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Dr. Erich Blumenthal

Stolperstein für Dr. Erich Blumenthal © OTFW
Dr. Erich Blumenthal. Bildquelle: Yad Vashem.
LOCATION
Berliner Allee 81

DISTRICT
Pankow – Weißensee
STONE WAS LAID
04/25/2014

BORN
12/23/1883 in Berlin
DEPORTATION
on the 29th of November 1942 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Erich Blumenthal wurde am 23. Dezember 1883 in Berlin geboren. Er war der Sohn des 1854 geborenen Kaufmanns Adolf Blumenthal und der ein Jahr älteren Selma Blumenthal, geborene Brünn. Erich hatte zwei jüngere Schwestern, die am 13. Februar geborenen Zwillinge Frieda und Elsa Blumenthal. Zum Zeitpunkt der Geburt von Erich wohnte die Familie in einer Wohnung in der Holzmarktstraße 73 in Mitte. Über die Kindheit und Jugend von Erich Blumenthal und seinen Geschwistern im Berlin der Kaiserzeit haben sich keine Zeugnisse erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach der jüdischen Gemeinde Berlins an. Erich Blumenthal begann nach seinem Abitur um 1900/1901 ein zahnmedizinisches Studium an der Friedrich-Wilhelms-Universität (der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin). Nachdem er sein Studium erfolgreich mit Promotion abgeschlossen hatte und er die Approbation zum Zahnarzt erhalten hatte, eröffnete er 1907 eine Praxis in der Mansteinstraße 7 in Schöneberg und bezog im gleichen Jahr eine Wohnung in der Königschaussee 20 (der späteren Berliner Allee 230) in Weißensee.

Am 4. Januar 1908 heiratete Erich Blumenthal die vier Jahre jüngere, gebürtige Berlinerin Johanna Oppenheim, die zu ihm in die Königschaussee zog. Sie war die Tochter des Schöneberger Kaufmanns Felix Oppenheim und der Bertha Oppenheim, geborene Cohn. Am 19. November kam ihr einziges Kind, ihre Tochter Gerda Margot Blumenthal, zur Welt. 1910 verlegte Erich Blumenthal die Zahnarztpraxis in die Petersburger Straße in Friedrichshain, wo er bis Ende der 1920er-Jahre werktags von 9 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr sowie sonntags von 10 bis 12 Uhr praktizierte. Im Ersten Weltkrieg meldete sich Dr. Blumenthal zum Militärdienst und wurde – vermutlich als Feldarzt – auf den europäischen Kriegsschauplätzen eingesetzt. Für seinen Einsatz wurde er nach 1918 militärisch ausgezeichnet. Über das Leben der Familie in der Weimarer Republik haben sich kaum Quellen erhalten. Die Blumenthals gehörten aber allem Anschein nach zur wohlsituierten, gutbürgerlichen Schicht Berlins, die sich am Gesellschaftsleben beteiligten und bei denen die Musik eine wichtige Rolle einnahm. In der Familienwohnung befand sich ein Klavier, auf dem sich entweder Erich oder seine Frau übten. Erich Blumenthal spielte als Violinist im Ärztequartett und in einem Berliner Kammermusikquartett. Ende der 1920er-Jahre verlegte Dr. Blumenthal seine Praxis in das Haus, in dem sich auch seine Wohnung befand, in der Berliner Allee 230.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Blumenthal. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Für den Zahnarzt Erich Blumenthal bedeutete die am 2. Juni 1933 erlassene „Verordnung über die Tätigkeit von Zahnärzten und Zahntechnikern bei den Krankenkassen“ einen entscheidenden Schlag gegen die wirtschaftliche Existenz. Durch die Verordnung wurden allen jüdischen Zahnärzt_innen die Kassenzulassung entzogen. Erich Blumenthal ging ein Fragebogen zu, in dem er seine Abstammung offenlegen musste und die er an die Kassenzahnärztliche Vereinigung zurückzuschicken hatte. Diese führte ihn daraufhin als „nichtarischen“ Zahnarzt.

Erichs Tochter Gerda Margot hatte nach ihrem Abitur studiert und vor 1933 promoviert. Sie arbeitete in Berlin als Chiropraktikerin. Am 3. September 1936 heiratete sie den aus Gleiwitz (heute Gliwice) stammenden und im schlesischen Beuthen (heute Bytom) lebenden und dort praktizierenden Arzt Dr. Walter Paul Kochmann. Im Februar 1938 sahen sich Gerda Margot und ihre Eltern zum letzten Mal. Dem Ehepaar Kochmann gelang Anfang 1938 die Flucht ins Exil über Antwerpen und Frankreich. Mit der „S.S. Normandie“ erreichten sie von Le Havre aus am 23. März 1938 den Hafen von New York. Das Ehepaar Blumenthal nahm nach und nach Erichs Schwestern, Elsa und Frida, Elsas Ehemann Louis Rosenbach und Johannas mehr als 80-jährige Mutter Berta Oppenheim, geborene Cohn, in ihre Wohnung auf. Nach mehr als fünf Jahren der schrittweisen Ausschaltung als Zahnarzt begleitet von staatlichen Sanktionen und willkürlicher Gewalt, wurde jüdischen Zahnärzt_innen am 17. Januar 1939 die Approbation entzogen. Erich Blumenthal durfte als „Zahnbehandler“ in seiner Praxis in der Berliner Allee fortan nur noch jüdische Patient_innen behandeln. Ende September 1939 nahm sich Erich Blumenthals Ehefrau Johanna aus Sorge vor drohender körperlicher Gewalt und Zwangsmaßnahmen mit einer Überdosis Schlafmittel das Leben. Sie starb am 26. September 1939 im Jüdischen Krankenhaus Berlin und wurde von Erich Blumenthal und den Familienangehörigen am 1. Oktober 1939 auf dem Friedhof Weißensee in Berlin beigesetzt.

Im November 1940 heiratete Erich Blumenthal in zweiter Ehe eine Kusine von Johanna, die Witwe Helene Meyer, geborene Oppenheim. Sie zog im Dezember 1940 zu ihm. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ konnte sich das Ehepaar nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in Berlin bewegen. Bis 1942 übte Dr. Blumenthal seinen Beruf noch mit der „Behandlung jüdischer Zahnkranker“ aus, zuletzt wohl in den Räumlichkeiten seiner Wohnung in der Berliner Allee und unterstützt von seiner zweiten Ehefrau als Verwaltungshilfe.

Der vollständigen Entrechtung folgte die Deportation: Ende Oktober 1942 wurden Erich und Helene Blumenthal von Polizisten der Stapoleitstelle und der Kriminalpolizei in die Sammelstelle in der Große Hamburger Straße 26 gebracht, dem geräumten, ehemaligen Altersheim der Jüdischen Gemeinde. Unter der Kontrolle der Gestapo erfolgte hier die organisatorische Vorbereitung der Transporte sowie der Einzug der Vermögen. Am 29. November 1942 wurde der 58-jährige Erich Blumenthal zusammen mit seiner Frau Helene vom Bahnhof Grunewald oder dem Güterbahnhof Moabit mit dem „23. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach der Ankunft am 30. November – ermordet.

Von den Familienangehörigen überlebten Erichs Tochter Gerda mit ihrem Ehemann im Exil in den USA. Sie sollten sich später in Texas niederlassen. Auch die Schwiegermutter aus Erichs zweiter Ehe, Amalie Oppenheim, geborene Federmann, und die Schwester von Helene Oppenheim, Elizabeth Oppenheim, verheiratete Weiss, hatten sich ins amerikanische Exil retten können. Helene Oppenheim hatte aus erster Ehe eine Tochter namens Hildegard, die mit ihrem Ehemann Alfred Baer und ihrer 1939 geborenen Tochter Eva Marion zuletzt in der Motzstraße in Berlin lebte. Alle drei wurden am 19. Oktober 1942 aus Berlin nach Riga deportiert und dort ermordet. Die Schwestern von Erich, Frida und Elsa, wurden mit Fridas Ehemann Louis Rosenbach im Rahmen der „Fabrik-Aktion“ am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert und im Vernichtungslager ermordet. Das Schicksal von Johannas Mutter Berta Oppenheim, geborene Cohn, ist ungeklärt.


Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Erich Blumenthal, 23. Osttransport (Lfd-Nr. 307); Helene Blumenthal, geb. Oppenheim, 23. Osttransport (Lfd-Nr. 308). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Geburtsurkunde von Erich Blumenthal (Nr. 3666, Berlin am 27. Dezember 1883) Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Hochzeitsurkunde von Erich und Johanna Blumenthal. (Nr. 6, Berlin-Schöneberg am 4. Januar 1908) Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Passagierliste der SS Normandie. List or Manifest of Alien Passengers for the United States of America. 23. März 1939. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2018).
Köhn, Michael: Vergessene Kollegen – Berufsverbot, Emigration und Verfolgung Berliner Zahnärzte nach 1933. Kurzfassung eines Vortrages auf dem Symposium des Arbeitskreises Geschichte der Zahnheilkunde (AKGZ) anlässlich des Deutschen Zahnärztetages 2012 in Frankfurt. Deutsche Zahnärztliche Zeitschrift 1/2013, S. 186–188.