Skip to main content
Skip to content Skip to navigation

Julia Ehrlich

Foto:B.Plewa
LOCATION
Giesebrechtstr. 13

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
09/22/2010

BORN
09/17/1871 in Berlin
DEPORTATION
on the 13th of January 1942 to Riga
MURDERED

Julia Ehrlich wurde am 17. September 1871 in Berlin geboren. Ihr Vater war der Rabbi Adolf Abraham Ehrlich, die Mutter Nanni geb. Jacobi. Adolf Ehrlich stammte aus Lettland, er wuchs auf in Mitau (Jelgava) in einer Familie, die das orthodoxe Judentum mit der modernen Alltagswelt zu verbinden trachtete, und es ist anzunehmen, dass er seine Kinder auch in dieser „Derech Eretz“ genannten Richtung aufzog. Nachdem er in Mitau Schule und Talmudausbildung absolviert hatte, zog Adolf Ehrlich 1861 nach Berlin, besuchte dort das Gymnasium und die Universität. Er promovierte 1868 in Halle und lebte dann wieder in Berlin, wo 1871 seine Tochter Julia zur Welt kam. Julia hatte fünf jüngere Geschwister, Rosa, Alma, Hedwig, Arthur und Bianka, und einen weiteren Bruder, Hugo, dessen Geburtsjahr nicht zu ermitteln war. Als Julia noch ein Kleinkind war, zog die Familie vorübergehend nach Riga, wo Schwester Rosa 1873 geboren wurde. Adolf Ehrlich war dort zum Oberrabbiner gewählt worden. Offenbar war aber noch eine Bestätigung von höherer Stelle notwendig, und die wurde nicht erteilt. Daher kehrte er nach Berlin zurück, wo 1874 Alma auf die Welt kam. In diesem Jahr findet sich erstmals ein Eintrag im Adressbuch: Ehrlich, A. Dr. Phil., Direktor einer Knaben-Erziehungsanstalt und eines Halbpensionats für Knaben und Mädchen, Alexanderstraße 9. 1876, als Julias Schwester Hedwig geboren wurde, wohnte die Familie in der Linkstraße 23, in der sich auch wieder die Knabenerziehungsanstalt und das Halbpensionat befanden. Dann wurde Adolf Ehrlich zum Leiter der Jüdischen Schule in Riga ernannt, 1878 – Julia war noch nicht ganz 7 Jahre alt - sah dort Sohn Arthur das Licht der Welt, drei Jahre später, Bianka.

Um die Jahrhundertwende zog Adolf Ehrlich nach Tilsit, um dort ein Rabbinat zu übernehmen. Auch die Söhne Hugo und Arthur, beide inzwischen Rechtsanwälte, lebten zu der Zeit in Tilsit. Es ist nicht klar, ob die mittlerweile knapp dreißigjährige Julia gleich mit nach Tilsit übersiedelte. Sie hatte eine Lehrerinnenausbildung gemacht, und war möglicherweise anderswo eingesetzt. Sicher ist, dass sie in späteren Jahren in Tilsit lebte: In einem Adressbuch von 1933 finden wir sie als Lehrerin eingetragen, wohnhaft in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27. Auch Hugo und Arthur waren noch in Tilsit, Vater Adolf war 1913 gestorben. Arthur war zum Regierungsbauinspektor avanciert. Wenn Julia eine verbeamtete Anstellung hatte, verlor sie sie kurz nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten: Am 7. April 1933 erließen sie das Gesetz „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, nach dem mit wenigen Ausnahmen alle „nicht arischen“ Beamte in den Ruhestand versetzt werden sollten. Vielleicht war dies der Grund, warum Julia in den 30er Jahren nach Berlin zog. Dort wohnte sie in der Giesebrechtstraße 13 zur Untermiete bei Michelsohn. 1939, bei der Volkszählung im Mai, in der Juden in einer eigenen Ergänzungskartei registriert wurden, erfasste man sie in der Giesebrechtstraße. Allerdings wurde sie bald darauf genötigt umzuziehen, in sicherlich beengtere Verhältnisse zur Untermiete bei Anna Rosenow in der Niebuhrstraße 77. Dort erhielt Julia, die sich als Privatlehrerin durchschlug, im Dezember 1941 das Formular zur „Vermögenserklärung“ – der Vorbote zur Deportation. Julia Ehrlich füllte es gewissenhaft aus. Die sehr detaillierten Angaben zu ihrer Habe – z.B. 4 Koffer, 3 Brillen, 10 Taschentücher, 55 Bücher, 5 Lexika, 1 Pelz, 9 Paar Strümpfe und vieles mehr, inklusive ihres Restvermögens bei der Sparkasse Tilsit - lässt ahnen, dass sie einst gutsituiert gewesen sein muss. Das Inventar des Gerichtsvollziehers nach ihrer Deportation enthält aber eine nur spärliche Auflistung: 1 Koffer enthaltend Kleider und Wäsche, stark gebraucht, 1 eiserne Kassette, leer, Gesamtwert 8 RM. Alles andere scheint – von wem auch immer – geplündert worden sein.

Im Januar 1942 wurde Julia von der Gestapo abgeholt und in die zum Sammellager umfunktionierte Synagoge in der Levetzowstraße 7/8 gebracht. Anschließend musste sie mit weiteren rund Tausend Leidensgenossen am 13. Januar 1942 zu Fuß bis zum Bahnhof Grunewald laufen, von wo aus sie nach Riga – die Stadt ihrer Kindheit, welch bittere Schicksalswendung! - deportiert wurden. Von der Stadt sah sie jedoch nichts mehr, alle Deportierten wurden direkt in das Ghetto verbracht.

Das Ghetto Riga war von den Deutschen nach der Einnahme der Stadt im Juli 1941 eingerichtet worden. Fast 30000 lettische Juden waren dort auf engstem Raum und unter erbärmlichen Bedingungen eingepfercht. Ende November und Anfang Dezember des Jahres ließ die SS über 90% von ihnen ermorden – um Platz für die zu deportierenden „Reichsjuden“ zu schaffen. Die Menschen in dem ersten Zug aus Berlin, der am 30. November 1941 ankam, wurden alle ebenfalls sofort erschossen, eine „Eigenmächtigkeit“ des SS-Führers Friedrich Jeckeln, die ihm eine Rüge von Himmler einbrachte. Himmler hatte dieses Schicksal nur „Arbeitsunfähigen“ zugedacht. Julia war als „arbeitsfähig“ eingestuft worden. Ihr Zug erreichte Riga am 16. Januar 1942. Wir wissen nicht, ob sie dort überhaupt lebend ankam, denn viele Insassen erfroren bereits auf der Fahrt. Zahlreiche andere wurden bei Ankunft erschossen. Wenn sie nicht zu den sofort Ermordeten gehört haben sollte, erwarteten sie äußerst harte Lebensbedingungen: Zu sechst hatten sie sich 2 Zimmer zu teilen, überall sah man noch Spuren der Massenermordung der lettischen Juden, Ernährung und Hygiene waren katastrophal, im Winter gab es kein Wasser, da die Rohre eingefroren waren. Zudem wurden die Insassen zu harter Zwangsarbeit herangezogen. Nur 15 Deportierte dieses Zuges überlebten, Julia Ehrlich war nicht unter ihnen. Ihr Todesdatum ist nicht bekannt.

Julias Schwestern Alma, Hedwig und wahrscheinlich auch Rosa wurden ebenfalls Opfer der Shoa. Alma, verheiratete Wilk, wurde von Tilsit aus am 25. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 10. Januar 1943 den unmenschlichen Lebensbedingungen im Ghetto erlag. Hedwig, verheiratete Hausen, verschleppte man am 19. Februar 1943 nach Auschwitz. Sie kam nicht zurück. Rosa war mit ihrem Cousin Ivan Hans Jacobi verheiratet, ein Wirtschaftsjurist und zionistischer Aktivist, und lebte mit ihm in Zagreb. Ivan starb 1941 nach Verfolgung durch kroatische Faschisten, Rosa soll 1942 „in einem Konzentrationslager“ umgekommen sein, sie ist allerdings in keinem Gedenkbuch verzeichnet. Von Bianka wissen wir nur, dass sie 1933 in zweiter Ehe Moritz Silberblatt heiratete und mit ihm in der Trautenaustraße lebte. Sie ist aber vermutlich vor 1939 gestorben, da sie nicht bei der Volkszählung mit registriert wurde. Moritz Silberblatt wurde nach Theresienstatt deportiert und traf dort auf seine Schwägerin Alma Wilk. Er starb im Ghetto im Februar 1943, für ihn liegt ein Stolperstein vor der Trautenaustraße 18. Hugos Schicksal bleibt ungeklärt. Er betrieb in Tilsit eine Anwaltskanzlei zusammen mit seinem Bruder Arthur und seinem Schwager Leo Wilk. Noch 1933 ist er im Adressbuch Tilsit aufgeführt, dann verliert sich seine Spur. Arthur hingegen konnte mit seiner Frau Elise knapp vor Kriegsausbruch nach Palästina flüchten. Sie sind die Eltern des in Israel bekannten Komponisten Abel Ehrlich.


Biographical Compilation

Recherchen/Text: Micaela Haas

Additional Sources

Adressbücher Riga; Adressbücher Tilsit;