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Alice Marcus (born Gutmann)

Stolperstein Alice Marcus, Foto: OTFW 2019
LOCATION
Mommsenstr. 47

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg

BORN
11/27/1894 in Berlin
FLIGHT INTO DEATH
06/06/1939 in Berlin

Alice Marcus geb. Gutmann kam am 27. November 1894 in Berlin zur Welt. Sie war die Tochter des Kaufmannes James Gutmann und seiner Frau Natalie geb. Horwitz. Ihr Vater betrieb eine Fabrik für Spezialnähmaschinen, vornehmlich Knopflochmaschinen, die ihr Großvater Julius Gutmann 1867 gegründet hatte. Die Fabrik war zunächst in der Mayerbeerstraße, später in der Schönhauser Allee 9. Die Wohnadresse der Familie wechselte während Alices Kindheit häufig, am längsten wohnte sie in der Pariser Straße 32 und am Kaiserdamm 116. 1919 lebte sie in der Clausewitzstraße 4. Am 8. März dieses Jahres heiratete Alice den 26 Jahre älteren Kaufmann Max Hadra aus Magdeburg vor dem Standesamt Charlottenburg I. Das Paar bezog zunächst eine Wohnung in der Sybelstraße 42, zog aber nach einem Jahr nach Schmargendorf in die Orberstraße 17. Am 18. Juni 1921 brachte Alice in der Privat-Frauenklinik von Prof. Paul Straßmann in der Schumannstraße 18 ihre Tochter Ellen zur Welt. Das Klinikgebäude steht heute unter Denkmalschutz als „Strassmann-Haus“, beherbergt nunmehr nur Büros – 1936 war Paul Straßmann zum Zwangsverkauf der Klinik genötigt worden.
Als Tochter Ellen 7 Jahre alt war, am 17. November 1928, starb Max Hadra unerwartet in Rheine (Westfalen), vermutlich war er dort auf Geschäftsreise. Er ist in Weißensee bestattet, dort ist vermerkt: „Transport der Leiche von Rheine über Osnabrück, Hannover nach Berlin- Halensee“. Einige Jahre zuvor war die Familie in die Nestorstraße 13 in Halensee gezogen. Die Beerdigung fand am 23. November statt. Nach Max Hadras Tod blieb Alice mit ihrer Tochter zunächst in der Nestorstraße wohnen. Im Berliner Adressbuch ist sie 1932 zum letzten Mal angegeben. Möglicherweise heiratete sie in diesem Jahr Martin Marcus. Über ihn wissen wir wenig. Er wurde am 20. Januar 1899 in Küstrin geboren; wann er nach Berlin übersiedelte bleibt unklar, da der Name in den Adressbüchern vielfach vorkommt und daher nicht eindeutig zuzuordnen ist. Wir wissen nur, dass er 1924 noch in Küstrin wohnte, angestellter Kaufmann war und sich am 2. August 1924 in Hamburg in das Dampfschiff „Neptun“ einschiffte, um nach Bergen in Norwegen zu fahren. Vermutlich war auch er ein Geschäftsreisender.
Am 17. Mai 1939 wurde eine Volkszählung durchgeführt, bei der Juden in einer „Ergänzungskartei“ separat registriert werden mussten. Alice und Martin Marcus wurden in der Mommsenstraße 47 erfasst. Inzwischen hatte sich die rassistische Verfolgung, die 1933 mit Berufseinschränkungen und anderen Diskriminierungen begonnen hatte, drastisch verschärft, vor allem nach den Pogromen vom 9./10. November 1938. Sie dehnte sich auf alle Bereiche des Wirtschafts- und Alltagslebens aus: Juden konnten nicht mehr in ihren Berufen arbeiten, nicht über ihr Vermögen verfügen, sie mussten horrende Abgaben leisten. Bestimmte Bannbezirke durften sie nicht mehr betreten, nicht in Theater, Kinos, Museen und dergleichen gehen, Gold- und andere Wertgegenstände hatten sie abzuliefern, der Mieterschutz wurde speziell für Juden „gelockert“, Verkehrsmittel konnten sie nur eingeschränkt nutzen. Weitere antisemitische Verordnungen, die noch folgen sollten, erlebte Alice Marcus nicht mehr. Sie beschloss, noch einmal frei zu entscheiden und nahm sich, kaum einen Monat nach der Volkszählung, am 6. Juni 1939 das Leben. Martin Marcus ließ sie in Weißensee neben Max Hadra bestatten.
Auch Martin Marcus ist in Weißensee begraben. Er starb am 14. August 1941, entweder auch aus freiem Entschluss oder infolge der vielen Verfolgungsmaßnahmen. Beides hätten die Nationalsozialisten zu verantworten. Ellen Hadra ist nicht in den Gedenkbüchern zu finden, und man kann annehmen, dass es ihr gelang, noch vor ihrem 18. Geburtstag mit einem „Kindertransport“ Deutschland zu verlassen. Diese Rettungsaktionen wurden auf Initiative der Briten kurz nach den Novemberpogromen für Kinder bis zu 17 Jahren in die Wege geleitet. Sie wurden von den Nazis unter strengen Auflagen geduldet – bis zum Kriegsausbruch am 1. September 1939.


Biographical Compilation

Recherchen/Text: Micaela Haas

Additional Sources

Auskunft Jüdischer Friedhof Weißensee; Gottwaldt/Schulle,