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Georg Jottkowitz

Else und Georg Jottkowitz anlässlich ihrer Silberhochzeit. Copyright: Naomi Johnson
LOCATION
Eisenacher Str. 25

DISTRICT
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
STONE WAS LAID
06/10/2010

BORN
09/14/1880 in Miechowitz / Miechowice
OCCUPATION
Textilhandelsvertreter
FORCED LABOUR
Streckenarbeiter und Straßenfeger in Berlin-Neukölln
at
der Reichsbahn
DEPORTATION
on the 17th of March 1943 to Theresienstadt
LATER DEPORTED
on the 19th of October 1944 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Georg Jottkowitz wurde am 14. September 1880 im oberschlesischen Miechowitz (heute: Miechowice / Polen) als Sohn von David und Pauline Jottkowitz, geb. Koppel, geboren. Kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges heiratete er die Berlinerin Else Wachsner. 1914–1918 war er Soldat und erhielt das Eiserne Kreuz. 1918 wurde der Sohn Hans geboren, die Tochter Gerda verstarb als Kleinkind. Jottkowitz, selbständiger Textilhandelsvertreter, stieg in die Firma seines Schwiegervaters Louis Wachsner & Co. in der Kommandantenstraße 71 ein. Bis November 1931 lebte die Familie in einer Dreizimmer-Wohnung in der Eisenacher Straße 25. Die Weltwirtschaftskrise führte für die Firma Louis Wachsner & Co. zu derartig großen Umsatzrückgängen, dass Schwiegersohn und Tochter mit dem Sohn zu Laura und Louis Wachsner in die Wohnung in der Barbarossastraße 45 zogen.

Die Aufrufe zum Boykott jüdischer Kaufleute ab 1933 verschlechterten die wirtschaftliche Lage der Familie weiter. Nachdem Louis Wachsner vermutlich 1934 verstorben war, musste die Firma verkleinert werden und die Wohnung in der Barbarossastraße 45, wo die Familie 20 Jahre lang gelebt hatte, aufgegeben werden. Die Witwe Laura zog gemeinsam mit der Familie ihrer Tochter in die Kommandantenstraße 71, wo sich die Wohnung nun über den Geschäftsräumen befand. 1938 wurde die Textilagentur enteignet. Georg Jottkowitz betrieb zum Unterhalt der Familie einen illegalen Verkauf von Tischdecken aus der Konkursmasse der Firma. Am 5. November 1938 verließ der Sohn Hans, der 1933 das Gymnasium abgebrochen hatte, um eine Garnfärberausbildung zu absolvieren, Deutschland mit einem Affidavit für Neuseeland. Nach dem Novemberpogrom war Georg Jottkowitz vorübergehend im KZ Sachsenhausen. Anfang der 1940er Jahre wurde das Ehepaar zur Arbeit in kriegswichtigen Bereichen gezwungen: Georg Jottkowitz arbeitete als Streckenarbeiter bei der Reichsbahn und als Straßenfeger in Neukölln. Am 3. September 1942 wurde seine fast 76jährige Schwiegermutter „abgeholt“ und nach Theresienstadt deportiert, wo sie einen Monat später starb. Nach und nach waren hier mehr als 30.000 Männer, Frauen und Kinder in einem Areal zusammengepfercht worden, in dem vor Kriegsbeginn nur 7.000 Menschen gelebt hatten. Die Hälfte von ihnen starb an der Folge von nicht behandelten Seuchen und Infektionen.

Am 17. März 1943 wurden Else und Georg Jottkowitz in einem Transport mit 1.283 Menschen nach Theresienstadt deportiert. Über den Aufenthalt ist nichts bekannt. Ab Dezember 1943 ließ die SS das Lager durch die Häftlinge in Zwangsarbeit zu einem Vorzeigelager herrichten, um es im Juni 1944 dem Internationalen Roten Kreuz vorzuführen und im August/September durch den Regisseur Kurt Gerron, selbst Häftling, einen Propagandafilm über die „Stadt der Juden“ drehen zu lassen. Er sollte dem Publikum vorführen, wie „normal“ die Jüdinnen und Juden in Theresienstadt lebten. Wahrscheinlich gehörten die Eheleute zu den Statisten am Rande. Am 19. Oktober 1944 wurden sie in einem Transport von 1.500 Menschen nach Auschwitz deportiert, wo sich ihre Spuren verlieren. Wahrscheinlich ist, dass der 64jährige Georg Jottkowitz am Tag seiner Ankunft in Birkenau – wie seine zehn Jahre jüngere Ehefrau – in die Gaskammer „selektiert“ wurde.

Der Sohn Hans besuchte erstmals 1995 wieder Berlin. 2010 wurde der Stolperstein auf Initiative der Enkelin verlegt.


Biographical Compilation

Christl Wickert/Hannelore Emmerich