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Amalie Perls (born Rund)

Foto: A. Bukschat & C. Flegel
LOCATION
Prinzregentenstr. 77

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
STONE WAS LAID
05/21/2008

BORN
11/29/1858 in Laurahütte / Huta Laura
DEPORTATION
on the 7th of September 1942 to Theresienstadt
MURDERED
10/07/1942 in Theresienstadt

Amalie Perls kam am 29. November 1858 als Tochter des Schneidermeisters Bernhard Rund (1832–1911) und seiner Ehefrau Emilie Minna Rund, geb. Preuss (1834-1905) in Laurahütte (damals in Preußen, heute Teil von Siemianowice Śląskie/Polen) auf die Welt. Laurahütte, eine Siedlung nahe der 1836 gegründeten Eisenhütte gleichen Namens, liegt in der Nähe von Kattowitz (Katowice/Polen) am Rande des oberschlesischen Industriereviers. Die Gegend ähnelte dem Ruhrgebiet im Westen Deutschlands: Rund um die nicht weit voneinander entfernten Gruben und Eisenhütten lagen die Siedlungen für die Bergleute, die kleinen Orte und auch die größeren Städte wie Kattowitz, Beuthen (Bytom/Polen) und Gleiwitz (Gliwice/Polen). Hier lebten Polen und Deutsche. Laurahütte war von Hugo Henckel von Donnersmarck (1811–1890), einem der adeligen Großgrundbesitzer und Montanindustriellen, und den Gebrüdern Oppenfeld gegründet worden. Die meisten zugewanderten Juden waren Händler und gehörten – wenn sie wohlhabende Kaufleute geworden waren oder/und durch ein Studium – zum bürgerlichen Mittelstand des Industriereviers. Dies galt auch für die Familie Rund: Vater und Mutter von Amalie Rund stammten aus Oberschlesien, der Vater aus ihrem Geburtsort Laurahütte, die Mutter aus Gleiwitz. Amalie Rund hatte sechs Geschwister, darunter den 1871 in Beuthen geborenen Bruder Eugen, der Arzt wurde und später – wie ihre Eltern – auch in Berlin leben sollte. Die Eltern von Amalie Perls lebten seit ungefähr 1885 in der damals noch selbstständigen Stadt Charlottenburg. Dort besaß ihr Vater Bernhard Rund eine Schneiderei, einen Tuchladen und ein Geschäft für Herrenmoden. Ihr Bruder Eugen lebte bei den Eltern und führte dort auch seine Arztpraxis.
Amalie Rund war – wie damals üblich – ohne höhere Schulbildung und Berufsausbildung. Sie heiratete einen Kaufmann aus Oberschlesien, den am 6. Februar 1857 im nahen Kattowitz geborenen Nathan Perls. Dessen Vater Wilhelm Perls war Lehrer an der „Jüdischen Elementarschule“ in Beuthen, eine der ältesten jüdischen Gemeinden in Oberschlesien. Nathan Perls hatte ebenfalls sechs Geschwister. Seine Eltern lebten und starben in Oberschlesien, die Mutter bereits 1885 in Beuthen, der Vater ungefähr 1904 in Kattowitz.
In welchem Jahr Amalie und Nathan Perls nach Berlin gekommen sind, bleibt unklar, 1885 findet sich Nathan Perls das erste Mal im Berliner Adressbuch. In den Biografien über seinen Sohn Fritz Perls, der als Begründer der Gestaltpschologie bekannt wurde, wird sein Beruf mit Weinhändler und Vertreter der bekannten Firma Rothschild angegeben, aber Nathan Perls hatte vorher bereits andere Firmen besessen. Art und Anschriften der Geschäfte/Firmen von Nathan Perls und auch der Wohnungen der Famile erzählen eine Erfolgsgeschichte:
Anfangs besaß Nathan Perls ein Geschäft für Herren- und Knabengarderobe in der Luisenstadt (heute der nördliche Teil Kreuzbergs) und Mitte, dann zog die Familie für kurze Zeit in das sogenannte Scheunenviertel, dem Viertel der meist armen und traditionell lebenden Juden aus dem „Osten“. Nathan Perls wurde Inhaber einer „Stiefel-Besohl-Anstalt“ mit mehreren Filialen. Amalie Perls führte das Leben einer Mutter und Hausfrau, wobei sich ihre Lebens- ud Arbeitsbedingungen mit dem höheren Verdienst ihres Ehemannes verbesserten. Noch in der Luisenstadt und in Mitte wurden kurz nacheinander ihre drei Kinder geboren, am 20. Januar 1891 die Tochter Elisabeth (Else genannt), am 5. Februar 1892 die Tochter Margarethe und am 8. Juli 1893 der Sohn Friedrich Salomon (Fritz). Im armen und engen „Scheunenviertel“ verbrachten sie die ersten Jahre ihrer Kindheit.
Danach ging es nach „Westen“, für zwei Jahre in die Lutherstraße 14 (zwischen Kleist- und Wormser Straße, heute nicht mehr existent) und dann von 1899 bis in den Ersten Weltkrieg in die Ansbacher Straße 53 (heute Nr.13). Beide Häuser lagen in einer bürgerlichen Wohngegend nicht weit entfernt vom Wittenbergplatz. Der Ehemann von Amalie Perls hatte die Vertretungen der Rothschildschen Weine übernommen, er verdiente gut und war Freimaurer geworden – auch dies sicherlich ein Zeichen für ein wenig religiöses, assimiliertes bürgerliches Leben. Amalie Perls dagegen hielt die jüdischen Festtage ein und ernährte sich im Gegensatz zu ihrem Ehemann koscher.
In der Ansbacher Straße 53 wohnte die Familie zunächst in einer 4-Zimmer-Wohnung im Hinterhaus und zog dann in eine größere Wohnung im Vorderhaus. Amalie Perls beschäftigte nun ein Dienstmädchen. Amalie Perls wird als „kunstliebend“ geschildert. Sie sparte, um mit ihrem Sohn (und den Töchtern?) Theater und Museen besuchen zu können.
1914/1915 zog die Familie Perls (Eltern und drei erwachsene Kinder) in die Tharandter Straße 5 im Bayerischen Viertel. 1922 heiratete die Tochter Margarethe den Musikinstrumentenhändler und Geigenbauer Salomon Gutfreund (1880–1963). Sohn Friedrich, der von 1913 bis 1919 Medizin studiert und beim Roten Kreuz am Krieg teilgenommen hatte, lebte weiterhin bei den Eltern und der Schwester Elisabeth (Else) und unterstützte sie während der Inflation. 1930 heiratete auch er und zog mit seiner Ehefrau Loren nach Berlin-Schöneberg. 1931 kam Amalie Perls Enkelkind Renate auf die Welt.
Die Tochter Elisabeth (Else) Perls blieb unverheiratet und lebte mit den Eltern. Sie war „stark sehbehindert“, „trug eine Brille“, laut Transportliste war sie „blind“ – aber sie arbeitete als Sekretärin bei der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Nathan Perls starb am 17. November 1933 im Jüdischen Krankenhaus. Amalie Perls und Tochter Elisabeth (Else) blieben noch einige Jahre in der Wohnung Tharandter Straße 5. Sohn Friedrich Perls emigrierte gleich 1933 in die Niederlande, von dort 1935 nach Südafrika und 1946 in die USA. Tochter Margarethe floh 1939 nach Shanghai und gelangte später über Palästina/Israel ebenfalls in die USA.
Amalie Perls und ihre Tochter Elisabeth wohnten zum Ende der 1930er-Jahre in der Prinzregentenstraße 77, nicht weit entfernt von der Tharandter Straße. Ihre letzte, nicht mehr selbst gewählte Anschrift war die Klopstockstraße 30 im Bezirk Tiergarten. Hier wohnten sie zur Untermiete bei Arthur Kosterlitz (1867–1942), der ebenfalls aus Oberschlesien stammte.

Am 7. September 1942 wurden Amalie und Elisabeth Perls (wie auch ihr Vermieter) mit dem „58. Alterstransport“ nach Theresienstadt deportiert. Von den 100 Verschleppten waren nur vier Personen unter 60 Jahren, darunter die Tochter Elisabeth, in der Transportliste mit dem Vermerk „blind“ aufgeführt.
Amalie Perls starb bereits nach einem Monat, am 7. Oktober 1942, an den elenden Haftbedingungen in Theresienstadt, offiziell hieß es: „Bronchitis, Herzschwäche“.

Ihre Tochter Elisabeth Perls lebte noch bis zum Oktober 1944 in Theresienstadt. Am 16. Oktober 1944 wurde sie nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet. Amalie Perls Vermieter Arthur Kosterlitz wurde weiterdeportiert und am 29. September 1942 in Treblinka ermordet.

Dr. med. Eugen Rund, der Bruder von Amalie Perls, wurde am 17. März 1943 nach Theresienstadt verschleppt und von dort nach Auschwitz, wo er ebenfalls 1944 ermordet wurde. Seine Ehefrau Margarete überlebte. Rosalie Rund (*1862) und Clara Rund (*1868), zwei Schwestern von Amalie Perls, wurden 1942 im Vernichtungslager Treblinka umgebracht.


Biographical Compilation

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll

Additional Sources

Berliner Telefonbücher;
Bernd Bocian: Lebenserfahrung und Theorieproduktion - Fritz Perls in Berlin 1893 – 1933 - Ein Beitrag zur deutschen Vorgeschichte und zugleich zur Aktualität von Gestalttherapie und Gestaltpädagogik, Dissertation TU Berlin 2003 – https://depositonce.tu-berlin.de/bi...
Sophie Fetthauer: Salomon Gutfreund, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2007 (https://www.lexm.uni-hamburg.de/obj...);
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Jewish Transmigration Bureau (JDC) 1940–1942, Einzahlungskarten, digitalisiert;
Rebecca Schwoch (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus, Berlin/Teetz 2009;
https://www.geni.com/people/;
https://www. juedische-gemeinden.de;
sztetl.org.pl;
https://igfb.de/wp-content/uploads/....