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Josefine Huldschinsky (born Sorger)

Foto: KHMM
Historisches Foto des Bayerischen Platzes, ca. 1912. Bild: entnommen aus dem Gedenkbuch Katholische Schule Liebfrauen Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 (Hrsg.)
Foto einer Gedenktafel im Bayerischen Viertel. Bild: entnommen aus dem Gedenkbuch Katholische Schule Liebfrauen Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 (Hrsg.)
Das Eingangsschild zum Gestapo-Gefängnis im KZ Theresienstadt Bild: entnommen aus dem Gedenkbuch Katholische Schule Liebfrauen Wahlpflichtkurs Geschichte 2010/2011 (Hrsg.)
LOCATION
Ahornallee 50

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
06/28/2011

BORN
09/05/1870 in Wien
DEPORTATION
on the 17th of March 1943 to Theresienstadt
MURDERED
04/09/1943 in Theresienstadt

Josephine Huldschinsky, geborene Sorger, erblickte am 5.9.1870 in Wien das Licht der Welt. Sie war evangelisch, was darauf schließen lässt, dass sie ein „Mischling ersten oder zweiten Grades“ war oder aber sie selbst oder ihre Familie vom Judentum zum Christentum konvertiert waren. Zudem war sie verheiratet. Wir wissen über den Mann allerdings nur, dass er bereits tot war, als sie ihre Vermögenserklärung ausfüllte. Höchstwahrscheinlich war ihr Ehemann ein Bruder von Gertrud Heller. Sie lebte die ersten 40 Jahre ihres Lebens in Wien und zog dann am 3.6.1910 nach Berlin. Josephine wohnte zuerst in der Barbarossastraße 18 im Bayrischen Viertel. Dieses Viertel war um diese Zeit ein bei der jüdischen Bevölkerung sehr beliebter Stadtteil Berlins (Abb.12 Foto vom historischen Bayrischen Viertel). Heute ist das Bayrische Viertel unter anderem eine Gedenkstätte für die ermordeten Juden. An den Laternenpfählen hängen Schilder, auf denen verschiedene Gesetze, die gegen Juden entworfen wurden stehen oder geschriebene Briefe von den jüdischen Verfolgten.

Im Jahre 1939 zog Josephine zu ihrer Schwägerin Gertrud Heller und deren Tochter Annemarie Heller in die Ahornallee 50. Die Ahornallee mündet in den Theodor-Heuss-Platz, der am 21. April 1933 in „Adolf- Hitler-Platz“ umbenannt wurde. Sie lebte dort in einer schönen Villa. Dies lässt auf einen gehobenen Lebensstandard ihres Lebens schließen. In der Ahornallee wohnte sie als Untermieterin und musste100 RM Miete im Monat zahlen. Der Vermögenserklärung war zu entnehmen, dass sie als Untermieterin ein komplettes Schlafzimmer sowie eine Figurengruppe aus Marmor besaß. Weiterhin gab sie an, dass sie 15.000 RM in Wertpapieren und ein Guthaben von 19.200 RM bei der Deutschen Bank besaß. Frau Huldschinsky war also eine wohlhabende Frau. Die Nationalsozialisten haben ihr alles geraubt, auch ihr Leben.

In der Ahornallee 50 existierte vor dem Krieg eine Holzvertriebsfirma Wittkowsky. Eine Schwester von Gertrud Heller, geborene Huldschinsky, und damit Schwägerin von Josephine trug nach ihrer Hochzeit den Namen Wittkowsky. Es ist daher anzunehmen, dass die Huldschinskys beruflich und familiär in Verbindung mit dieser Firma standen, vielleicht sogar damit ihr Geld verdienten. Genaueres zu diesen Zusammen- hängen war den Entschädigungsakten im Landesarchiv Berlin leider nicht zu entnehmen.

Der Transport
Am 18. 3. 1943 wurde Josephine Huldschinsky mit der Häftlingsnummer 11666 nach Theresienstadt deportiert. Kurz vorher wurde sie aber noch im Sammellager in der Leistikowstraße 2 untergebracht, wo sie ihre Ver- mögenserklärung ausfüllen musste. Allerdings wurde ihre Wohnung erst am 16.06.1943 geräumt. Sie starb am 9.4.1943, also in einem Zeitraum von weniger als einem Monat, im Alter von 72 Jahren in Theresienstadt.

Josephine Huldschinsky wurde am 18.03.1943 mit dem Transport 1/90 von Berlin nach Theresienstadt transportiert. Dieser Transport war offiziell der dritte große Alterstransport. In diesem Transport befanden sich, wie der Name bereits vermuten lässt, hauptsächlich Leute über 55 Jahren aus der Region Berlin-Brandenburg. Während des Transportes war sie mit der Nummer 11666 markiert, die Transportnummer war also 1/90-11666. In diesem Transport befanden sich 1285 Personen, von denen 1064 Personen den Transport oder die Zeit im Konzen- trationslager nicht überlebten. Lediglich 218 derjenigen, die Josephine begleiteten, haben es geschafft, von drei weiteren Personen ist das Schicksal unbekannt. Diese Zahlen sind allerdings nicht sehr verwun- derlich, wenn man sich die Umstände des Transportes und in den Konzentrationslagern ansieht. Die Juden wurden in Viehwaggons gezwängt, es gab keine Toilette. Die kleinen Fenster, die einzige Luftzufuhr, waren mit Stacheldraht umwickelt, es gab nichts zu trinken.

Auch die Dauer des Transportes, vermutlich ca. zwei Tage war ein Grund für die hohe Sterberate in dem Transport 1/90.

Wie aus der Transportliste, die wir im Landesarchiv Brandenburg einsehen konnten, hervorgeht, waren auch alle drei Personen der Familie Lewinnek, eine jüdische Familie aus der Ahornallee 10, die von einer anderen Gruppe recherchiert wurde, in diesem Transport.

Das Konzentrationslager Theresienstadt
Josefine Huldschinsky wurde am 18.3.1943 in das KZ Theresienstadt depor- tiert. Das KZ Theresienstadt war seit 1940 ein Kon- zentrationslager. In dieses KZ wurden vor allem alte Leute, vorrangig Juden, aber auch Sinti und Roma oder Homosexuelle, depor- tiert. Daher ist es nicht 

Verwunderlich, dass Josefine Huldschinsky, bei ihrer Deportation bereits 72 Jahre alt, in dieses KZ deportiert wurde. Die meisten Häftlinge kamen aus dem Reichsprotekterat Böhmen und Mähren“. Bereits die „Empfangszeremonie“ im Lager war sehr brutal und erniedrigend. So wurden die Häftlinge beleidigt und geschlagen, meistens mit Gummiknüppeln oder Peitschen. Orthodoxen Juden wurden zur Belustigung der SS-Wachen beispielsweise die Bärte und Locken abgeschnitten. Theresienstadt wurde von den Nationalsozialisten auch als „Vorzeigelager“ genutzt. Der Grund dafür war, dass ein Komitee des internationalen roten Kreuzes das KZ am 23. Juni 1944 besuchte. Dafür wurden von der SS Cafés und Bäder errichtet, die die Gesandten über die wahren Begebenheiten täuschten.

Trotz dieser „besseren Umstände“ starben allein ein Viertel aller Häft- linge an Unterernährung und/oder Krankheiten. Insgesamt wurden inner- halb von fünf Jahren ca. 141.000 Personen nach Theresienstadt deportiert. Darunter befanden sich 15.000 Kinder, von denen gerade mal 150 den Krieg überlebten. Vor allem an Typhus starben viele Häftlinge.

Weitere zwei Viertel wurden weiter in die Vernichtungslager Auschwitz, Treblinka und Sobibor deportiert.

Josephine Huldschinsky bekam von den Verbesserungen für das Rote Kreuz jedoch nichts mit. Man kann davon ausgehen, dass sie in einer der vielen Altersbaracken zusammen mit vielen anderen unter grausamen Lebensbedingungen leben musste. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Josefine Huldschinsky bereits am 9.4.1943 in Theresienstadt starb, nicht einmal einen Monat nach ihrer Ankunft.


14 Schülerinnen und Schüler der Katholischen Schule Liebfrauen nahmen sich im Geschichtskurs des Schuljahrs 2010/11 vor, das Leben und Sterben von Opfern des Nationalsozialismus zu recherchieren und ihrer zu gedenken, indem sie Stolpersteine verlegten. Sie erfuhren die Namen von neun Menschen, die in der Ahornallee, der Straße der Schule, gewohnt hatten. Diese Menschen wollten sie kennenlernen, indem sie möglichst viele Informationen über ihr Leben und Schicksal in Erfahrung bringen, damit sie und die schrecklichen Folgen des rassistischen Antisemitismus während des Nationalsozialismus in Deutschland nicht vergessen werden. Das Ergebnis eines halben Schuljahres an Recherchearbeit waren eine Broschüre und die Stolpersteinverlegung mit einem Gedenken.

Die Stolpersteine für Josefine Huldschinsky und Gertrud Lisbeth Heller, zuletzt wohnhaft Ahornallee 50, sowie für Berta, Alice und Gittel Zellner, Albert, Pauline und Hertha Lewinnek und Hildegard Peril, zuletzt wohnhaft in der Ahornallee 10 wurden von den Schülerinnen und Schülerinnen der Katholischen Schule Liebfrauen und einigen Eltern gespendet und am 28.06.2011 verlegt.

Gedenkbuch: Stolpersteine in der Ahornallee von der Kath. Schule Liebfrauen:
http://alt.katholische-schule-liebf...

Biographical Compilation

Vincent Bodenstein, Benedikt Lietz (Klasse 9b) & Lennart Schima
(Klasse 9c)