Skip to main content
Skip to content Skip to navigation

Johanna Unger (born Zöllner)

Stolperstein für Johanna Unger © OTFW
LOCATION
Stargarder Straße 38/38a

DISTRICT
Pankow – Prenzlauer Berg
STONE WAS LAID
03/30/2013

BORN
05/31/1880 in Berlin
DEPORTATION
on the 5th of September 1942 to Riga
MURDERED
09/08/1942 in Riga

Johanna Friederika Zöllner wurde am 31. Mai 1880 in Berlin geboren. Sie war die Tochter von Max Zöllner und seiner Ehefrau Philippine, geborene Brahn, genannt Minna. Ihr Vater stammte aus dem oberschlesischen Peiskretscham (dem heutigen Pyskowice) und war Kaufmann, ihre Mutter war Verkäuferin. Ihre Eltern hatten im Juli 1871 in Berlin geheiratet. Johanna Unger wuchs im Kreis von zwei Geschwistern auf: ihrem ein Jahr jüngeren Bruder Georg und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Margarethe Else. Eine 1885 in Berlin geborene Schwester verstarb im Säuglingsalter. In Berlin lebte außerdem der jüngere Bruder ihres Vaters, der kaufmännische Angestellte Julius Zöllner, der 1888 die Berliner Schneiderin Ernestine Cohn heiratete. Zum Zeitpunkt der Geburt von Johanna Zöllner lebte die Familie in der Alten Jacobstraße 67, nahe der Luisenstädtischen Kirche, zog aber wenig später, nachdem sich die Familie vergrößert hatte, in das damals noch nicht eingemeindete Steglitz. Die Zöllners nahmen sich eine Wohnung in der Schloßstraße 12a. Über die Kindheit und Jugend von Johanna Zöllner in der Kaiserzeit haben sich keine weiteren Informationen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach der kleinen jüdischen Gemeinde von Steglitz an, die 1878 von Moses Wolfenstein mit weiteren Glaubensgenossen gegründet worden war, und nach dem Umzug der Familie um 1892/1893 in die Weißenburgerstraße 78 (der heutigen Kollwitzstraße), der dortigen Gemeinde im Prenzlauer Berg.

Nachdem Johanna die Schule abgeschlossen hatte, machte sie eine Ausbildung und arbeitete als kaufmännische Angestellte in Berlin. Um die Jahrhundertwende muss sie den aus Ostrowo (dem heutigen Ostrów Wielkopolski) stammenden Kaufmann Leo Unger kennengelernt haben, der in der Hauptstadt als Buchhalter arbeitete, und nahe dem Rosenthaler Tor (dem heutigen Rosenthaler Platz) wohnte. Am 24. November 1904 heiratete das Paar und Johanna zog zu ihrem Mann in die Auguststraße 40. Drei Jahre später kam ihr einziges Kind, der im Juni 1907 geborene Sohn Georg, zur Welt. In den Jahren 1906 und 1909 heirateten auch die Geschwister Johannas in Berlin: Ihre Schwester Margarethe Else Zöllner 1906 ehelichte den Handelsschulinhaber Max Steinmetz. Das Ehepaar lebte ebenfalls im Prenzlauer Berg und im Oktober 1907 – wenige Monate nach der Geburt Georgs – kam ihr Sohn Valentin Walter zur Welt. Johannas Bruder Georg heiratete 1909 die Buchhalterin Fanny Fichtmann, mit der er sich eine Wohnung im Wedding nahm. Im Jahr darauf bekam das Ehepaar einen Sohn, dessen Namen nicht bekannt ist. Die Vorkriegsjahre waren für die Ungers sicher geprägt von ihrem familiären Umfeld, von Freundschaften und dem kulturellen Leben in der Großstadt, aber es haben sich – wie auch für die Zeit der Weimarer Republik – keine weiteren Informationen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie in Berlin gewähren würde. 1913 muss Georg Unger eingeschult worden sein. Im Jahr 1916 suchten sich die Ungers eine neue Bleibe und bezogen eine 2-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage des rechten Seitenflügels der Stargarder Straße 38 unweit des Helmholtzplatzes. Im selben Jahr verstarb Johannas Vater Max Zöllner. Der 62-Jährige war zuletzt – soweit es die Kriegsengpässe zuließen – im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Berlins im Wedding gepflegt worden. Ihre Mutter Philippine wohnte als Witwe weiter in der elterlichen Wohnung in der Weißenburgerstraße, bis sie Mitte bis Ende der 1920er-Jahre verstarb. Georg Unger ergriff nach seinem Schulabschluss den Beruf seiner Eltern und wurde Kaufmann. Er zog Mitte der 1920er-Jahre in eine Wohnung in der Weddinger Hochstraße 22.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden oder Geltungsjuden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Unger. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Erlasse und Sondergesetze drängten die Ungers in die Position von Rechtlosen. Mitte der 1930er-Jahre gab Georg seine Wohnung im Wedding auf und zog zurück in die elterliche Wohnung in der Stargarder Straße. Es ist nicht bekannt, ob die Familie konkrete Pläne verfolgte, das Land zu verlassen. Sollten sie bestanden haben, so scheiterten diese. Nach den Pogromen im November 1938 musste zumindest Johanna Unger ab 1939/1940 Zwangsarbeit leisten, zuletzt als Haushaltshilfe in Berlin. Möglicherweise entgingen ihr Ehemann und ihr Sohn der Zwangsarbeit, weil sie durch Krankheit eingeschränkt waren, aber die diesbezüglichen, vagen Informationen aus dem späteren Deportationsbescheid geben als Täterdokumente keine verlässliche Auskunft. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnten sich die Familienmitglieder nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 teilte die Gestapo der Jüdischen Gemeinde Berlins mit, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Leo, Johanna und Georg Unger erhielten den Deportationsbescheid im August 1942. Am 31. August 1942 wurden sie mit dem „19. Osttransport“ über den Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft im Bahnhof Riga-Šķirotava – in den umliegenden Wäldern des Ghettos bei Rumbula erschossen. Johanna Unger wurde 62 Jahre alt.

Es ist keiner ihrer Familienangehörigen bekannt, der die NS-Zeit überlebte. Leo Ungers Eltern waren nach 1904 in Ostrowo verstorben. Geschwister von ihm sind nicht bekannt. Johannas Onkel und ihre Tante, Julius und Ernestine Zöllner, waren in den Jahren 1935 und 1938 in Berlin verstorben. Ihr Bruder Georg Zöllner und seine Ehefrau Fanny wurden getrennt voneinander am 2. und 3. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Über das Schicksal ihres Sohnes ist nichts bekannt. Johannas Schwester Margarethe Else Steinmetz, geborene Zöllner, wurde wenige Tage vor ihrer Schwester, am 18. August 1942, ebenfalls nach Riga deportiert und dort ermordet. Deren Mann Max Steinmetz wurde wenige Monate später, am 27. Oktober 1942, in das KZ Sachsenhausen deportiert und dort ermordet. Der Sohn von Max und Margarete Steinmetz, Valentin Walter Steinmetz, war bereits am 27. Mai 1942 nach Sachsenhausen verschleppt und dort am 28. Mai ermordet worden.


Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Leo Unger („19. Osttransport“, Lfd-Nr. 361); Horst Wolfgang („21. Osttransport“, Lfd-Nr. 24); Inge Seidel („21. Osttransport“, Lfd-Nr. 168); Johanna Unger, geb. Zöllner („19. Osttransport“, Lfd-Nr. 169); Georg Unger („19. Osttransport“, Lfd-Nr. 170). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 7. August 2019)
Geburtsanzeige Johanna Zöllner (Nr. 1721, Berlin am 7. Juni 1880); Georg Zöllner (Nr. 2306, Berlin am 27. August 1881); Margarete Else Zöllner (Nr. 31, Berlin am 4. Januar 1883). Geburtsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eheanzeige Leo Unger und Johanna Zöllner (Nr. 1201, Berlin am 24. November 1904); Max Zöllner und Phillipine Brahn (Nr. 618, Berlin am 7. Juli 1879); Julius Zöllner und Ernestine Cohn (Nr. 295, Berlin am 19. Mai 1888); Max Steinmetz und Margarethe Zöllner (Nr. 296, Beuthen am 12. Dezember 1906); Georg Zöllner und Fanny Fichtmann (Nr. 530, Berlin am 3. Juni 1909). Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 7. August 2019)
Todesfallanzeige Max Zöllner (Nr. 1353, Berlin am 26. Juli 1916). Sterbefallregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Max Steinmetz, Sachsenhausen Deaths, 1938–1942. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Meldekarte zu Max Steinmetz. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 30. Juli 2019)