Skip to main content
Skip to content Skip to navigation

Irma Wolff (born Altmann)

Stolperstein für Irma Wolff, Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
Stolpersteine in Flensburg für Irma, Käthe und Lilly Wolff; Foto: Stadtarchiv Flensburg
LOCATION
Mommsenstr. 47

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
02/22/2019

BORN
04/27/1891 in Dramburg (Pommern) / Drawsko Pomorskie
DEPORTATION
on the 29th of January 1943 from Sammellager Große Hamburger Straße to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Irma Wolff wurde am 27. April 1891 in Dramburg, Pommern, als Irma Altmann geboren. Ihr Vater war der Kaufmann Emil Altmann, die Mutter Olga geb. Wolff. Irma hatte einen Bruder, den drei Jahre älteren Richard. Emil Altmann betrieb ein Textilgeschäft in Dramburg. Um 1910 – Irma war etwa 19 Jahre alt - gab Emil Altmann sein Geschäft auf und zog als Rentier nach Berlin in die Kurfürstenstraße 42. In Berlin lebte Irmas Bruder Richard und war als Organist für Synagogen tätig. Er war schon 1903 erblindet, aber nach einem privaten Musikstudium hatte er 1907-1910 am Berliner Konservatorium Orgel, Klavier und Komposition lernen können.

1919 starb Irmas Mutter, 1922 der Vater. Schon vorher hatte Irma den Zahnarzt Adolf Schüler geheiratet, das Paar wohnte in der Kantstraße 4. 1929 zogen sie in die Fürther Straße 6/7. Kinder sind aus der Ehe nicht bekannt. Um 1934 herum starb Adolf Schüler, Irma zog in eine vermutlich kleinere Wohnung in der Bayerischen Straße 11a.

Am 17. Februar 1937 heiratete Irma in Flensburg Alexander Ludwig Wolff, Besitzer des dortigen Gutes Jägerslust. Darüber, was Irma nach Flensburg führte, können wir nur spekulieren. Zum einen waren die Flensburger Wolffs vielleicht mit ihr entfernt verwandt, Irmas Mutter war eine geboren Wolff gewesen. Zum anderen betrieben Alexander und seine verwitwete Mutter, Käthe Wolff geb. Jacoby, auf dem Gut seit 1934 eine land- und hauswirtschaftliche Hachscharah-Ausbildungsstätte für die Vorbereitung junger Juden auf die Alija, die Auswanderung nach Palästina. 1936 waren die Nationalsozialisten drei Jahre an der Macht und es war abzusehen, dass sie Juden das Leben zunehmend schwer machen würden. Das mag Irma dazu bewogen haben, sich auf dem Gut nützlich zu machen, vielleicht hatte sie selbst eine Auswanderung nach Palästina ins Auge gefasst. Möglich auch, dass sie Alexander Wolff schon in Berlin kannte und erst nachdem sie beschlossen hatten zu heiraten, nach Flensburg ging.

Die Familie Wolff war in Flensburg hoch angesehen gewesen und hatte trotz wachsendem Antisemitismus vergleichsweise wenig Probleme das Gut und die Schule zu führen. Außerdem wurden die Hachscharah-Einrichtungen zunächst von dem NS-Regime geduldet, da man bestrebt war, möglichst viele Juden zur Auswanderung zu treiben. Hatten sich in den 20er Jahren hauptsächlich Kinder aus zionistischen Familien dazu entschlossen nach Palästina zu gehen, so waren mit der Machtübertragung an Hitler und den folgenden antisemitischen Maßnahmen immer mehr Jugendliche ohne zionistischen Hintergrund dazu bereit. Die Gruppe von Auswanderungswilligen lernte dort gemeinsam, was für den Aufbau eines Gemeinwesens in Palästina notwendig erschien. Es ging vor allem um gärtnerische, land- und hauswirtschaftliche sowie handwerkliche Fertigkeiten. Sie lernten auch modernes Hebräisch und wurden zur jüdischen Religion, Kultur und Geschichte unterrichtet. Leben und Arbeiten im Kollektiv galten als besonders wichtig. Auf Jägerslust waren zunächst 12 „Umschulungs“-Plätze, im Laufe der Jahre konnten an die hundert junge Männer und Frauen ihre Lehrzeit dort - ganz oder zum Teil - absolvieren. Das alles änderte sich abrupt in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Ein NS-Schlägertrupp in Zivil überfiel das Gut mitten in der Nacht, plünderte und verwüstete die Einrichtungen und misshandelte die Bewohner. Alle Anwesenden, auch Irma Wolff und ihre Schwiegermutter Käthe Wolff, wurden verhaftet und in das Flensburger Polizeigefängnis verbracht. Auf dem Weg dorthin gelang es Alexander Wolff, über die Dänische Grenze zu flüchten.

Am nächsten Morgen wurden die Männer nach Sachsenhausen überführt, die Frauen aber freigelassen. Käthe und Irma Wolff konnten jedoch nicht zurück nach Jägerslust, zu groß waren die Zerstörungen. Sie fanden provisorische Unterkunft in Flensburg, entschlossen sich jedoch Anfang 1939 nach Berlin zu gehen, wo Irmas Bruder Richard und Käthes Tochter Lilly Wolff lebten. Zum Zeitpunkt der Volkszählung vom 17. Mai 1939 wohnte Irma zur Untermiete bei der Familie Alexander in der Mommsenstraße 47, Käthe Wolff wurde in der Rankestraße 20 erfasst. Alexander Wolff bemühte sich derweil in Dänemark verzweifelt, Visa für sich und auch für Irma, für seine Mutter und für seine Schwester zu bekommen – ohne Erfolg. Schließlich erhielt er eines nur für sich für die USA und konnte Ende November 1939 dorthin fahren.

1940 zog Irma zu ihrem Bruder in die Karlsruher Straße 29 in Halensee, nachdem dessen Frau Alice im Juli gestorben war. Richard Altmann war 1935 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen worden, was einem Berufsverbot gleichkam. Er konnte nur noch für die jüdische Kultusvereinigung tätig sein. Irma wurde zur Zwangsarbeit herangezogen als Löterin bei dem Radiohersteller Dr. Georg Seibt AG, für 20 Reichsmark im Monat. Im Dezember 1942 wurde Richard Altmann abgeholt und am 14. Dezember nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Genau an diesem 14. Dezember unterschrieb Irma die „Vermögenserklärung“, die jeder zur Deportation Bestimmte ausfüllen musste. Sie hatte noch etwa 5000 RM auf einem „Sicherheitskonto“ bei der Dresdner Bank, von dem sie jedoch monatlich nur 200 RM hatte abheben dürfen. Eine Hypothek über 24000 RM, die sie nach dem Tod ihres ersten Mannes gekauft hatte, musste sie auf Druck der Gestapo 1940 an Nichtjuden verkaufen. Ob und wenn ja, wieviel sie von dem Erlös erhielt, bleibt unklar - frei verfügen hätte sie darüber sowieso nicht können. Irma wurde in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 verbracht und dort, wie alle anderen, per Zustellungsurkunde darüber informiert, dass ihr gesamter Besitz vom Deutschen Reich beschlagnahmt sei. Ihr Hausrat wurde „mit den Sachen von Altmann“ geschätzt und brachte wohl keinen nennenswerten Erlös. 77,97 RM Lohnnachzahlung von der Dr. Seibt AG kassierte das Deutsche Reich ebenfalls ein. Am 29. Januar 1943 wurde Irma Wolf von dem Sammellager aus mit über 1000 weiteren Opfern nach Auschwitz deportiert. Sie ist nicht zurückgekommen.

Irmas Schwiegermutter Käthe Wolff geb. Jacoby, Jahrgang 1868, wurde am 14. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, von da am 26. September 1942 weiterverschleppt nach Treblinka und dort ermordet. Irmas Schwägerin Lilly Wolff, geboren am 16. Juni 1896, wurde am 5. September 1942 nach Riga deportiert und in Riga-Jungfernhof, Außenlager Ghetto Riga, auf Ankunft am 8. September erschossen. Das Gut Jägerslust, bzw. was von ihm übrig war, wurde vom Deutschen Reich eingezogen, das Gelände militärisch genutzt. Auch nach dem Krieg blieb es ein Truppenübungsplatz, Alexander Wolff erhielt nach einem langen Verfahren eine Entschädigung auf dem Vergleichswege. 1996 wurde das Areal der Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein übertragen und wurde Teil vom „Stiftungsland Schäferhaus“. Dort wurden am 23. August 2004 Stolpersteine für Käthe, Lilly und Irma Wolff verlegt. Für Richard Altmann liegt ein Stolperstein vor der Karlsruher Straße 29. Dort hatte er seit seiner Heirat 1917 gewohnt. (https://www.berlin.de/ba-charlotten...)


Biographical Compilation

Micaela Haas

Additional Sources

Stadtarchiv Flensburg;

Bernd Philipsen,„Dat Judennest hebbt wi utrökert.“Vom gewaltsamen Ende des Auswanderer-Lehrguts Jägerslust bei Flensburg in: Die „Reichskristallnacht“ in Schleswig-Holstein. Der Novemberpogrom im historischen Kontext. Herausgegeben von Rainer Hering (Veröffentlichungen des Landesarchivs Schleswig-Holstein Band 109). Hamburg 2016. S. 231 – 253