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Kajetan Weinich

Stolperstein für Kajetan Weinich © OTFW
LOCATION
Große Hamburger Straße 40

DISTRICT
Mitte – Mitte
STONE WAS LAID
03/17/2018

BORN
07/18/1891 in Bukawitz / Bukovice
INTERNIERT
from 1943 in Zwangslager Marzahn
SURVIVED

Kajetan Weinich wurde am 18. Juli 1891 in der dörflichen Ortschaft Bukawitz (dem heute tschechischen Bukovice) geboren, die damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Er war der Sohn des Karl Laubinger und der Anna Weinich. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Kajetan Weinich haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob Kajetan im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Kajetan und seine Eltern gehörten aber offenbar der vor allem in Böhmen und Mähren beheimateten Lallara Sinti an, einer Teilgruppe der Sinti, die sich auch als Lalleri bezeichnen. Kajetan Weinich ergriff den Beruf des Kaufmanns und lernte 1911 in Danzig (Gdańsk) seine spätere Ehefrau, die drei Jahre jüngere Sintezza Selma Adler kennen. Selma war die älteste Tochter des Berufsmusikers Julius Adler und der Händlerin Klara Adler, geborene Franz, und war 1894 in Kleschin (dem heutigen Kleszczyna) geboren worden. Wie ihre Mutter war sie als Händlerin tätig. 1912 feierte das Paar auf traditionelle Weise Verlobung und Hochzeit (Mangavipen und Bijav), da aber Kajetan Weinich infolge seiner österreichischen Staatsangehörigkeit bei Ortswechseln Schwierigkeiten mit den preußischen Behörden bekam, nahm er die Identität eines entfernten Verwandten namens Otto Krause an. Unter diesen Namen reiste das Paar in Westpreußen und Posen. Am 16. April 1914 bekamen Kajetan und Selma einen Sohn namens Franz Krause, der allerdings im Kleinkindalter mit acht Monaten verstarb. Am 23. Mai 1914 heiratete Kajetan Weinich standesamtlich, damals unter den Namen Otto Krause, Selma Adler in Glowno (Głowno). Am 13. März 1915 kam in Berlin ein zweites Kind namens Elisabeth Krause zur Welt und in den 1910er- oder 1920er-Jahren noch zwei weitere Kinder. Um 1915/1916 legte Kajetan Weinich den Namen Otto Krause wieder ab.

Über das Leben des Ehepaares und ihrer Kinder im Berlin der Kaiserzeit und der Weimarer Republik haben sich so gut wie keine Quellen erhalten. Aus der weitverzweigten Familie von Selma Weinich lebten zu dieser Zeit noch weitere Verwandte in der Hauptstadt: Selmas Eltern Julius und Klara, ihr Bruder Oskar, der wie Selmas Vater als Musiker und später Kapellmeister tätig war, und der mit seiner Ehefrau Auguste, geborene Spindler, in den 1920er- bis 1940er-Jahren zehn Kinder bekam: Max, Waldemar, Sandor, Rudi, Helga, Angelika, Selma, Weibi, Soni und Gisela. Selmas jüngere Brüder, der 1914 in Schneidemühl (Piła) geborene Max und der 1918 in Berlin geborene Rudolf, besuchten in den 1920er-Jahren Berliner Schulen. Max arbeitete nach seiner Schulausbildung als Maschinist in Berlin und heiratete in den 1930er-Jahren die Berlinerin Magdalena, geborene Saller. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor. Rudolf Adler musste vermutlich seine Ausbildung in den 1930er-Jahren abbrechen. Er blieb genauso kinderlos wie die ledige Schwester von Selma, Agnes Adler, die 1897 geboren, mit nur 36 Jahren am 16. August 1933 in Berlin verstarb.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Roma und Sinti seit 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Kajetan Weinich und seine Angehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Unter den rassenideologischen Vorgaben des NS-Regimes verschärften seit 1933 vor allem lokale polizeiliche und administrative Instanzen die Verfolgung von „Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen“. In Berlin wurde auf Initiative der Wohlfahrtsämter anlässlich der Olympischen Spiele 1936 eines der größten Zwangslager für Roma und Sinti in Marzahn errichtet, mit der die Stadt „zigeunerfrei“ werden sollte. Die Weinichs und Adlers wurden zu diesem Zeitpunkt noch nicht in das Lager gezwungen. Sie lebten Mitte der 1930er-Jahre in zwei nicht weit voneinander gelegenen Wohnungen in der Großen Hamburger Straße 34 und 40 in Mitte. In den 1930er-Jahren konnten sie ihrer Berufstätigkeit nicht mehr ungehindert nachgehen. Berufsverbote zwangen Kajetans Schwiegervater, seine Stelle als Musiker aufzugeben, seine Schwager Max und Rudolf wurden vermutlich zu Zwangsarbeit herangezogen, aber wahrscheinlich waren auch andere Familienmitglieder betroffen. Max war zuletzt vom Dezember 1938 bis zum 16. März 1943 in der „Maschinen- und Filmdruckerei R. Wolff“ in der Köpenicker Straße 18–20 als Arbeiter tätig, Rudolf vom September 1941 bis zum 27. März 1943 als Arbeiter in der „Schömann-Band K. G., Fabrik für Farbbänder, Kohle- und Durchschreibpapier“ in der Oranienburger Straße 38. Seit 1936 lag das Schicksal der Familie neben den Berliner Wohlfahrtsämtern und lokalen Polizeistellen in den Händen der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ (RHF) mit Sitz in Berlin-Dahlem. Die Behörde war mit der systematischen Erfassung der in Deutschland lebenden Sinti und Roma betraut sowie medizinischen Versuchsreihen an ihnen. Von den Weinichs wurden unter anderem biometrische Daten wie Fingerabdrücke genommen und in das „Zigeunersippenarchiv“ aufgenommen. 1938 wurde Kajetans Schwager Max unter dem Verfolgungsvorwand „arbeitsscheu“ – wahrscheinlich im Zuge der zweiten großen Verhaftungswelle der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ – im brandenburgischen Zehdenick verhaftet, am 18. Juni in das Konzentrationslager Sachsenhausen überführt und für sechs Monate bis zum 2. Dezember 1938 interniert. Mit dem „Festschreibungserlass“ im Oktober 1939 wurde allen Sinti und Roma unter Androhung von KZ-Haft verboten, ihre Heimatorte zu verlassen. In demselben Jahr entzogen die Behörden Kajetans Ehefrau die Staatsangehörigkeit, da sie infolge des Namenswechsels ihres Ehemanns widersprüchliche Angaben zu ihrer Herkunft gemacht hatte. Gegen das folgende Aufenthaltsverbot für das Reichsgebiet konnte sie noch bei der Kriminalpolizei und der 1939 in das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) aufgegangenen RHF erfolgreich Einspruch einlegen. Allerdings mussten die Weinichs spätesten 1941 ihre Wohnung in der Großen Hamburger Straße verlassen und wurde im Zwangslager Marzahn interniert. In einer der Barackenwagen Marzahns mussten Anfang der 1940er-Jahre auch Kajetans Schwager, Oskar Adler, mit seiner Ehefrau Auguste und seinen Kindern leben.

Mit dem „Auschwitz-Erlass“ vom 16. Dezember 1942 wurde im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau der „Zigeunerlager“ genannte Lagerabschnitt B II e eingerichtet. Im März 1943 wurden die meisten der in Berlin lebenden Familienmitglieder der Adlers verhaftet und in das Polizeipräsidium am Alexanderplatz gebracht: Zuerst vermutlich Max Adler mit seiner Frau Magdalena und dem minderjährigen Sohn. Magdalena Adler, die bei den Behörden als „arisch“ geführt wurde, sollte zur Scheidung genötigt werden, entschied sich aber dazu, das Schicksal ihres Ehemanns zu teilen. Am 23. März 1943 wurden Kajetans Schwiegereltern Julius und Klara Adler sowie Selmas Nichte Gisela Adler, eine der Töchter Oskars, verhaftet und am 27./28. März 1943 Kajetans Schwager Rudolf Adler. Sie alle wurden Ende März 1943 aus Berlin nach Auschwitz deportiert und kamen im Vernichtungslager in den „Zigeunerlager“ genannten Lagerabschnitt B II e. Aus dem Zwangslager Marzahn heraus verfasste Selma Weinich verzweifelte Bittschriften für ihre Verwandten: Am 24. Mai 1943 schrieb sie vergeblich an den Lagerkommandanten in Auschwitz und fügte Arbeitsbescheinigungen von Max und Rudolf Adler an, in denen die Arbeitgeber versicherten, dass sie die Brüder jederzeit wiedereinstellen würden. Die SS-Lagerleitung leitete den Brief an die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ in Berlin weiter, die im Juni vermerkte, dass Selma Weinich beschieden worden war, dass derartige Gesuche zwecklos seien. Einen zweiten Brief vom September 1943 richtete sie direkt an die „Präsidialkanzlei des Führers“, in dem sie darum bat, dass ihre Eltern ihr aus Auschwitz schreiben dürften, und der sicherlich unbeantwortet blieb.

Innerhalb der ersten fünf Monate nach der Ankunft im Lager am 31. März 1943 wurden vier der Familienmitglieder im Vernichtungslager ermordet. Laut den in Auschwitz ausgefüllten Sterbeurkunden wurde Kajetans 76-jähriger Schwiegervater Julius am 24. Mai 1943 ermordet – durch direkte Gewalteinwirkung oder durch die Folgen der „Vernichtung durch Arbeit“ mittels planvoller Mangelernährung und körperlicher Misshandlung im Lager, die 17-jährige Gisela Adler am 6. Juli und Kajetans 71-jährige Schwiegermutter Klara am 13. August 1943. An seinen Schwagern Rudolf und Max wurden durch das sogenannte SS-Hygieneinstitut in Auschwitz Menschenversuche durchgeführt. Im August 1943 unternahm Rudolf Adler zusammen mit dem deutschen Sinto Robert Böhmer einen Fluchtversuch. Die beiden wurden am 7. August auf der Flucht festgenommen, in Auschwitz unter Bunkerarrest gestellt und am 20. August 1943 erschossen. Max Adler wurde im Zuge der Räumung des „Zigeunerlagers“ am 12. März 1944 in Auschwitz ermordet. Dessen Ehefrau Magdalena und dessen Sohn sind vermutlich bereits zuvor in Auschwitz ermordet worden. Sie gehörten in jedem Fall nicht zu den wenigen Überlebenden von Auschwitz.

Oskar Adler, seine Frau Auguste und ihre Kinder sollten in den 1940er-Jahren im Lager Marzahn zwangssterilisiert werden. Nachdem der Eingriff bei einem der Kinder vorgenommen worden war und der Familie die Deportation nach Auschwitz drohte, flohen sie mit finanzieller Hilfe des Taufpfarrers von Auguste Adler, Pfarrer Pirmin, aus dem Lager über Eppishofen, Bayreuth, Augsburg und Mannheim nach München, wo sie versteckt das Kriegsende erlebten. Selma Weinich überlebte mit ihrem Ehemann in Berlin. Noch im Sommer 1944 hatte Kajetans Ehefrau aus dem Zwangslager Marzahn heraus versucht, postalisch Kontakt mit ihrer Familie in Auschwitz aufzunehmen. Kajetan und Selma Weinich lebten nach 1945 in Stuttgart und später in München.


Anmerkung zur Biographie: Es kann nicht gänzlich ausgeschlossen werden, dass Selma, Agnes und Oskar Adler aus einer früheren Beziehung von Julius Adler stammten. Vieles deutet aber daraufhin, dass es sich bei der in den Quellen genannten Klara Franz, der Mutter von Selma, Agnes und Oskar, und der Auguste Maria Strahl, der Mutter von Max und Rudolf, um ein und dieselbe Person handelt, zu der in amtlichen Dokumenten unterschiedliche Personenstandsdaten aufgenommen wurden. Gleiches gilt für Oskar Adlers Ehefrau, die einerseits urkundlich als Auguste Adler, geborene Spindler – der Mutter von Max, Waldemar, Sandor, Rudi, Helga, Angelika, Selma, Weibi und Soni – geführt wird und andererseits als Ella Adler, geborene Klein, der Mutter von Gisela Adler.

Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Personenunterlagen zu Max und Rudi Adler. ITS Arolsen, Bad Arolsen. Kopien von Unterlagen der Lagerbücher Auschwitz und Sachsenhausen
Eheanzeige Julius Dienegott Adler und Auguste Maria Strahl (Nr. 843, Berlin am 31. Oktober 1916). Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 7. August 2019)
Geburtsanzeige Selma Adler (Nr. 35, Buntowo am 14. August 1894). Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 7. August 2019)
Beglaubigung der Todesbeurkundung Julius Adler (Nr. 281, Arolsen, der 31. Januar 1956). Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 7. August 2019)
Einträge zu Rudolf, Max, Julius, Gisela und Klara [Auguste] Adler in der Onlinedatenbank der Gedenkstätte Auschwitz. Online unter: http://auschwitz.org/en/museum/ausc... (aufgerufen am 7. August 2019)
Einträge zu Rudi, Max, Julius, Gisella und Klara [Auguste] Adler in der Onlinedatenbank des United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/ (aufgerufen am 7. August 2019)
Angaben aus der Korrespondenz mit Familienangehörigen im Juni 2017
Pientka, Patricia: Das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn, Berlin 2013, S. 179–182
Czech, Danuta: Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek bei Hamburg 1989
Schmitz, Sophia: Die Verfolgung der Berliner Sinti und Roma. In: Stolpersteine in Berlin. Pädagogisches Begleitmaterial, hrsg. v. Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e. V., Berlin 2015, S. 76–93