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Lieselotte Wenik

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
LOCATION
Savignyplatz 4

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
06/07/2011

BORN
04/23/1928 in Tilsit / Sowetsk
DEPORTATION
on the 12th of March 1943 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Die Familie Wenik hat nur wenige Jahre in Berlin gelebt. Tochter Lieselotte Wenik kam am 25. April 1928 in Tilsit, der ostpreußischen Grenzstadt an der Memel (heute Sovetsk/Russische Föderation) auf die Welt, als jüngstes von drei Kindern des Kaufmannes Julius Wenik (1886–1942) und seiner Ehefrau Ida, geb. Zelasnitzky (1892–1942). Ihr Bruder Siegbert war 1921 geboren worden, die Schwester Hanna Renate 1923.
Lieselottes Vater stammte aus Schirwindt an der Grenze zu Litauen. Dort lebten noch immer Verwandte als Lebensmittel- und Textilhändler, andere waren in die größeren Städte, nach Königsberg oder Tilsit, gezogen. Die Mutter stammte aus dem Kreis Ortelsburg. Vater Julius Wenik hatte 1919 geheiratet und in Tilsit gemeinsam mit einem Kompagnon die Firma Leiner & Wenik, ein großes Bekleidungsgeschäft, eröffnet. Lieselottes Großeltern Zelasnitzki und zwei der vier (?) Onkel mütterlicherseits lebten in Allenstein, wo die Männer als Holzhändler arbeiteten. Die Großeltern starben in Allenstein. Vier Onkel konnten sich Ende der 1930er-Jahre vor den Nationalsozialisten ins Ausland retten.
Anfangs wohnte die Familie in Tilsit zur Miete. Lieselotte verbrachte ihre Kindheit bereits im eigenen Haus des Vaters in der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade 27, einer Promenade am idyllischen Schlossteich der Stadt. Das Haus in der Nähe des Teichs und einer Grünanlage war sicherlich ein schöner Ort für das Kind. Ostern 1934 wurde Lieselotte Wenik eingeschult. Der Vater verließ zu dieser Zeit die Firma Leiner & Wernik und wurde Mitinhaber und 1935 Alleininhaber des Textilgeschäftes Wenik & Alterthum. Am 30. Mai 1938 wurde das Geschäft von dem Kaufmann und Gastwirt Robert Noetzel „übernommen“.
Im November 1938 wurden auch in Tilsit die Synagoge in Brand gesteckt und die Geschäfte jüdischer Inhaberinnen und Inhaber demoliert. Laut Adressbuch für das Jahr 1939 wohnte die Familie Wenik noch immer im eigenen Haus an der Oberbürgermeister-Pohl-Promenade. Im Frühjahr 1939 mussten viele Tilsiter Juden ihre Häuser verlassen. Auch die Familie Wernik lebte während der Volkszählung im Mai 1939 nicht mehr im eigenen Haus. – Dass die Eltern und Verwandten große Sorgen und Nöte hatten, wird auch Lieselotte gemerkt haben.
Ungefähr im Herbst 1939 verließen die Eltern Wernik mit ihren Kindern die Heimat Ostpreußen und gingen nach Berlin. Es begann ein Leben zur Untermiete bei anderen Juden. (Dabei bleibt vieles unklar, Daten widersprechen sich, es gibt Lücken, es bleibt die Frage nach dem letzten freiwillig gewählten Wohnsitz.) Nach den wenigen erhaltenen Dokumenten wechselte die Familie zweimal die Wohnung: Zuerst wohnte sie im Bezirk Wilmersdorf in der Sächsischen Straße 7 bei der jüdischen Witwe und Rentiere Ida Jolowicz. Dann zog sie nach Charlottenburg und wohnte dort zur Untermiete bei dem Kaufmann Max Bergwerk in der Bleibtreustraße 17. (Max Bergwerk wurde mit Ehefrau und Tochter am 30. November 1941 nach Riga deportiert.) Die Familie Wenik zog wieder um und fand im Frühjahr 1942 eine Bleibe bei Martha Treitel (1858–1942) und ihrer Tochter Margarethe (1878–1969) im dritten Stock des Hauses Savignyplatz 4 in Charlottenburg. Die beiden Frauen wurden im Juni 1942 nach Theresienstadt deportiert. Wer war nun Hauptmieter der Wohnung?
Lieselotte Wenik kam nach Berlin, als den Juden das Betreten öffentlicher Orte bereits verboten war, sie durfte also nicht in den Zoo, nicht in den Park, nicht auf den Rummelplatz, nicht ins Kino, nicht ins Schwimmbad oder auf den Sportplatz. Auch die Städtischen Jugendbüchereien waren ihr verschlossen. Seit dem Herbst 1939 gab es in der Wohnung kein Radio mehr – keine Musik, keinen Kinderfunk. Seit September 1941 musste auch Lieselotte Wenik einen gelben Stern tragen, seit März 1942 musste zusätzlich ein Stern an die Wohnungstür befestigt werden.
Der Vater war als Lagerarbeiter zu Zwangsarbeit verpflichtet. Der große Bruder Siegbert Wenik hatte wohl anfangs eine „Chemieschule“ besucht. Später musste er als Dreher Zwangsarbeit leisten. Was tat Hanna Renate?
Lieselotte Wenik war im Januar 1940 in die 6. Klasse einer Volksschule (welcher?) aufgenommen worden und absolvierte bis Ende März 1942 die acht vorgeschriebenen Schuljahre. Am 28. Juli 1942 starb ihre Mutter in der Wohnung am Savignyplatz. Wenige Wochen danach begann die Deportation der anderen Familienmitglieder: Als erster wurde Siegbert Wenik am 15. August 1942 nach Riga deportiert und dort gleich nach der Ankunft ermordet. Vater Julius Wenik und Schwester Hanna Renate wurden am 9. Dezember 1942 gemeinsam nach Auschwitz verschleppt und ermordet. Lieselotte hatte als „Kind“ auf der Transportliste gestanden, war dann aber gestrichen worden. (War sie Zwangsarbeiterin? Nachdem im Juni 1942 auch die jüdischen Schulen geschlossen worden waren, wurden die jüdischen Kinder und Jugendlichen schon mit 14 Jahren zur Zwangsarbeit herangezogen.) Lieselotte Wenik war nun allein. Aber sie wohnte weiter in der Wohnung im Haus Savignyplatz 4, jetzt bei der Familie Gumpel: Erich Gumpel, seiner Ehefrau Sabine, ihrer Tochter Marion mit der im Juni 1942 geborene Enkelin Reha. Am 29. Januar 1943 wurde auch die Familie Gumpel deportiert.
Lieselotte Wenik wurde am 12. März 1943, nicht ganz 15 Jahre alt, vom Bahnhof Putlitzstraße aus nach Auschwitz verschleppt. (Laut Transportliste hatte sie noch immer bei Gumpel gewohnt.) Es war der letzte Transport im Rahmen der „Fabrikaktion“. Sie kehrte nicht zurück.


Biographical Compilation

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll

Additional Sources

Adressbuch für die Stadt Tilsit und Vororte 1924/25;
Einwohnerbuch der Stadt Tilsit 1933, 1939;
Berliner Telefonbücher;
Deutscher Reichsanzeiger 1904, 1909, 1919, 1923, 1925, 1934;
HU Datenbank Jüdische Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Jüdische Zwangsarbeiter bei Ehrich & Graetz, Berlin-Treptow, hrsg.v. Aubrey Pomerance, Reihe Zeitzeugnisse aus dem Jüdischen Museum Berlin, Berlin 2003;
Julia Larina: Stadtuntergang. Schirwindt, das es nicht mehr gibt, Sankt Augustin/Berlin 2019, pdf;
Namensliste selbständiger Unternehmer und Handwerker aus Schirwindt aus 1895;
Tilsiter Rundbrief, Ausgabe 1975/76, hrsg.v.d. Stadtgemeinschaft Tilsit;
https://www.geni.com/people/;
https://www.mappingthelives.org/;
https://www.statistik-des-holocaust...
https://www.juedische-gemeinden.de/;
https://docplayer.org/36995336-Zeit...
https://archiv.preussische-allgemei...
Informationen von Erich Clef-Prahm, Naomi Mc Keown und Ellen Meyer.