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Fritz Hahn

Foto: Initiative Stolpersteine Charlottenburg-Wilmersdorf
LOCATION
Tauentzienstr. 13 A

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
07/30/2005

BORN
10/18/1922
MURDERED

Fritz Hahn wurde am 18.Oktober 1922 in eine jüdische Familie in Breslau geboren. Da Fritz spastisch gelähmt war, wohnte er im „Dauerheim Weißensee“ des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes in der Wörthstraße 20, der heutigen Smetanastraße in Berlin-Weißensee. Dieses Heim hatte Platz für 30 männliche und 30 weibliche erwachsene Menschen mit Behinderungen, die aus der „Israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz (Mark)“ entlassen worden waren. Fritz wurde im Zuge der nationalsozialistischen Behinderten- und Krankenmorde, welche 1941 nur zum Schein eingestellt worden waren und bis zum Kriegsende unvermindert mit unterschiedlichsten Methoden fortgesetzt wurden, ermordet. Sein Bruder Günther schreibt später dazu: „Fritz turned out to be a spastic child. Fritz was “eliminated” by the Nazis. By then it was too late (1939) for my parents to get out of Germany.”
Vermutlich sind auch alle anderen jüdischen Bewohner des Heims ermordet worden. Im Archiv des Centrum Judaicum gibt es keine Hinweise auf das Schicksal der Bewohner des jüdischen Dauerheims. Allerdings war das Heim noch bis 1942 in Betrieb.

Von Fritz Hahns Leben gibt es nur sehr wenige Spuren.
Sein Vater Hans wurde 1878 in Berlin geboren und sollte 1941 mit seiner Frau nach Riga deportiert und dort ermordet werden. Seine Mutter Johanna wurde 1886 im damals schlesischen Kattowitz geboren, wie und wann sie nach Berlin gekommen ist, ist nicht bekannt. Er hatte zwei ältere Geschwister namens Günther und Marianne, die ebenfalls in Breslau geboren waren.
Bevor Fritz‘ Eltern im November 1941 aus der Tauentzienstraße 13a, wo sie seit 1935 wohnten, von zu Hause abgeholt und nach Riga-Rumbula deportiert wurden, musste Hans als „Fabrikarbeiter“ Zwangsarbeit bei der Firma C. Pose in der Rosenthaler Straße 36 (Centralverwaltung Boxhagener Straße) leisten. Dies zu einem „Stundenlohn 76 Pfennig, jetzt Accordlohn“. Gemäß seiner „Vermögenserklärung“ vom 22.11.1941 zahlte Hans für seinen Sohn Fritz monatlich 75,- Reichsmark „Verpflegungsgeld für einen linksseitig gelähmten 18-jähr. Sohn, der in einem Dauerheim untergebracht ist. Die Zahlungen gehen an die jüd. Kultusvereinigung, Abt. Rosenstr.“ Vermutlich hat sich Fritz‘ Bruder Günther 1983 als nunmehr alter Mann in Kapstadt erinnernd im Datum geirrt, als er sagte, Fritz sei 1939 ermordet worden. Denn ihr Vater Hans versuchte, die Zahlungen für Fritz auch noch nach seiner eigenen Deportation zu gewährleisten, mithin ist er 1941 davon ausgegangen, dass sein Sohn noch im Heim lebte.

Zuvor hatte der Pfleger von Fritz Hahn, Adolf Baronowitz, versucht, die Lebensversicherung,
die Hans Hahn auf seine Frau Johanna und in deren Todesfall übergehend auf Fritz abgeschlossen hatte, nun für Fritz verfügbar zu erhalten. Baronowitz schrieb an die Hannoversche Versicherung:

„Im Interesse meines Pfleglings Fritz Israel Hahn... Antrag... die Umwandlung der
Lebensversicherung in eine prämienfreie Versicherung... Die Eltern... sind umgesiedelt
worden, darum nicht mehr in der Lage, die fälligen Prämien zu zahlen. Auch mein Pflegling,
der ohne Geldmittel ist, kann die zu leistenden Prämien nicht aufbringen. Um den Verfall der
Lebensversicherung zu verhindern, stelle ich den obigen Antrag.“
Darauf antwortet die Hannoversche Lebensversicherung:
„Ihr Pflegling... ist nur widerruflich für den Fall begünstigt, daß die Ehefrau des Versicherten
verstorben... Bei dieser Begünstigung handelt es sich um eine wesenlose Anwartschaft. Ihnen
als Pfleger... steht nicht das Recht zu, die Versicherung in eine beitragsfreie umwandeln zu
lassen. Versicherungsnehmer und damit unser Vertragsgegner ist Hans Israel Hahn. Der
Umwandlungsantrag kann daher nur von diesem gestellt werden. Wir stellen anheim, diesen
Antrag von dem Versicherungsnehmer einreichen zu lassen...“

Durch Recherchen im ITS in Bad Arolsen konnte herausgefunden werden, dass Fritz Hahn von Weißensee in die Beelitzer „Heilstätten“ verlegt wurde und von da aus nach Westdeutschland in die „Heilstätte“ Bendorf-Sayn. Dieses als jüdisches Sanatorium gegründete Pflegeheim wurde von den Nationalsozialisten dazu genutzt, die pflegebedürftigen jüdischen Patienten nach und nach in die Vernichtungslager im besetzten Osten zu deportieren und dort zu ermorden. Fritz Hahn kann auf der Liste einer der letzten Transporte aus Bendorf-Sayn am 15. Juni 1942 gefunden werden. Er wurde nach Sobibor transportiert und vermutlich gleich nach der Ankunft ermordet. Fritz wurde demnach 19 Jahre alt.

Da Adolf Baronowitz sich um Fritz gekümmert hat, möchte ich sein Schicksal nicht
unerwähnt lassen. Er wurde am 14.10.1942 in Sachsenhausen ermordet, nachdem auch er
seine Wohnung hatte räumen müssen. 1939 wohnte er noch in der Freisinger Straße 4, später
in der Wörthstraße 20, also unter der Adresse des Dauerheims. Die Freisinger Straße befindet
sich in dem Gebiet, welches von Albert Speer zur „Entsiedelung“ vorgesehen war. Da
Baronowitz erst Pfleger für die Patienten des Dauerheims, dann Leiter der Einrichtung war
und dort bis zur Deportation wohnte, die Versicherungsakte des Dauerheims ebenfalls bis
1942 geht, gehe ich davon aus, dass das Heim spätestens im Oktober 1942 aufgelöst und
insgesamt deportiert wurde.

Fritz Bruder Günther, geboren 28.05.1911 in Breslau, starb am 26.03.1998 in Kapstadt. Seine Schwester, Marianne, geboren 20.04.1915 in Breslau, starb am 15.10.1975 in England oder Zürich. Beiden gelang die Flucht vor den Nazis nach Südafrika. Dazu harrten sie zig Monate in einer sog. Hachschara in Jugoslawien aus und schrieben verzweifelt etliche Briefe, um ein Visum zu bekommen. Letztlich bürgte ein Freund in Kapstadt für sie, so dass sie reisen konnten. Auf dem Schiff heiratete Marianne einen Herrn Sommerfeld, den sie zuvor nicht kannte, um sich darüber hinaus abzusichern. Die Ehe wurde viel später geschieden. Marianne ging kinderlos nach England. Günther blieb in Kapstadt, wo er 2 Ehen und 3 Kinder hatte. Die Kinder Evelyn, Yvonne und Robert leben mit ihren Familien heute noch in Johannisburg, Kapstadt und Amsterdam.


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Sophie-D. Fleisch