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Alexander Grothendieck

Alexander Grothendieck in den 1980er Jahren © E.Ifang
Stolperstein Alexander Grothendieck © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Stolpersteine fpr Familie Schapiro-Grothendieck © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Alexander Grothendieck 1970 © MFO
LOCATION
Brunnenstraße 165

DISTRICT
Mitte – Mitte
STONE WAS LAID
03/22/2017

BORN
03/28/1928 in Berlin
OCCUPATION
Mathematiker
ESCAPE
1939 nach Frankreich
SURVIVED

Alexander Grothendieck wurde am 28. März 1928 in Berlin geboren und lebte gemeinsam mit seiner Familie bis 1933 in Berlin. Auf Grund der antisemitischen und antidemokratischen Politik der Nazis flohen seine Eltern schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis von Berlin nach Frankreich. Sein Vater, Alexander Schapiro, war ein russischer Anarchist jüdischer Herkunft und seine Mutter, Hanka Grothendieck, war eine avantgardistische Künstlerin – sie konnten sich ihres Lebens unter den Nazis nicht mehr sicher sein. So kam Alexander in eine Pflegefamilie nach Hamburg, wo er eine gemeinsam mit anderen Pflegkindern lebte und die Schule besuchte. Schon aus dieser Zeit ist überliefert, dass Alexander sich intensiv mit Zahlen beschäftigte.
1939 musste der damals elfjährige Alexander Hamburg aufgrund der steigenden antisemitischen Angriffe und akuten Bedrohung als Kind eines jüdischen Vaters Hamburg verlassen. Er stieg alleine in den Zug nach Frankreich, wo sein Vater ihn in Paris erwartete. Kurz darauf brachte sein Vater ihn nach Nîmes, wo er für rinr kurze Zeit er mit seiner Mutter und seinem Vater in lebte. Doch nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Frankreich und der Internierung aller Deutschen als „feindliche Ausländer“ landete er mit seiner Mutter im „Camp de Rieucros“, einem Internierungslager in der Stadt Mende. Sein Vater wurde im Lager „Camp du Vernet“ interniert, von dem er später aus in den Tod deportiert werden sollte.
Als die Wehrmacht im November 1942 den bis dato unter Selbstverwaltung des Vichy-Regimes gestellten Süden besetzte, wurde der junge Alexander im Collège Cévenol in Chambon-sur-Lignon aufgenommen. Das College war von französischen AntifaschistInnen gegründet worden und versteckte viele jüdische Jugendliche, die sonst deportiert worden wären. Hier schon schien Alexanders außergewöhnliche Begabung für die Mathematik auf und er schloss 1945 mit dem Baccalauréat, was dem Abitur entspricht, ab. Seine Mutter wurde währenddessen im berüchtigten Camp de Gurs und von da weiter im Camp de Brens festgehalten, wo sie schwere gesundheitliche Schäden erlitt. Sein Vater wurde im August 1942 über das Sammellager Drancy nach Auschwitz deportiert und dort direkt nach der Ankunft ermordet.
Nach dem Krieg lebte seine Mutter in Meyrargues, während er ein Studium der Mathematik im nah gelegenen Montpellier absolvierte.
Grothendieck kämpfte mit Depressionen und war seinen Eltern gegenüber verbittert, was man von späteren Aufzeichnungen entnehmen kann. Er war von ihnen enttäuscht, dass sie ihn im Alter von 5 Jahren alleine und hilflos an eine Pflegefamilie abgaben. Diese traumatisierende Aufgabe sollte ihn sein ganzes Leben lang verfolgen. Er sprach von einer tiefgreifenden Veränderung, die er an sich selbst erlebte:
,,Nachdem ich schon 2 Jahre von meiner Schwester und meinen Eltern getrennt war, die mir kein einziges Lebenszeichen zukommen ließen, erlebte ich in mir einen bestimmten Augenblick eine Wandlung. Von diesem Moment an habe ich mit den wirkungsvollen Mechanismen der Selbstverleugnung überlebt”.
Alexander Grothendieck ging von Montpellier nach Paris und Nancy, um dort sein Studium fortzuführen. Während dieser Zeit traf er auf zwei große Mathematiker, Laurent Schwarz und Jean Dieudonné, bei denen er sich zu einer Promotion anmeldete. Die beiden händigten ihm eine Arbeit mit 14 komplexen und bisher ungelösten mathematischen Problemen aus – er sollte sich mit einem dieser Probleme auseinandersetzen. Als Grothendieck nach einigen Monaten den Mathematikern die Problemlösung von der Hälfte der ihm überreichten Arbeit zu lesen gab, waren Laurent und Jean schwer beeindruckt. Ein unbekannter Student mit lückenhafter Schul- und Universitätsausbildung hatte mathematische Probleme gelöst, die ein hochrangiger Mathematiker nicht zu lösen vermochte. Einige Wochen später hatte Grothendieck schließlich sogar jedes dieser Probleme gelöst.
Dieser Erfolg verhalf Grothendieck bei seiner mathematischen Karriere, sodass er der Bourbaki-Gruppe beitrat, wo ausgezeichnete gleichgesinnte Mathematiker Frankreichs zusammenarbeiteten. Nach seiner Promotion kam sein erster einjähriger Lehraufenthalt in Sao Paulo; seine kranke Mutter wollte er nicht zurücklassen und nahm sie nach Brasilien mit. 1958 heiratet Alexander Grothendieck und mit seiner Frau Mireille Dufour bekam er drei Kinder. Ebenfalls 1958 erhält er seinen Professorentitel für Mathematik an dem „Institut des Hautes Études Scientifique“, was als ein Forschungsinstitut nach amerikanischem Vorbild für Mathematik und theoretischer Physik dient und eines der besten Frankreichs ist. Später sollte Grothendieck es als Paradies ansehen, wo er ungestört in kurzen Hosen oder barfuß zwischen jungen Mathematikern sich seiner Arbeit widmen konnte.
Seine Arbeiten schufen in der algebraischen Geometrie neue Fundamente, die auch in anderen Gebieten großen Anklang fanden. Als ihm 1966 die Fields-Medaille zuerkannt wird, weigert er sich, nach Moskau zu reisen und sie anzunehmen, weil oppositionelle Wissenschaftler und Künstler in der Sowjetunion unterdrückt wurden.
Von 1955 bis 1965 gab er sich ausschließlich der Mathematik hin. Jedoch wuchsen die Widerstände gegen die Bildungspolitik und das Establishment Frankreichs und in Konversationen mit politisch aktiven Studenten erkannte Grothendieck, dass er in einer Wissenschaftshierarchie untergekommen war, für die er Abneigung hegte. Grothendiecks Vater hatte anarchistische Auffassungen gehabt und er fühlte sich damit verbunden.
Mit Beginn der 1968er-Bewegung fand auch in Grothendieck ein Sinneswandel statt, der es mit sich brachte, dass er die Prinzipien der westlichen Welt hinterfragte. Vehement sprach er sich gegen den Vietnamkrieg aus – auch weil er ihn an seine eigene Kindheit erinnerte. Daher sympathisierte er mit den dortigen Studenten und hielt in Folge dessen sogar eine Reihe von Vorlesungen in Vietnam.
Als bekannt wurde, dass sein Institut IHES und damit auch seine Arbeit teilweise vom Verteidigungsministerium finanziert wurde, kam es zum Bruch: Er verließ sein „Paradies“ und stellte jegliche mathematischen Arbeiten vorläufig ein.
In den folgenden Jahren setzte er sich mit Problemen des Umweltschutzes auseinander, weshalb er die Gruppe „Survivre et vivre“ gründete, welche sich mit ökologischen und pazifistischen Themen beschäftigte. Zudem begann er sich vermehrt von der Gesellschaft zu isolieren, was unter anderem zur Trennung von seiner Frau führte. Auf einer organisationsinternen Werbereise durch die USA lernte er Justine Skalfa kennen, mit der er, zurück in Frankreich, zunächst in eine Kommune zog und später Vater eines gemeinsamen Kindes wurde. Es folgte eine von häufigen Wohnungswechseln geprägte Zeit, während der er immer stärker den Kontakt zu Freunden und zur Familie abbrach und schließlich auch die Beziehung zu Justine Skalfa beendete.
Im Folgenden übernahm er eine Professur in Montpellier, die er aber nur sehr unregelmäßig bis zu seiner Pensionierung 1988 ausübte. Stattdessen wandte er sich verstärkt der Religion und Meditation zu. Zunächst beschäftigte er sich mit dem Buddhismus, wozu er sogar japanische Mönche ins Land holte. Nach einiger Zeit beschäftigte er sich jedoch intensiver mit dem christlich-mystischen Religionsausübung. Im Jahr 1988 gefährdete er im Zuge eines Fastenexzesses sein Leben. Zu diesem Zeitpunkt waren schon einige gravierende psychische Beeinträchtigungen bemerkbar. Mit zunehmender psychischer Labilität isolierte er sich immer mehr. In seinen letzten Jahren verließ er sein bescheidenes Haus in den Pyrenäen nur noch zum Einkaufen und für Arztbesuche. Den Drang zu seiner großen Liebe, der Mathematik, versuchte er hingegen mit Hilfe von Meditation zu unterdrücken, da er sie als Hindernis auf seinem Weg zum Seelenheil sah. Alexander Grothendieck starb am 13.11.2014 in Saint-Lizier in den Pyrenäen.


Biographical Compilation

Klasse 9/3 des Heinrich-Hertz-Gymnasiums unter Anleitung von Frau Kumanoff und Sophia Schmitz auf Grundlage der Texte von Winfried Scharlau

Additional Sources

Winfried Scharlau: "Wer ist Alexander Grothendieck?" Teil 1: Anarchie und Teil 3: Spiritualität