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Paul Hirsch

Stolperstein für Paul HIrsch © H.-J.Hupka, 2015
LOCATION
Gervinusstr. 24

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
06/23/2015

BORN
11/17/1868 in Prenzlau (Uckermark)
DEAD
08/01/1940

Paul Hirsch, der spätere preußische Ministerpräsident, wurde als Sohn des Kaufmanns Nathan Hirsch und seiner Ehefrau Lina, geb. Pincus, am 17. November 1868 in Prenzlau (Uckermark) als eines von fünf Kindern geboren. Später zog die Familie nach Berlin, wo er das Gymnasium „Zum Grauen Kloster“ besuchte. Nach dem Abitur studierte er zuerst Medizin, dann Nationalökonomie. Das Studium finanzierte er als Stenograf im Preußischen Landtag, als Schriftsteller und Herausgeber einer Parlamentskorrespondenz. Nach Publikationen zu Fragen der Stenografie veröffentlichte er im Alter von 29 Jahren, 1897, sein erstes sozialpolitisches Werk „Verbrechen und Prostitution als soziale Krankheitserscheinungen“, worin er sich gegen die Auffassung vom „geborenen Verbrecher“ wandte. Neben seiner praktischen politischen Tätigkeit verfasste er noch eine Vielzahl von Arbeiten zur Sozial- und Kommunalpolitik und zur Geschichte und Politik der Sozialdemokratie.

Im Januar 1900 wurde er für die Sozialdemokratische Partei Stadtverordneter in Charlottenburg und 1921 stellvertretender Bürgermeister.

Paul Hirsch setzte sich für die Teilnahme seiner Partei an den Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus auch unter den Bedingungen des Dreiklassenwahlrechts ein und gehörte 1908 zu den ersten sieben sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten. Diese hatten 23,87% der abgegebenen Stimmen erhalten, während den Konservativen mit 14,5% der Stimmen 152 Mandate zufielen. 1911 wurde er Fraktionsvorsitzender. Trotz seiner vielfachen Ausgleichsbemühungen kam es 1917 zur Spaltung in eine „Unabhängige“ (USPD) und eine „Mehrheitssozialdemokratische“ (MSPD) Fraktion. Als Führer der MSPD im Abgeordnetenhaus bildete er im November 1918 die preußische Revolutionsregierung aus je drei Vertretern der USPD und der MSPD. Er leitete das Staatsministerium (als preußischer Ministerpräsident) und das Innenministerium (bis 25.3.1919). Die Entlassung des der USPD angehörenden Polizeipräsidenten von Berlin, Emil Eichhorn, nach dem Austritt der USPD aus der Regierung Ende Dezember 1918 führte zu den Berliner Januarunruhen 1919. Am 26.1.1919, eine Woche nach der Wahl zur Nationalversammlung, fand die Wahl zur Preußischen Landesversammlung statt, mit dem Ergebnis einer Regierung der „Weimarer Koalition“ unter Ministerpräsident Hirsch. Die im November 1918 begonnene Politik der Sicherung von Ruhe und Ordnung und der demokratischen und sozialen Reformen wurde fortgesetzt, die revolutionäre Linke bekämpft.

Nach dem Kapp-Putsch im März 1920 trat die Regierung, der Nachgiebigkeit gegenüber den reaktionären Militärs vorgeworfen wurde, zurück. Anschließend arbeitete Paul Hirsch ein Jahr im Reichswohlfahrtsministerium, um sich dann als stellvertretender Bürgermeister in Charlottenburg der Kommunalpolitik zuzuwenden. Direkt nach der Revolution hatte er schon als Innenminister die Weichen gestellt für die Schaffung der Stadtgemeinde Berlin, auch Groß-Berlin genannt. Er galt somit in seiner Partei als Spezialist auf dem Gebiet der kommunalen Neuordnung. Für diese Aufgabe wurde er mit den Stimmen der SPD, DDP, KPD und der Kriegsopferpartei am 22. Juli 1925 zum stellvertretenden Bürgermeister in Dortmund gewählt. Hier leitete er 1928 die nach Berlin zweitgrößte kommunale Gebietsreform Deutschlands. Als Landtagsabgeordneter konnte er die positive Entwicklung der Stadt unterstützen und vor allem Kunst und Wissenschaft fördern. Ein Jahr vor der regulären Zeit, zum 1. November 1932, reichte er aus gesundheitlichen Gründen ein Pensionsgesuch ein. Im April 1933 versuchte der Regierungspräsident in Arnsberg, ihm seine Pension zu entziehen. Hirsch gelang es, seinen Anspruch auf Fortzahlung gerichtlich durchzusetzen, allerdings nur bis zum Mai 1934.

In Berlin trat er später aus Solidarität mit den Verfolgten wieder in die Synagogengemeinde ein, die er nach der Revolution verlassen hatte und betätigte sich in der jüdischen Sozialfürsorge. Die Familie Hirsch zog im Lauf der Jahre oft innerhalb Berlins um, am längsten wohnte sie von 1921 bis 1934 in der Dahlmannstraße 1.

Praktische soziale Arbeit hatte sich auch Lucie Hirsch, geb. Jacoby, zur Aufgabe gemacht, die am 31. März 1875 in Pasewalk (Brandenburg) geboren ist. Auch die Töchter Thea Hirsch, geboren am 2. November 1908 in Berlin, und Eva Hirsch, geboren am 19. Oktober 1910 in Berlin, strebten soziale Berufe an. Thea hatte den Beruf der Kindergärtnerin und Erzieherin erlernt, Eva hatte ein Medizinstudium aufgenommen. Ihnen gelang es, Deutschland 1936 und 1939 zu verlassen und sich zu retten. Beide Schwestern werden als „sehr besondere, auffallende Damen“ beschrieben. Thea war bei der in Lima (Peru) lebenden jüdischen Familie Weisser für die Erziehung der drei Kinder verantwortlich. Eva setzte sich zunächst nach Südafrika und später nach Kalifornien ab, sie arbeitete als orthopädische Therapeutin. Thea Kahn, geb. Hirsch starb am 4. August 2002 in Lima (Peru), ihr Mann war Max Kahn. Eva Hirsh, die unverheiratet blieb, starb am 7. Juli 2011 in Los Angeles (USA).

Ihre Eltern hatten nicht nachkommen können, sie mussten ihre Wohnung aufgeben und in ein Zimmer in einem so genannten „Judenhaus“ ziehen, wo umgesiedelte jüdische Menschen zusammengepfercht wurden. Paul Hirsch starb am 1. August 1940 an Entkräftung. Lucie Hirsch nahm sich am 10. August 1941 das Leben, um der Deportation zu entgehen. Ihre Gräber befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee.

Am Haus Wilmersdorfer Straße 15, wo Paul Hirsch zeitweise gewohnt hatte, wurde auf Wunsch seines Enkels, mitfinanziert aus Spenden der örtlichen SPD, eine Gedenktafel angebracht.


Biographical Compilation

Renate Brucker-Karnowsky mit Ergänzungen von Leopoldo Kahn