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Selma Lehmann (born Peiser)

Stolperstein für Selma Lehmann. Copyright: MTS
LOCATION
Viktoria-Luise-Platz 5

DISTRICT
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
STONE WAS LAID
10/16/2014

BORN
09/21/1877 in Poznań / Posen
DEPORTATION
on the 17th of November 1941 to Kowno
MURDERED
11/25/1941 in Kowno Fort IX

Selma Lehmann kam am 21. September 1877 als viertes Kind des Likörfabrikanten Samuel Peiser (* 23.1.1848) und seiner Ehefrau Marie Peiser, geborene Posner, in Posen zur Welt. Ihre Geschwister hießen Julie, Amanda, Heinrich (* 30.4.1875) und Alfred. Alle Kinder waren sehr musikalisch und beherrschten ein Musikinstrument. Selma lernte wie ihre Schwester Julie und ihr Bruder Heinrich Klavierspielen, und Alfred spielte so gut Cello, um später in einem Kammermusikorchester aufgenommen werden zu können. Selma besuchte in Posen die höhere Mädchenschule und lernte dort Französisch und Englisch. Außerdem kümmerte sich in der Familie eine Erzieherin um die Peiser-Kinder. Anschließend kam Selma auf ein Pensionat für höhere Töchter, wo man ihr hauswirtschaftliche Fertigkeiten beibrachte und die für wohlhabende Familien wichtigen feinen Sitten. Nach Abschluss der Schule ging sie zurück in ihr Elternhaus und unterstützte ihre Mutter in der Führung des großen Peiserschen Haushalts oder vertrat sie während ihrer Abwesenheit. Mit 21 Jahren lernte sie den praktischen Arzt Dr. Max Lehmann (* 17.4.1870) kennen und heiratete ihn am 21. November 1899. Die Hochzeitsreise ging nach München. Selma brachte eine beträchtliche Mitgift mit in die Ehe. Im Gegensatz zu Selma, die aus Tradition am jüdischen Glauben festhielt, war Max Lehmann nicht religiös. Er ließ zwar seine beiden Söhne beschneiden und bekannte sich zum Judentum, hielt dessen Gesetze und Bräuche aber in der Regel nicht ein. Das Paar lebte in Görlitz, wo Max Lehmann bereits seit einigen Jahren als praktischer Arzt niedergelassen war. Seine Praxis war erfolgreich und die Lehmanns hatten einen großen Freundeskreis. Am 27. August 1900 kam in Görlitz der Sohn Ernst Leopold zur Welt. Im Jahre 1905 hatte sich Max Lehmann entschlossen, noch eine Spezialausbildung zum Facharzt für Magen-, Darm- und Stoffwechselkrankheiten zu absolvieren. Dazu bewarb er sich um eine Stelle an der Universitätsklinik für Innere Medizin in Berlin. Die Familie zog für ein Jahr nach Berlin. Sein Ausbilder, ein Prof. Strauss, machte es zur Vorbedingung, dass seine Studenten nach der Ausbildung nicht in Berlin blieben, sondern sich in einem ländlichen Gebiet niederließen. Max Lehmann war darüber nicht sehr erfreut, zumal alle seine Familienangehörigen mittlerweile in Berlin lebten, ging aber schließlich auf die Bedingung ein und zog mit seiner Familie nach Posen, dem Heimatort seiner Frau. Die Familie wohnte in der Kaiserin-Viktoria-Straße in einer Wohnung, die aus Warte- und Sprechzimmer des Vaters, einem Salon und einem Esszimmer, zwei großen Kinderzimmern, Küche und dem Elternschlafzimmer bestand. Hinter dem Haus befand sich ein großer, parkartiger Garten. Am 7. Oktober 1912 wurde hier der Sohn Herbert Viktor geboren. Es lagen zwölf Jahre zwischen Selmas ersten Sohn und dem zweiten Kind; Selma hatte in der Zwischenzeit mehrere Fehlgeburten erlitten. Selmas Mutter Marie hatte die Angelegenheit eines Tages in die Hand genommen und war mit ihrer Tochter zu dem damals führenden Gynäkologen Prof. Ernst Bumm, dem Leibarzt der Kaiserin, nach Berlin gereist. Seine Therapie stellte sich als Erfolg heraus und die 35jährige Selma wurde nochmals schwanger. Den Lehmanns ging es zu dieser Zeit wirtschaftlich sehr gut. Als einziger Posener Spezialist auf dem Gebiet der Magen-, Darm- und Stoffwechsel-krankheiten hatte Max genügend Patienten, darunter einige Guts- und Rittergutsbesitzer, deren Unterstützung mit Nahrungsmitteln sich im Verlauf des Ersten Weltkrieges noch als sehr nützlich erweisen sollte. Nachdem Selmas Bruder Alfred Peiser seine Ausbildung zum Chirurgen abgeschlossen und sich mit seiner Frau, der Schauspielerin Rose Lippmann, ebenfalls in Posen niedergelassen hatte, eröffneten Max Lehmann und er mit finanzieller Unterstützung von Vater/Schwiegervater Samuel Peiser in Posen eine Privatklinik. Die Klinik hatte 30 Betten, wies einen Operationssaal auf und war sehr zentral gelegen. Alfred Peiser wohnte im selben Haus, die Privatwohnung der Lehmanns war nur wenige Häuser entfernt. Max Lehmann konzentrierte sich auf die Innere Medizin und sein Schwager auf die Chirurgie. Der Erste Weltkrieg beendete die Zusammenarbeit. Alfred Peiser musste sofort als Militärchirurg einrücken, Max Lehmann hingegen wurde wegen seiner starken Kurzsichtigkeit nicht eingezogen und führte die Klinik in Posen zunächst weiter. Dennoch wurde er zum Dienst im Festungslazarett in Posen herangezogen und arbeitete dort im Range eines Hauptmannes. Seine Uniform wies aber keine militärischen Rangabzeichen auf, sondern lediglich den Äskulapstab am Kragen. Als dann im Verlauf des Krieges wegen der vielen Schwerverletzten ein Ärztemangel auftrat, erhielt er den Befehl, mit einem Fußartillerieregiment nach Frankreich auszurücken. Obwohl nierenkrank und kreislaufleidend und trotz des Rates seiner Kollegen, sich aus Gesundheitsgründen untauglich zu melden, zog er am 28. April 1917 an die französische Front in den Argonnen. Einige Tage nach seiner Ankunft wurde er aus Gründen, die nicht mehr zu rekonstruieren sind, in seinem Sanitäterunterstand bewusstlos aufgefunden. Möglicherweise war der Unterstand nachts von Fliegern angegriffen worden. Man brachte ihn in das Lazarett Grand Pré. Sein Schwager Alfred reiste sofort von Jarny an, um ihm beizustehen, am 14. Mai 1917 verstarb Max Lehmann jedoch im Alter von 47 Jahren an einer Herzlähmung. Seine Witwe wurde einen Tag später in einem Brief vom Tod ihres Mannes unterrichtet. Er wurde in Frankreich begraben, später sorgte seine Witwe Selma dafür, dass seine sterblichen Überreste nach Deutschland überführt und im Krematorium in Zittau verbrannt wurden. Sein Sohn Ernst musste vorher den Leichnam seines Vaters identifizieren, Selma war dazu nicht in der Lage. Die Urne wurde in Posen auf dem jüdischen Friedhof in einem Familiengrab beigesetzt, später aber von Selma nach Berlin mitgenommen und in einem Krematorium aufgestellt. Die 39jährige Witwe war vor Trauer wie gelähmt. Ihre Lage war zudem katastrophal. Ihr Sohn Ernst stand kurz vor seiner Berufsausbildung und der jüngere Herbert war erst knapp fünf Jahre alt, sie hatte keinen Beruf und kannte sich in finanziellen Angelegenheiten nicht aus. Ihre Rente vom Militär betrug zwar 600,-- RM und die Zinseinkünfte wurden ebenfalls noch ausbezahlt, die Auswirkungen der Inflation, die Enteignung der deutschen Mitbürger nach der Angliederung Posens an den polnischen Staat und Selmas verlustreiche Auswanderung nach Berlin ließen sie vermögens-, rat- und mutlos zurück. Da ihr Mann nicht als Frontsoldat gedient hatte, erhielt sie keine Kriegsopferrente mehr. Zudem war ihre Witwenrente mittlerweile auf 93,-- RM zuzüglich Kindergeld in Höhe von 35,-- RM gekürzt worden. Im Jahre 1922 ging Selma zusammen mit ihren Kindern und ihren Eltern nach Berlin. Am Viktoria-Luise-Platz 5 wohnte bereits ihre Schwester Amanda Peltesohn und deren Mann, Rechtsanwalt Dr. S. Peltesohn, der 1923 verstarb. Selma bezog im selben Haus eine geräumige Vierzimmer-Wohnung. In einer weiteren Wohnung lebten ihre Eltern, die das Haus gekauft hatten. Samuel Peiser hatte es mittlerweile aber Selmas Bruder, dem Fabrikbesitzer Heinrich Peiser, überschrieben, der ebenfalls in dem Haus mit seiner Tochter Lotte wohnte. Mit Heinrich und Alfred Peisers finanzieller Hilfe wurde am Viktoria-Luise-Platz 5 für Amanda und Selma ein Vervielfältigungs- und Schreibbüro eingerichtet. Die Schwestern lernten Schreibmaschine schreiben, und als in demselben Haus ein größerer Laden frei wurde, fügten sie noch eine Druckerei und ein Papiergeschäft hinzu. Damit verdienten sie sehr erfolgreich ihren Lebensunterhalt. Selmas Sohn Ernst, der wie sein Vater Medizin studiert hatte, lebte schließlich auch wieder am Viktoria-Luise-Platz 5 und führte hier seine allgemeinmedizinische Praxis. Die Mutter Marie starb 1927. Die Zusammenarbeit der beiden Schwestern funktionierte einige Jahre sehr gut, dann kam es etwa 1929 zu Differenzen zwischen den doch charakterlich sehr unterschiedlichen Frauen, und auch die angeschlagene Gesundheit von Selma – sie war schwer erkrankt – trug zu dem Zerwürfnis bei. Selma Lehmann stieg aus dem gemeinsamen Geschäft aus. Selmas Sohn Ernst heiratete 1931 gegen den Wunsch der Familie Rahel Bornstein aus Danzig. Dennoch verliefen die beiden verbleibenden Jahre des Zusammenlebens friedlich. 1933 verließ ihr Sohn mit seiner Frau Deutschland und wanderte nach Palästina aus. 1936 emigrierte auch ihr Sohn Herbert. Da Selma ihren hochbetagten Vater Samuel nicht alleine zurück lassen wollte, blieb sie in Berlin und zog danach noch mehrmals um. Der Vater verstarb hochbetagt am 20. April 1939. Von 1940 bis November 1941 lebte Selma in der Babelsberger Straße 48 und zuletzt in der Sächsischen Straße 9. Zuletzt bewohnte sie nur noch ein Leerzimmer, das mit den letzten Resten ihrer Wohnungseinrichtung ausgestattet war.
Selma Lehmann wurde am 17. November 1941 mit dem 6. Transport nach Kauen in das Fort IX deportiert und dort am 25. November 1941 ermordet.
Selmas Bruder Heinrich überlebte ebenfalls nicht. Er wurde mit dem 32.
Alterstransport vom 29. Juli 1942 aus dem Haus Viktoria-Luise-Platz 5 nach Theresien-stadt deportiert. Dort starb er am 18. August 1942. Am 6. September 1944 wurde auch seine am 4. Juli 1921 geborene Tochter Lotte Peiser abgeholt und mit dem 57. Transport nach Auschwitz verfrachtet, wo sich ihre Spur verliert. Die ältere Tochter Annemarie studierte in Genf Medizin, lernte dort einen türkischen Jurastudenten kennen und heiratete ihn. Sie emigrierte mit ihm als fertige Frauenärztin in die Türkei. Eine der drei überleben-den Töchter von Selmas Bruder Alfred, der bereits 1934 verstorben war, war Lilli Palmer, die es als Schauspielerin, Malerin und Schriftstellerin zu Weltruf brachte. Selmas Schwester Amanda Peltesohn war frühzeitig mit ihren beiden Kindern Gerhard und Marianne nach Paris emigriert. Die Schwester Julie hatte einen führenden Spezialisten für Geschlechtskrankheiten geheiratet, der aber bereits 1928 verstorben war. Sie wanderte 1933 mit ihrem Sohn Walter nach Palästina aus und starb dort im Jahre 1945.
Selmas Söhne Ernst und Herbert stellten nach dem Krieg Entschädigungsanträge. Sie beantragten außerdem einen Ausgleich der nicht gezahlten Kriegsopferrente. In einem Vergleichsvorschlag wurden 4.000,-- DM angeboten. Durch Vergleich wurden Dr. Herbert Lehmann schließlich am 21. Mai 1965 40.000,-- DM zugesprochen, sein Bruder Dr. Ernst Lehmann erhielt eine Rente in Höhe von 785,-- DM und eine Rentennachzahlung in Höhe von 17.387,-- DM.


Biographical Compilation

Dr. Judith Hahn

Additional Sources

Quelle/n: Fotos; Informationen der Enkelin Ruth Selka; Dr. Herbert Lehmann: Our family. The history of the Lehmann-Peiser-Nachmann-Blum family; LABO