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Georg Unger

Stolperstein für Georg Unger © OTFW
LOCATION
Stargarder Straße 38/38a

DISTRICT
Pankow – Prenzlauer Berg
STONE WAS LAID
03/30/2013

BORN
06/30/1907 in Berlin
DEPORTATION
on the 5th of September 1942 to Riga
MURDERED
09/08/1942 in Riga

Georg Unger wurde am 30. Juni 1907 in Berlin geboren. Er war der Sohn des aus Ostrowo (dem heutigen Ostrów Wielkopolski) stammenden Buchhalters Leo Unger und der gebürtigen Berlinerin Johanna Unger, geborene Zöllner, die als kaufmännische Angestellte in der Hauptstadt beschäftigt war. Georgs Eltern hatten 1904 in Berlin geheiratet. Zum Zeitpunkt der Geburt von Georg lebte das Ehepaar in einer gemeinsamen Wohnung in der Auguststraße 40 nahe dem Rosenthaler Tor (dem heutigen Rosenthaler Platz) im Prenzlauer Berg. Georg Unger war das einzige Kind des Paares. Er hatte aber durch den Familienzweig seiner Mutter noch weitere Verwandte, die im näheren Umfeld der Familie in Berlin ansässig waren. Seine Großeltern, der Kaufmann Max Zöllner und Phillipine (genannt Minna) Zöllner, geborene Brahn, wohnten in der Weißenburgerstraße 40 (der heutigen Kollwitzstraße); sein Großonkel Julius und dessen Ehefrau Ernestine Zöllner im Wedding; genauso wie sein Onkel Georg Zöllner, dessen Ehefrau Fanny, geborene Fichtmann, und seit 1910 ein Cousin, dessen Namen nicht bekannt ist. Im unmittelbaren Umfeld im Prenzlauer Berg lebte außerdem seine Tante Margarethe Else Steinmetz, geborene Zöllner, deren Ehemann Max Steinmetz und der wenige Monate nach Georg geborene Cousin, Valentin Walter Steinmetz. Die Großeltern väterlicherseits Salomon und Rosalie Unger, geborene Calloman, lebten noch 1904 in der Geburtsstadt seines Vaters in Ostrowo und sind vermutlich nicht viel später dort verstorben.

Die Vorkriegsjahre waren für die Ungers sicher geprägt von ihrem familiären Umfeld, von Freundschaften und dem kulturellen Leben in der Großstadt, aber es haben sich – wie auch für die Zeit der Weimarer Republik – keine weiteren Informationen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie in Berlin gewähren würde. Georgs Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach der jüdischen Gemeinde der Stadt an. 1913 muss Georg Unger eingeschult worden sein – vermutlich in einer der Volksschulen im Prenzlauer Berg. Im Jahr 1916 suchten sich die Ungers eine neue Bleibe und bezogen eine 2-Zimmer-Wohnung in der ersten Etage des rechten Seitenflügels der Stargarder Straße 38 unweit des Helmholtzplatzes. Im selben Jahr verstarb Georgs Großvater Max Zöllner. Der 62-Jährige war zuletzt – soweit es die Kriegsengpässe zuließen – im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Berlins im Wedding gepflegt worden. Philippine Zöllner lebte als Witwe weiter in der Wohnung in der Weißenburgerstraße, bis sie Mitte bis Ende der 1920er-Jahre verstarb. Georg Unger wurde nach seinem Schulabschluss Kaufmann und zog Mitte der 1920er-Jahre in eine Wohnung in der Weddinger Hochstraße 22.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden oder Geltungsjuden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Georg Unger und seine Eltern. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Erlasse und Sondergesetze drängten die Ungers in die Position von Rechtlosen. Mitte der 1930er-Jahre gab Georg seine Wohnung auf und zog zurück in die elterliche Wohnung in der Stargarder Straße. Es ist nicht bekannt, ob die Familie konkrete Pläne verfolgte, das Land zu verlassen. Sollten sie bestanden haben, so scheiterten diese. Nach den Pogromen im November 1938 musste zumindest Georgs Mutter ab 1939/1940 Zwangsarbeit leisten, zuletzt als Haushaltshilfe in Berlin. Möglicherweise entgingen Georg und sein Vater der Zwangsarbeit, weil sie durch Krankheit eingeschränkt waren, aber die diesbezüglichen, vagen Informationen aus dem späteren Deportationsbescheid geben als Täterdokumente keine verlässliche Auskunft. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnten sich die Familienmitglieder nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 teilte die Gestapo der Jüdischen Gemeinde Berlins mit, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Georg Unger und seine Eltern erhielten den Deportationsbescheid im August 1942. Am 31. August 1942 wurden sie mit dem „19. Osttransport“ gemeinsam über den Güterbahnhof Moabit nach Riga deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach ihrer Ankunft im Bahnhof Riga-Šķirotava – in den umliegenden Wäldern des Ghettos bei Rumbula erschossen. Georg Unger wurde 35 Jahre alt.

Es ist keiner seiner Familienangehörigen bekannt, der die NS-Zeit überlebte. Georgs Großonkel und dessen Ehefrau, Julius und Ernestine Zöllner, starben 1935 und 1938 in Berlin. Sein Onkel Georg Zöllner und dessen Ehefrau Fanny wurden getrennt voneinander am 2. und 3. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Über das Schicksal ihres Sohnes ist nichts bekannt. Georgs Cousin Valentin Walter Steinmetz war am 27. Mai 1942 nach Sachsenhausen verschleppt und dort am 28. Mai ermordet worden. Dessen Vater Max Steinmetz war wenige Monate später am 27. Oktober 1942 ebenfalls in das KZ Sachsenhausen deportiert und dort ermordet worden. Georgs Tante Margarethe Else Steinmetz, geborene Zöllner, war wenige vor der Deportation der Ungers, am 18. August 1942, nach Riga verschleppt und dort ermordet worden.


Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org/: (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Leo Unger („19. Osttransport“, Lfd-Nr. 361); Horst Wolfgang („21. Osttransport“, Lfd-Nr. 24); Inge Seidel („21. Osttransport“, Lfd-Nr. 168); Johanna Unger, geb. Zöllner („19. Osttransport“, Lfd-Nr. 169); Georg Unger („19. Osttransport“, Lfd-Nr. 170). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 7. August 2019)
Geburtsanzeige Johanna Zöllner (Nr. 1721, Berlin am 7. Juni 1880); Georg Zöllner (Nr. 2306, Berlin am 27. August 1881); Margarete Else Zöllner (Nr. 31, Berlin am 4. Januar 1883). Geburtsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eheanzeige Leo Unger und Johanna Zöllner (Nr. 1201, Berlin am 24. November 1904); Max Zöllner und Phillipine Brahn (Nr. 618, Berlin am 7. Juli 1879); Julius Zöllner und Ernestine Cohn (Nr. 295, Berlin am 19. Mai 1888); Max Steinmetz und Margarethe Zöllner (Nr. 296, Beuthen am 12. Dezember 1906); Georg Zöllner und Fanny Fichtmann (Nr. 530, Berlin am 3. Juni 1909). Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 7. August 2019)
Todesfallanzeige Max Zöllner (Nr. 1353, Berlin am 26. Juli 1916). Sterbefallregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Max Steinmetz, Sachsenhausen Deaths, 1938–1942. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Meldekarte zu Max Steinmetz. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 30. Juli 2019)