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Otto Rathe

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
LOCATION
Schlüterstr. 54

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
09/23/2010

BORN
05/04/1875 in Berlin
FLIGHT INTO DEATH
04/01/1942

Otto Rathe und Paul Rathe waren Brüder. Beide wurden in Berlin geboren, Otto am 4. Mai 1875, Paul am 6. Februar 1873, als Söhne von Hermann Rathe und Natalie, geb. Cohn. Hermann Rathe war Teilhaber einer Fabrik, in der zunächst Metallknöpfe, später Goldleisten hergestellt und auch exportiert wurden. Um 1898 starb er und seine Witwe zog – offenbar mit ihren Söhnen – in eine Wohnung am Kurfürstendamm 261 (heute Budapester Straße). 1902 verzeichnet das Adressbuch erstmals auch Paul Rathe, ebenfalls am Kurfürstendamm 261. Er war bereits Leutnant der Reserve und Kammergerichtsreferendar. Er hatte also vor, eine juristische Laufbahn einzuschlagen. 1905 hatte er sich für die Polizeilaufbahn entschieden, er war als Polizei-Referendar eingetragen. Otto machte eine kaufmännische Ausbildung und hatte ab 1906 einen selbständigen Eintrag im Adressbuch, wiederum mit der gleichen Adresse.

Ein Jahr später wohnten beide Brüder am anderen Ende des Kurfürstendamms, Nummer 124 (Halensee). Ihre Mutter war wahrscheinlich gestorben. Paul bezeichnete sich inzwischen als Polizei-Assessor. 1923 – Paul war zum Polizei-Rat aufgestiegen – findet man beide Brüder in Treptow, Rethelstraße 8. Otto hatte nun eine Anstellung als Rendant (Rechnungsführer), später auch als Geschäftsführer bezeichnet, vermutlich schon damals dort, wo er bis in die 1930er Jahre hinein arbeiten sollte: bei der Treptower Sternwarte, heute Archenold-Sternwarte.

Beide Brüder blieben ledig und wohnten in der Rethelstraße zusammen, bis sie 1936, auch gemeinsam, nach Charlottenburg zogen. Otto wurde vermutlich Ende dieses Jahres wegen seiner jüdischen Abstammung entlassen, so wie auch der Leiter der Sternwarte und Sohn des Begründers, Günther Archenold. Paul war schon 1933 in den Ruhestand versetzt worden, wahrscheinlich aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933. Beide, Paul und Otto Rathe, betonten, dass sie sich nicht dem jüdischen Glauben verbunden fühlten: Paul war evangelisch, Otto bezeichnete sich als konfessionslos. Aber dies nützte ihnen wenig.

Im Juni 1936 also mieteten die Brüder ein gemeinsames Zimmer in der Familienpension von Rosa Phiebig in der Schlüterstraße 54. Otto, Geschäftsführer a.D., erhielt eine nicht bezifferte Rente, Paul, Polizei-Rat i.R., bekam eine Pension, die allerdings für „Zwangspensionierte“ durch die „Siebente Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ vom 5. Dezember 1938 reduziert wurde.

Ende März 1942 erhielten die Brüder Rathe, wie auch andere Bewohner der Pension Phiebig, die Aufforderung, die „Vermögenserklärung“ auszufüllen und sich für die „Abwanderung“ (für die auch sie 50 RM bezahlen mussten) bereit zu halten. Paul und Otto füllten das Formular minutiös aus, 178 RM im Monat brauche jeder für den Lebensunterhalt, wahrscheinlich der für sie durch „Sicherheitsanordnung“ festgelegte Betrag. Über die ca. 17000 RM in Wertpapieren, die jeder hatte, konnten sie schon seit längerem nicht mehr frei verfügen. Atlas, Weltkugel, Theaterglas und 225 Bücher zeugen von Bildungsbeflissenheit, die Kleiderliste davon, dass sie trotz aller widrigen Umstände auf ein gepflegtes Aussehen bedacht waren, so etwa die hohe Zahl von Krawatten und Kragen, die jeder besaß.

Am 30. März 1942 unterschrieben beide die jeweilige Vermögenserklärung, der erzwungenen „Abwanderung“ mochten sie sich jedoch nicht stellen: am 1. April flüchteten sie, die praktisch ihr ganzes Leben gemeinsam verbracht hatten, auch gemeinsam in den Tod. Nach dem Zweiten Weltkrieg berichtete ein entfernter Verwandter, Paul Rathe habe sich in seinem Büro im Polizeipräsidium das Leben genommen. So unwahrscheinlich das klingt, etwas mag vielleicht dran sein, denn die Schätzer der Gestapo gaben im April 1942 zu Protokoll, sie hätten das Inventar nicht bewerten können, da „sich laut Hausverwaltung die Schlüssel bei der Polizei“ befänden.

Schließlich wurde das Zimmer der Brüder durch einen bestellten Nachlasspfleger geräumt, der durch die Versteigerung der Einrichtung noch über 3000 RM erzielte und einen Wertpapierbestand von fast 40000 RM ausmachte. Er ermittelte auch ganz förmlich und recht umständlich sieben mögliche Erben, von denen einige im jüdischen Altenheim Große Hamburger Straße 26, andere bereits emigriert waren, um dann zu dem Schluss zu kommen, dass sie alle „nicht in Betracht“ kämen. Das ganze Vermögen wurde also bedenkenlos vom Staat „eingezogen“.


Biographical Compilation

Dr. Micaela Haas