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Leo Radinowski

Stolperstein Leo Radinowski Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
LOCATION
Mommsenstr. 2

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
04/25/2018

BORN
11/27/1896 in Johannisburg (Ostpreußen) / Pisz
OCCUPATION
Kaufmann
DEPORTATION
on the 3rd of February 1943 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Die Familie Radinowski stammte aus dem ostpreußischen Johannisburg, dem heutigen Pisz.
Die Spuren der ostpreußischen Juden sind durch den Holocaust verwischt. Keiner der wenigen Juden, die der Vernichtung entkommen konnten, ist in die ostpreußische Heimat zurückgekehrt. Die wenigen Überlebenden wurden in alle Winde zerstreut.
Die Eltern der Geschwister Radinowski waren Leiser Radinowski und Berta, geb. Hoeppner. Ihre sieben Kinder kamen alle in Johannisburg auf die Welt.
Der Älteste, Max, wurde 1886 geboren, es folgten Anna 1887, Hermann 1890, Ida 1893, Lina 1895 und Leo am 27. November 1896. Vom Bruder Albert ist kein Geburtsdatum bekannt.
Viele Mitglieder der Familie Radinowski, unter anderem die 1926 verwitwete Mutter Berta zogen nach Berlin, Albert und zeitweise auch Max ließen sich in Angerburg und Ida in Calbe an der Saale nieder.
Leo Radinowski war Kaufmann geworden und betrieb einen Textilgroßhandel in Berlin-Mitte. Die Adress- und Telefonbücher weisen unterschiedliche Adressen in Mitte aus. Zwischen 1935 und 1939 gab es die Einträge: Spandauer Straße 27, Kupfergraben 34/36, Kaiser-Wilhelm-Straße 25 und 26b (heute Karl-Liebknecht-Straße). Nach den Novemberpogromen 1938 wird Leo, wie die meisten jüdischen Unternehmer, seinen Großhandel zwecks „Arisierung“ zwangsweise veräußert haben, seine Spur in den Adressbüchern verliert sich nach 1939. Unter der Adresse Duisburger Straße 19 war im gleichen Zeitraum ebenfalls ein Leo Radinowski gemeldet, 1938 steht dort statt Leo die Sekretärin E. Radinowski. War dieses eventuell seine Privatadresse und die Sekretärin seine Ehefrau, oder handelte es sich um eine namensgleiche andere Person?
In der Sonderkartei für Juden der Volkszählung von Mai 1939 ist Leo unter der Adresse Mommsenstraße 2 aufgeführt. Mit dem Verlust seines Großhandels musste er wohl auch seine eigene Wohnung aufgeben, da fast zeitgleich das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ verabschiedet wurde. Dieses Gesetz hob den Mieterschutz für Juden auf und erlaubte unter anderem, sie innerhalb kürzester Zeit aus ihren Wohnungen zu vertreiben. Dass Leo in dieser Sonderkartei als Einzelperson steht, bestätigt eher die Annahme, dass er nicht verheiratet war. Es gibt darüber hinaus auch keine weiteren Hinweise auf eine Eheschließung. Leo hat in der Mommsenstraße 2 vermutlich bei einem der anderen jüdischen Bewohner zur Untermiete gewohnt.
Leos Bruder Max und dessen aus Angerburg stammende Frau Anna, geb. Jaruslawsky, hatten ebenfalls ihre Wohnung verlassen müssen und waren bei der Witwe Joseph in der Hohenstaufenstraße 36 zur Untermiete eingewiesen worden. Die drei Kinder des Ehepaares hatten Nazideutschland durch Flucht ins Ausland inzwischen verlassen können, Eva lebte in Neuseeland, Ulla in Brasilien und der Sohn Erwin emigrierte über England nach Australien. Unter dem Druck der Verfolgung und der Trennung von ihren Kindern starb Anna Radinowski am 1. Dezember 1941 an Herzversagen.
Leo Radinowski wurde nun bei seinem Bruder Max in der Hohenstaufenstraße zur Untermiete bei Joseph einquartiert. Von dort wurden die beiden Brüder am 3. Februar 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Im Gegensatz zu Leo gibt es im Gedenkbuch keinen Eintrag für Max, es fand sich auch nach Kriegsende keine Spur von ihm.
Auch die anderen Geschwister Radinowski wurden im Holocaust ermordet.
Ida war mit ihrem Mann Heinz Liepolz nach Calbe an der Saale gezogen, wo auch ihre Töchter Ruth und Margot auf die Welt kamen. Die gesamte Familie wurde am 14. April 1942 ab Magdeburg über Potsdam und Berlin in das Warschauer Ghetto deportiert und dort ermordet.
Hermann und seine Frau Johanna, geb. Winkler, wurden am 15. August 1942 zusammen mit ihren Kindern, dem siebenjährigen Lothar und der zehnjährigen Eva, nach Riga verschleppt und drei Tage nach Ankunft ermordet.
Die ledig gebliebenen Schwestern Anna und Lina waren zuletzt in der Alten Schönhauser Straße 58 untergebracht. Zuvor wohnten Anna und ihre 1940 verstorbene Mutter Berta in der Gipsstraße 12 a, in dem Haus, in dem sich bis 1904 das Rabbinerseminar der Israelitischen Synagogengemeinde Adass Jisroel befunden hatte. Von ihrer Unterkunft in der Schönhauser Straße aus wurden die Schwestern am 29. Januar 1943, vier Tage vor ihren Brüdern Leo und Max, nach Auschwitz deportiert.
Albert hatte sich mit seiner Familie in Angerburg niedergelassen. Ihm gehörte dort ein Schuhgeschäft. Der ehemalige Angerburger Gerhardt Freund erinnert sich 1966 an ihn:
„Noch heute kann ich mich all der Angerburger jüdischen Familien erinnern, denen wir geschäftlich und freundschaftlich verbunden waren. Es waren dies die Textilkaufleute Cohn, Klein und Jaruslawski in der Königsberger Straße, die Pferdehändler Lehmann und Friedmann in der Litauer Straße, der Produktenhändler Schaul in der Kirchstraße, der Herr Blumenthal vom Schlachthof und dann noch Albert Radinowski, der am Alten Markt ein Schuhgeschäft, Marke Salamander, innehatte. Das waren damals die jüdischen Familien in unserer Stadt. Ihr Prozentsatz an der Gesamtbevölkerung Angerburgs von ca. 8000 Einwohnern war also sehr gering.“ (Angerburger Heimatbrief 1966)
Eins seiner vier Kinder, den 1907 geborenen Sohn, benannte Albert nach seinem Bruder Leo. Aus dieser Familie konnten zwei Töchter, Cella und Gerda, und der Sohn Leo durch Flucht ins Ausland ihr Leben retten, Selmas Schicksal und das ihrer Eltern Albert und Paula ist nicht bekannt.
Das Schicksal von Leo Radinowski und seinen Geschwistern zeigt, wie der Rassenwahn der Nationalsozialisten nahezu die gesamte Generation einer Familie auslöschte und nur wenige Familienmitglieder sich durch Flucht nach Übersee retten konnten.


Biographical Compilation

Recherche und Text: Karin Sievert

Additional Sources

Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933 - 1945


Erinnerungen von Gerhardt Freund in: „Angerburger Heimatbrief 1966“


genealogienetz.de: Familiendatenbank Juden im Deutschen Reich