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Liselotte Ackermann

Stolperstein für Liselotte Ackermann. Foto: OTFW.
LOCATION
Markgrafendamm 16

DISTRICT
Friedrichshain-Kreuzberg – Friedrichshain
STONE WAS LAID
03/27/2008

BORN
12/08/1918 in Friesack (Brandenburg)
FORCED LABOUR
at
A.E.G. Fernmeldek.& App. Fabrik Oberspree
DEPORTATION
on the 1st of March 1943 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Liselotte Ackermann wurde am 8. Dezember 1918 in Friesack in Brandenburg geboren. Sie war die Tochter des Pferdehändlers Jakob Justus Ackermann, geboren 1875 in Weyer, und der aus Niederwerrn in Unterfranken stammenden Bella Ackermann, geborene Steinheimer. Nach der Hochzeit ihrer Eltern 1918 in Niederwerrn zog ihre Mutter nach Friesack. Hier betrieb der Rittergutspächter Jakob Ackermann einen angesehenen Pferdehandel auf dem Hof Berliner Straße 1 (der heutigen Hamburger Straße 11). Aus einer früheren Ehe ihres Vaters stammte ihr 1909 in Mainz geborener Halbbruder Manfred Ackermann. Daneben hatte Lieselotte zwei jüngere Brüder namens Kurt und Hans, deren Geburtsjahre nicht bekannt sind. Nur wenige Informationen sind zu den ersten Lebensjahren, der Kindheit und Jugend von Liselotte Ackermann in Friesack zu finden. Aus der Erinnerung des 1923 geborenen Friesackers Kurt Fabel, dessen Vater als Pferdeknecht auf dem Hof der Ackermanns gearbeitet hat, geht hervor, dass das Haus der Familie direkt am Rhinkanal bei Friesack lag und dass auf dem Hof neben Pferden auch andere Tiere wie beispielsweise Enten gehalten wurden. Das ländliche Leben in Brandenburg auf einem großen Hof, auf dem auch Lehrlinge ausgebildet wurden, dürfte die Kindheit von Liselotte und ihren Geschwistern entscheidend geprägt haben. Die jüdische Religionszugehörigkeit spielte im Familienleben dagegen vermutlich eine untergeordnete Rolle. Jedenfalls war Jakob Ackermann spätestens in den 1920er-Jahren aus der Gemeinde Friesack-Rathenow ausgetreten.

Anfang der 1930er-Jahre verließ die Familie Friesack und zog ins Weimarer Land, wo 1932 in Kranichfeld an der Inn der jüngste Bruder von Liselotte, Karlheinz, zur Welt kam. Am 15. Februar 1932 hatte Jakob Ackermann in Kranichfeld ein Gewerbe für „Pferde- und Viehhandel“ angemeldet, dass er aber bereits am 1. August des gleichen Jahres, möglicherweise in Folge wirtschaftlicher Schwierigkeiten, wieder aufgeben musste. In diesen Jahren um die Mitte der 1930er-Jahre muss Liselotte Ackermann nach Berlin gezogen sein, wo bereits ihr Halbbruder Manfred in der Elsässer Straße 21 (der heutigen Torstraße) in Mitte lebte. Liselotte zog zunächst zur Untermiete in die Düsseldorfer Straße 44/45 in Wilmersdorf, wo sie noch im Mai 1939 gemeldet war.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Liselotte Ackermann und ihre Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Liselottes Eltern waren 1936 mit dem vierjährigen Karlheinz in das elterliche Haus von Bella in Niederwerrn gezogen. Jakob Ackermann versuchte spätestens seit Mitte der 1930er-Jahre, Ausreisepapiere für seine Familie zu erhalten. Er hielt sich dafür zeitweise unter anderem in Berlin und Umgebung auf, in der Stadt Brandenburg, und in Frei-Laubersheim, wo eine 1876 in Weyer geborene Cerline Baum, geborene Ackermann, lebte, bei der es sich vermutlich um seine Schwester handelte. Ein Visum erhielt er aber zunächst nur für Liselottes Bruder Kurt. Für ihn wurde im Juli 1937 ein Pass in Berlin ausgestellt. Ende September 1937 besuchte der 17-Jährige seine Eltern letztmalig für einige Tage, bevor er am 10. Oktober 1937 aufbrach, um die Ausreise nach Amerika anzutreten. Ein späterer Brief Manfred Ackermanns legt den Schluss nahe, dass im Sommer oder Herbst 1938 auch die Ausreise von Hans Ackermann gelang.

In Berlin und Niederwerrn spitzte sich unterdessen die Situation für die Familie immer weiter zu. Während der Novemberpogrome 1938 drangen SA- und SS-Leute in das Haus der Ackermanns ein und zerstörten Einrichtung und Habseligkeiten. In Niederwerrn konnte sich Jakob Ackermann keine wirtschaftliche Existenz mehr aufbauen und war auf die Unterstützung Dritter angewiesen. Auf der Straße war der einst geachtete Kaufmann dem Spott der Kinder ausgesetzt, die ihn auch mit Steinen bewarfen. In Berlin wurde Manfred Ackermann verhaftet. Er war wie sein Vater als Pferde- und Viehhändler tätig gewesen und im Sommer 1938 von einem konkurrierenden Händler denunziert worden. Daraufhin wurde er wegen angeblichen Betrugs zu sechs Monaten Haft verurteilt und zusätzlich wegen „Rassenschande“ – er hatte eine Beziehung zu einer nach NS-Terminologie „deutschblütigen“ Frau gehabt – zu 18 Monaten Zuchthaus. Manfred Ackermann wurde zuerst im Gefängnis Berlin-Plötzensee und ab dem 5. Juli 1938 im Zuchthaus Brandenburg-Görden inhaftiert. Nach anderthalb Jahren Haft wurde er am 28. Februar 1940 weiter in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er am 25. Juni 1940 ermordet wurde.

Nach 1939 musste Liselotte ihre Wohnung in der Düsseldorfer Straße aufgeben. Sie zog zur Untermiete bei Bloch an den Markgrafendamm in Friedrichshain. Ende der 1930er- oder Anfang der 1940er-Jahre wurde sie zu Zwangsarbeit als Arbeiterin bei der AEG Fernmelde- und Apparatefabrik Oberspree (Röhrenfabrik) in der Ostendstraße 1–3 in Oberschöneweide herangezogen. In der als kriegswichtig eingestuften Fabrik wurden unter anderem Bordinstrumente, Ortungsgeräte und Sendeanlagen hergestellt. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnte sie sich nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Liselotte Ackermann wurde im Zuge der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, Ende Februar 1943 in Berlin verhaftet und in das Sammellager im Tattersall der Rathenower Kaserne in der Feldzeugmeisterstraße in Moabit verschleppt. Am 28. Februar 1943 wurde sie genötigt, eine 16-seitige „Vermögensaufstellung“ auszufüllen, auf der sie nach handschriftlicher Notiz „aus dem Gedächtnis in der Rathenowerstr.“ als ihre letzte Wohnadresse den Markgrafendamm 17 (das heutige Wohnhaus Markgrafendamm 16) angibt. Andere Dokumente deuten darauf hin, dass Liselotte Ackermann zuletzt am Markgrafendamm 35 als Untermieterin von Frau Charlotte Bloch, geborene Riess, gewohnt hatte. Am 1. März 1943 wurde die 34-jährige Liselotte Ackermann mit dem „31. Osttransport“ aus dem Berliner Sammellager nach Auschwitz deportiert und im Vernichtungslager ermordet.

Wenige ihrer Familienmitglieder überlebten die NS-Verfolgung. Jakob, Bella und Karlheinz Ackermann hatten ihren Deportationsbescheid bereits am 20. April 1942 in Oberwerrn erhalten. Sie mussten sich in Würzburg einfinden, wo sie am 25. April 1942 mit dem „Sammeltransport DA 49“ zunächst in das Ghetto Krasnystaw und anschließend in das Transitghetto Izbica bei Lublin deportiert wurden. Das Ghetto Izbica war ihre letzte Station, bevor sie in einem der östlichen Vernichtungslager Belzec, Sobibor oder Treblinka ermordet wurden. Liselottes Bruder Kurt Ackermann überlebte im Exil in Amerika – und vermutlich auch ihr Bruder Hans.


Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Berliner Adressbücher 1930–1943. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Charlotte Bloch, „31. Osttransport“ (Lfd-Nr. 308). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Deportationslisten der Geheimen Staatspolizei „Staatspolizeistelle Nürnberg-Fürth“. Außendienststelle Würzburg. Liste der zu evakuierenden Juden aus Mainfranken vom 3. April 1942. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Passagierliste der „Ile de France“ vom 20. Oktober 1937. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Abschrift der Eintragung im Sterbebuch Oranienburg zu Manfred Ackermann vom 28. Juni 1940. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Karteikarte zu Liselotte Ackermann. Berliner Kartei. American Jewish Joint Distribution Committee (AJDC). Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Lists of all persons of United Nations and other foreigners, German Jews and stateless persons. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Jeremy Krantz Family Tree. Genealogische Angaben zur Familie Ackermann. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Manfred Ackermann. Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Karl-Heinz Grossmann: Die Niederwerrner Juden 1871–1945, Würzburg 1990.
Sven Leist: Die Friesacker Juden und der Nationalsozialismus, in: Ferientage in Friesack. Beiträge zur jüdischen Geschichte der Stadt Friesack, Friesack 2010. Onlineversion Stand 2011, S. 192–209. Online unter: http://quitzow-kurier.de/Ferientage... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Martin Wiebel: East Side Story. Biographie eines Berliner Stadtteils. 100 Jahre Alltagsgeschichte rund um den Rudolfplatz in Berlin-Friedrichshain. 2. Aufl. Berlin, 2009, S. 93. Online unter: https://issuu.com/berlinuppereastsi... (aufgerufen am 26. Juli 2020).