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Nathan Klein

Nathan Klein © OTFW
Flora Klein Bild: Bild Yad Vashem, Opferdatenbank, Gedenkblatt für Flora Klein
Kurt Siegfried Klein Bild: Bild Yad Vashem, Opferdatenbank, Gedenkblatt für Kurt Siegfried Klein
Yvonne Irene Klein Bild: Bild Yad Vashem, Opferdatenbank, Gedenkblatt für Yvonne Klein
LOCATION
Pariser Str. 49

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
STONE WAS LAID
06/22/2014

BORN
12/14/1884 in Berlin
DEPORTATION
on the 24th of October 1941 to Łódź / Litzmannstadt
MURDERED
02/24/1942 in Łódź / Litzmannstadt

Am 14. Dezember 1884 bekamen die Eheleute Adolph Klein und Anna Klein geborene Ephraim ihren Sohn, Nathan. Sie lebten in der Berliner Auguststraße 77, zu der Zeit eine der ärmsten Adressen Berlins. Am Rande des Scheunenviertels gelegen, herrschten dort erbärmliche Wohnverhältnisse: Feuchte, muffige, viel zu kleine Wohnungen und primitivste sanitäre Anlagen verursachten bei den Bewohnern häufig nachhaltige Erkrankungen. Anna Klein brachte unter diesen Umständen nach dem erstgeborenen Nathan sieben weitere Kinder zur Welt. Regina, später verheiratete Dobrzyner wurde 1886 geboren und 1943 in Sobibor ermordet. Julius Klein, geboren 1888, fiel 1942 dem Massenmord in Riga zum Opfer. Hugo Klein, 1890 geboren, wurde Rabbiner und 1942 ebenfalls in Riga ermordet. Selma, geb. 1892, heiratete Elias Apfeldorf. Die Beiden konnten ihr Leben durch Auswanderung nach Argentinien retten. Leopold, geb. 1893, wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Der 1895 geborene Harry überlebte. Er bestellte in der Shoah Gedenkstätte Yad Vashem Gedenkblätter für seine ermordeten Geschwister und verstarb zu einem unbekannten Zeitpunkt. Das Schicksal der jüngsten Tochter Henriette, 1897 auf die Welt gekommen, ist unbekannt.

Die achtfache Mutter Anna Klein starb am 23. Dezember 1912 im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer Brustfellentzündung, ihr Mann Adolph lebte noch bis 1924.

Die Familie Klein zog mit ihren zahlreichen Kindern zu einem nicht bekannten Zeitpunkt in die Kreuzberger Neuenburger Straße 31, was sicherlich eine Verbesserung ihrer Lebenssituation bedeutete.

Zur Zeit seiner Eheschließung 1920 war Nathan noch unter dieser Adresse bei seinem Vater gemeldet. Er hatte den Beruf eines Kaufmanns erlernt und war 1914 als Soldat in den ersten Weltkrieg gezogen. 1918 heimgekehrt, stand er völlig mittellos da. Am 19. Februar 1920 heiratete er die in Ungarn geborene und in Zürich lebende Schneiderin Flora Sussmann. Durch die Heirat mit Nathan erhielt diese die deutsche Staatsangehörigkeit. 1921 und 1924 wurden die beiden Kinder Kurt und Yvonne geboren. Damals wohnte die junge Familie in der Ritterstraße 113. Nathan war zu der Zeit als Vertreter für eine Schneiderartikelfirma tätig, wohl aber ohne größere Einkünfte. Sein Schwiegervater Max Sussmann half ihm mit einem ansehnlichen Darlehnsbetrag aus, mit dem Nathan sich selbstständig machen konnte und – wie Flora Klein voller Stolz ihrem Bruder Norbert schrieb – auch noch ein Klavier für die Tochter Yvonne angeschafft werden konnte. Der sehr häufig vorkommende Name Klein in der Textilbranche lässt eine eindeutige Zuordnung der vorhandenen Adressen zu seinem Betrieb nicht zu. Vielleicht führte er seine Geschäfte auch von seiner Wohnung aus.

Nathan zog 1934 mit seiner Familie in eine 3 Zimmerwohnung im 3. Stock in der Pariser Straße 49, damals 49a. Offensichtlich liefen seine Geschäfte nie wirklich gut. Er konnte den Kredit an seinen Schwiegervater nicht zurückzahlen, ohnehin hatte seine Frau Flora, die aus einem wohlhabenderen Elternhaus stammte, durch ihre Aussteuer die Wohnung mit Möbeln bestückt.

Auch die Ehe scheiterte. Am 9. Dezember 1939 wurde die Scheidung ausgesprochen und Nathan zog aus der gemeinsamen Wohnung in der Pariser Straße 49 aus. Er wohnte fortan zur Untermiete bei Alfons Lazarus in der Ansbacher Straße 37 in Schöneberg. Alfons Lazarus wurde am 18.Oktober mit demselben Transport wie Flora, Kurt und Yvonne nach Lodz verschleppt. Seine Firma hatte Nathan Klein 1939 im Rahmen der „Arisierungsmaßnahmen“ auflösen müssen, Flora hielt aber noch Kontakt zu den alten Kunden, machte Hausbesuche und verkaufte ihnen die verbliebenen Schneidereiartikel. Alimente für ihre Kinder hat Nathan ihr nie zahlen können.

Nathan trug sich nach Angaben seines Schwagers Norbert Sussmann mit Auswanderungsplänen nach Südamerika, möglicherweise wollte er der Schwester Selma und ihrem Ehemann Elias Apfeldorf nach Argentinien folgen. Der Kriegsbeginn und die 1941 beginnenden Deportationen in das Getto Lodz durchkreuzten seine Pläne. Nur eine Woche nach der Deportation seiner Kinder und seiner geschiedenen Frau verschleppte man ihn auch nach Litzmannstadt, wie die Nazis die Stadt umbenannt hatten. Er starb dort im Getto Krankenhaus am 24. Februar 1942 an Herzschwäche, so stand es im Krankenhausbericht. Hunger und Krankheiten, entstanden durch die furchtbaren Lebensbedingungen im Getto, dürften diesen Herztod herbeigeführt haben. Ob er seine Kinder in Lodz noch wiedersehen konnte ist ungewiss.


Biographical Compilation

Recherche und Text: Karin Sievert

Additional Sources

Loose: „Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941 - 1944
Regina Scheer: „AHAWAH Das vergessene Haus“ Spurensuche in der Berliner Auguststraße