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Isidor Kohn

Stolperstein für Isidor Kohn © Christiana Hoppe
LOCATION
Bergfriedstraße 6

DISTRICT
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
STONE WAS LAID
10/07/2020

BORN
11/22/1867 in Schöneck (Westpreußen) / Skarszewy
OCCUPATION
Kaufmann
DEPORTATION
on the 3rd of October 1942 to Theresienstadt
MURDERED
05/30/1943 in Theresienstadt

Isidor Kohn kam am 22. November 1867 in Schöneck / Westpreußen als Sohn von Hermann Kohn und seiner Ehefrau Sofie, geb. Stein, zur Welt. Schöneck (polnisch Skarszewy) liegt etwa 40 km südlich von Danzig. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Isidor Kohn haben sich keine Zeugnisse erhalten. Er heiratete um 1896 in Preußisch Holland / Ostpreußen die am 26. September 1872 ebendort geborene Elise Wohl.
Das Paar bekam acht Kinder und wechselte öfters den Wohnort: Alfred (geb. 1898 in Schöneck), Erich (geb. 1899 in Danzig-Langfuhr), Ilse Elisabeth (geb. 1901 in Frankfurt am Main), Grete (geb. 1903, gest. 1913), Max Emanuel (geb. 1907), Johannes Albert (geb. 1909), Anna Erika (geb. 1911) und Charlotte Marie (geb. 1917). Die fünf jüngsten Kinder kamen alle in Schöneck / Westpreußen zur Welt. Isidor Kohn verdiente den Lebensunterhalt der Familie als Kaufmann, Elise Kohn war Hausfrau. Laut den Kindern lebte die Familie in gutbürgerlichen Verhältnissen.
Sie übersiedelten um 1920 nach Berlin, nachdem ihre Heimatstadt Schöneck aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags an Polen abgetreten worden war.
In den 1920er Jahren betrieb Isidor Kohn ein Kolonialwarengeschäft in der Wrangelstraße 136 in Kreuzberg. In den frühen 1930er Jahren zog die Familie in die Fürstenstraße 15 (das Haus existiert nicht mehr, dort befindet sich heute die Bergfriedstraße 6). Laut der Tochter Anna Erika bewohnten sie dort eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Küche.
Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Kohn. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben.
Das Judentum spielte für Isidor Kohn eigentlich keine Rolle: Er war im Juni 1928 aus der Jüdischen Gemeinde ausgetreten. Statt seinen religiösen Vornamen Isidor zu verwenden, ließ er sich „Fritz“ nennen. Doch all das sollte nichts helfen. Die überlebenden Kinder schilderten nach dem Krieg gegenüber dem Entschädigungsamt: „Mein Vater besaß in Berlin, Großgörschenstraße 29 ein Restaurant, das aus einem Vereinszimmer, Lokal, zwei Zimmern und Küche bestand. Ungefähr 1930 verpachtete mein Vater das gesamte Lokal mit Vereinsraum an einen Herrn Specker. Mein Vater lebte mit seiner Familie von den Pachteinnahmen, die sich meiner Erinnerung nach auf 4800 RM jährlich beliefen. Schon vor der Machtübernahme war Herr Specker mit der Pacht in Rückstand geraten. 1934 weigerte sich der Pächter weiterhin seine Pacht zu zahlen, weil mein Vater jüdischer Herkunft war und es war meinem Vater nicht möglich, diese Pacht gerichtlich einzutreiben. Seitdem blieb er ohne irgendwelches Einkommen.“
Die älteste Tochter Ilse brachte im Mai 1933 in Berlin ein Mädchen namens Gisela zur Welt. Ilse war nicht verheiratet, Vater des Kindes soll ein „Arier“ gewesen sein, der offenbar nur unregelmäßig Unterhalt zahlte. Ilse und Gisela Kohn wohnten bei den Eltern bzw. Großeltern in der Fürstenstraße 15.
Im März 1939 wurde Ilse Kohn aufgrund einer Denunzierung wegen angeblicher „Rassenschande“ von der Gestapo verhaftet. Vom Polizeipräsidium Alexanderplatz wurde sie in das KZ Ravensbrück verschleppt, wo sie schwere Zwangsarbeit in einem Steinbruch verrichten musste. Ihr Vater, der im Februar 1939 wieder in die Jüdische Gemeinde eingetreten war, versuchte alles, um seine Tochter freizubekommen. Nach vielen Bemühungen gelang es der Jüdischen Gemeinde Berlin für Ilse eine Stellung als Hausangestellte in England und eine Einreiseerlaubnis zu beschaffen. Sie wurde daraufhin Anfang Juli 1939 aus dem KZ entlassen und wanderte einige Tage später nach England aus. Ihre Tochter Gisela konnte sie aber nicht mitnehmen, diese hielt sich dann teils bei ihren Großeltern, teils bei der Familie ihres Onkels Erich auf.
Isidor und Elise Kohn wurden am 3. Oktober 1942 mit dem 3. großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Nach der Deportation der Großeltern wurde der Jüdischen Gemeinde die Vormundschaft über Gisela Kohn übertragen. Zuletzt lebte sie bei einem Ehepaar Pottlitzer in der Hirtenstraße 22, unweit des Alexanderplatzes. Die 9-Jährige wurde am 4. März 1943 mit dem 34. Osttransport nach Auschwitz deportiert, wo sie wahrscheinlich gleich nach der Ankunft ermordet wurde.
Isidor Kohn kam am 30. Mai 1943 in Theresienstadt ums Leben. Seine Frau Elise überlebte ihn nur um drei Monate, sie starb dort am 25. August 1943. Laut ihrer Todesfallanzeige soll die Todesursache „Herzschwäche“ gewesen sein.
Der älteste Sohn Alfred wurde mit seiner Frau und den beiden Töchtern ebenfalls in Auschwitz ermordet. Sohn Erich überlebte die Shoah aufgrund seiner Ehe mit einer „Arierin“. Die anderen Söhne und Töchter waren rechtzeitig nach Südamerika, Palästina oder England ausgewandert.


Biographical Compilation

Christiana Hoppe