sie unbedingt noch einmal zu ihren Lebzeiten sehen.

Gert Liebmann starb plötzlich und unerwartet am 18. Juni 1956 – elf Tage vor seinem 50. Geburtstag – an einem Herzinfarkt beim Tennisspiel mit seinen Kollegen. Er wurde eingeäschert und seine Asche in Reading beigesetzt. Bei einer späteren Gedenkfeier in Aldermaston würdigten ihn viele seiner Kollegen. Er hinterließ Dodo mit den beiden 14 und zehn Jahre alten Kindern.