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Lydia Woythaler (born Liebreich)

Stolperstein Lydia Woythaler © OTFW
LOCATION
Waldmannstraße 6

DISTRICT
Steglitz-Zehlendorf – Lankwitz
STONE WAS LAID
06/16/2018

BORN
07/09/1888 in Gladbach
ESCAPE
nach England
SURVIVED

Lydia Woythaler wurde am 9.7.1888 in Gladbach (Mönchengladbach) als Tochter des jüdischen, ursprünglich aus Bocholt stammenden Textilfabrikanten Belmont Liebreich und dessen aus Grevenbroich stammender Ehefrau Rosa (geb. Rothschild) geboren. Belmont Liebreich, Sohn des Bocholter Textilfabrikanten Philipp Liebreich, hatte zusammen mit seinem Schwager Julius Lilienthal und Constantien Brüel in Gladbach im Jahre 1885 eine mechanische Weberei gegründet und diese bis zu seinem Tod im Jahre 1900 geführt. Nach seinem Tode führten seine Witwe wie auch seine mit Julius Lilienthal verheiratete (seit 1892 verwitwete) Schwester Isabella zumindest bis zur Übernahme durch deren Sohn Karl die Firmengeschäfte weiter. Lydias Mutter heiratete später in zweiter Ehe den Lüdenscheider Geschäftsmann Leopold Simon. Sie lebte bis 1942 ebenfalls in Berlin, zunächst in der Rüdesheimer Straße 1, später in der Pariser Straße 37 und zuletzt in der Droysenstraße 18. Noch am 8. August hatte sie ihr restliches, auf etwa 18.000 RM belaufendes Vermögen in einem sogenannten Heimeinkaufsvertrag mit der Reichsvereinigung der Juden in der Annahme übertragen, einem Transport in ein Konzentrationslager zu entgehen. Mit dieser seit Juni 1942 geübten Praxis der unmittelbaren Vermögenübertragung wurde zur Verschleierung der wahren Deportation in ein KZ den meist älteren Juden zugesagt, eine Unterbringung in dem angeblich speziell für alte Juden und Jüdinnen mit speziellen Vorzügen wie kostenfreier (Einzel-)Unterkunft und Krankenversorgung angelegten Ghetto Theresienstadt zu ermöglichen. In der Annahme auf diese Weise lediglich „umgesiedelt“ zu werden, ließen sich viele ältere Juden darauf ein, auch weil ihnen andernfalls seitens der Gestapo die Deportation mit einem sogenannten „Osttransport“ angedroht wurde. Am 25.8. wurde Rosa Simon dann von der Sammelstelle Hamburger Straße 26 aus nach Theresienstadt deportiert, wo sie umkam.
Lydia heiratete am 6.10.1907 in Mönchengladbach den aus Bromberg/Posen (poln. Bydgoszcs) stammenden Sohn des Schnupftabakfabrikanten David Woythaler, Max Woythaler, mit dem sie wohl wenig später dorthin übersiedelte.
In Bromberg kamen am 11.11.1908 der Sohn Erwin Belmont und am 25.6.1910 die Tochter Ilse zur Welt.
1920 hatte ihr Schwiegervater in Berlin Lankwitz, Derfflingerstraße 32/34 das Fabrikgebäude und -gelände einer ehemaligen Pianofabrik gekauft, um seine Produktion nach Berlin zu verlegen. Bereits zu Beginn des Jahrhunderts hatte er eine Geschäftsfiliale in der Schwarzkopffstraße 6 unterhalten. Im Jahr 1921 gab David Woythaler endgültig die Produktionsstätte in Bromberg auf. Max leitete künftig die weiterhin unter dem Namen seines Vaters laufende Fabrik. Der Wohnsitz der Familie ist zu diesem Zeitpunkt nicht zu ermitteln; Die einzige nachweisbare Postadresse war die in der Derfflingerstraße. Seit spätestens 1927, Anfang 1928, bewohnte die Familie das von Hugo Häring entworfene, für sie neu erbaute Haus in der Waldmannstraße 6.
Nach dem im Sommer 1938 erfolgten Verkauf der Tabakfabrik gelang der Familie im März des darauffolgenden Jahres die Flucht nach England. Warum ihre wohl bereits zu diesem Zeitpunkt in Berlin lebende Mutter Rosa Simon nicht mit der Familie floh, ist nicht geklärt; vermutlich aufgrund ihres Alters. Auch die Familie des gleichnamigen Cousins ihres Mannes, Max Woythaler aus Allenstein, sowie dessen Schwester und Schwager Cäcilie und Georg Gross lebten in Berlin. Sie alle wurden deportiert und ermordet.
Lydias Tante, Isabella Lilienthal (geb. Liebreich), war es bereits im Februar 1939 gelungen, zusammen mit ihrem nach der Reichspogromnacht für zwei Monate inhaftierten Sohn Karl nach England zu fliehen. Karl Liebreich war bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Großhändler in London tätig gewesen und konnte daher sicher auf entsprechende Kontakte zurückgreifen. Während seine Mutter später ebenfalls in die USA ausreiste, blieb Karl in England und starb er in den 1960er Jahren. Lydias Cousinen Anna (verheiratet mit dem aus Zweibrücken stammenden Textilfabrikanten Hermann Aschaffenburg) und Meta (verheiratet mit dem Mainzer Bankier Otto Kaufmann) waren bereits im Jahr 1938 in die USA geflohen. Der jüngste Sohn der Familie, Ernst Lilienthal, war schon 1905 in die USA ausgewandert und hatte dort ein namhaftes Druckereiunternehmen gegründet.
Die fast zeitgleiche Flucht der Familie Woythaler im März 1939 nach England steht sicherlich im Zusammenhang mit der Flucht von Karl und Isabella Lilienthal.
Im Jahr 1944 verstarb Max Woythaler. Der Sohn Erwin nannte sich später Irvine Belmont Wainright. Er war als Lagerverwalter tätig und lebte im Großraum London. Auch die zwischenzeitlich mit einem Engländer verheiratete Tochter Ilse (verh. Hutchinson) verblieb in wohl in England.
Lydia Woythalers Wohnsitz in Bromley/Kent lässt sich zumindest bis Ende der 1950er Jahre dort nachweisen. Vermutlich siedelte sie später ebenfalls in das Gebiet um Greater London um.


Für die Angehörigen der weitverzweigten Familie Woythaler sind in mehreren Berliner Bezirken Stolpersteine verlegt worden. Informationen zu den entsprechenden Familienangehörigen, deren Verwandtschaftsgrad und den Verlegeort der Stolpersteine sind der beigefügten pdf-Datei zu entnehmen.

Biographical Compilation

Dr. Christiane Scheidemann

Additional Sources

Familienstammbuch Lilienthal: http://familienbuch-euregio.eu/geni... (Stand 15.5.2018)
Datenbank: Jüdische Grabsteinepigraphik (Julius Lilienthal): http://www.steinheim-institut.de/cg... (Stand 15.5.2018) Festschrift: IBENA. 175 Jahre IBENA Textilwerke Beckmann, Bocholt 2002, S. 21

United States Holocaust Memorial Museum Collection, Lilienthal family papers, https://collections.ushmm.org/searc... (Stand 18.5.2018)

Der Reidemeister. Geschichtsblätter für Lüdenscheid. Stadt und Land. Hg. v. Lüdenscheider Geschichtsverein e.V., Nr. 43, 10.9.1968: 700 Jahre Stadt Lüdenscheid: Erich Kann, Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde in Lüdenscheid, S. 340.