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Walter Rudolf Kristeller

Stolperstein Walter Rudolf Kristeller © H.-J. Hupka, 2014
Hauseingang Mommsentrsße 60 © H.-J. Hupka, 2014
LOCATION
Mommsenstraße 60

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
STONE WAS LAID
05/20/2014

BORN
06/22/1900
DEPORTATION
on the 29th of November 1942 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Walter Rudolf Kristeller wurde am 22. Juni 1900 in Berlin geboren. Sein Vater war der Architekt Friedrich Kristeller, seine Mutter Lucie geb. Bach. Verheiratet war er mit Emilie Ellen Kristeller geb. Hamburger, gesch. Berliner, geboren am 20. August 1902 in Posen (Poznan). Sie hatten zwei Kinder und wohnten seit 1.10.1938 in Charlottenburg in der Mommsenstraße 60 im 2. Stock. Die Wohnung hatte fünf Zimmer mit Balkon und war seinem Status entsprechend ausgestattet: „x Bücher“, wie er selbst angab, darunter eine Anzahl „Prachtbände“, ein Flügel plus Notenschrank, die Miete betrug 161,70 Reichsmark.

Kristeller hatte vor 1918 beim Magistrat in Berlin gearbeitet, nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin und München Medizin studiert. Er war Dr. med, seine Dissertation schrieb er über „Die experimentelle Beeinflussung des Elektrokardiogramms durch Herzmittel“. Als Allgemeinpraktiker und Kinderarzt war seit 1925 zugelassen. Seine Praxis hatte er zeitweise in der Spandauer Straße 29, 1931 hatte er in Dahlem in der Griegstraße 9/13 gewohnt.

Bevor er und seine Frau am 23. November 1942 zur Deportation abgeholt und in die Sammelstelle Hamburger Straße 26 verschleppt wurden, mussten Kristellers wie alle Juden eine Vermögenserklärung ausfüllen. Er tat dies sehr akribisch, sodass Rückschlüsse auf den Lebensstandard zu ziehen sind, auch wenn er vermerkte: „Die Angaben sind aus dem Gedächtnis gemacht.“ Wegen einer Kriegsbeschädigung am linken Auge, die er 1918 im Ersten Weltkrieg erlitten hatte, bezog Kristeller eine Versorgungsrente. Selbst 1942, als er nur noch jüdische Patienten behandeln durfte, weil er selbst Jude war und ihn der NS-Staat schon ausgeplündert hatte, war er noch einigermaßen vermögend. Zwar hatte er nur 110 RM Bargeld und „schätzungsweise 150 RM“ auf seinem Konto bei der Dresdner Bank sowie Forderungen an “etliche Privatpatienten (jüd.), wie er angab. 1938 hatten alle jüdischen Ärzte ihre Approbation verloren und waren zu „Krankenbehandlern“ herabgestuft worden. Immerhin besaß seine Frau Ellen noch Wertpapiere von 52 882 RM. Sie hatte eine Erbschaft ihrer am 21. September 1942 gestorbenen Mutter Anna Stoessel, geb. Victor gemacht, die in erster Ehe mit Berthold Hamburger verheiratet gewesen war.

Das gesamte Vermögen und alle Werte wurden vom Staat vereinnahmt. Am 29. November 1942 wurde das Arzt-Ehepaar am Bahnhof Grunewald in einen Zug nach Auschwitz gesteckt. Unter den 980 Insassen waren 20 jüdische Kinder unter fünf Jahren aus einem Waisenhaus. Ellen Kristeller ist im Januar 1943 getötet worden.

Das Inventar der Kristellers kaufte eine Frau namens Hedwig Herold aus der Blücherstraße 29 für fast 1500 Reichsmark auf, allein für den Flügel zahlte sie 1100 RM. Die Bibliothek wurde von dem Büchersachverständigen Max Niederlechner mit 1200 RM bewertet. Andere weniger wertvolle Gegenstände erwarb der Fuhrmann Paul Wendland für 58 RM und brachte sie in sein Lager nach Reinickendorf. Am 8.1.1943, als Kristellers im Vernichtungslager Auschwitz waren, verlangte das Fernsprechrechnungsamt noch 35,30 RM Gebühren.

1949 leiteten Walter Kristellers Mutter Lucie, der offensichtlich die Flucht nach London gelungen war, und Ellen Kristellers Tante Marion Trautner geb. Hamburger aus Boulogne-sur-Seine in Frankreich ein Wiedergutmachungsverfahren ein. Lucie Kristeller schrieb 1951, ihr Sohn habe eine Wohnung „mit vollen medizinischen Instrumenten und Mikroskop hinterlassen“.


Biographical Compilation

Helmut Lölhöffel