Bruno Lüdke

Location 
Grüne Trift 32 a
District
Köpenick
Stone was laid
2021
Born
1908
Occupation
Kutscher
Verhaftet
1943 1943 in Berlin
Verhaftet
1943 1944 im Kriminalmedizinischen Zentralinstitut der Sicherheitspolizei in Wien
Murdered
1944 in Wien
  • Stolperstein für Bruno Lüdke © OTFW

    Stolperstein für Bruno Lüdke © OTFW

  • Bruno Lüdke © Nihad Nino Pušija

    Bruno Lüdke © Nihad Nino Pušija

Gedenkrede zur Stolpersteinverlegung für Bruno Lüdke am 28. August 2021<br />
<br />
Hier in Köpenick wurde Bruno Lüdke 1908 als viertes von sechs Kindern geboren. Mit elf Jahren, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, kam er auf eine damals so genannte Hilfsschule. Bruno Lüdke war geistig eingeschränkt. Sein Klassenlehrer betonte, dass er sich „stets willig, freundlich und dienstbereit“ gezeigt habe. Mit 14 Jahren verließ Bruno die Schule und arbeitete fortan im Wäschereibetrieb seiner Eltern, als Kutscher und Handlanger – hier in der Grünen Trift. <br />
Es gibt von Bruno Lüdke nur zwei Fotografien aus privatem Zusammenhang – diese dort zeigt ihn im Sonntagsanzug mit Pferd vor dem Haus der Eltern, aufgenommen von einem Wander-Fotografen. Dort etwa, nur wenige Meter von hier entfernt, muss Lüdke gestanden haben. Das vordere Haus ist erst nach dem Krieg gebaut worden. <br />
<br />
Wir wissen nicht genau, in welchem Jahr das Foto aufgenommen wurde, vermutlich in den 1930er-Jahre. Was wir aber genau wissen: Ab 1933 wurde Lüdkes geistige Entwicklung lebensgefährlich. Denn über den Wert von Menschenleben konnten jetzt die Nationalsozialisten entscheiden. Sie machten die Gesetze. <br />
Doch nicht nur NSDAP-Mitglieder zeigten Menschen an, unterstützten das <br />
Erbgesundheitsgesetz. Die Diagnose „angeborener Schwachsinn“ für Bruno Lüdke gab 1938 ein demokratisch gesinnter Mann, der später Widerstandskämpfer wurde. Lüdkes Mutter Emma und die beiden Schwestern Margarete und Herta hatten sich vor Gericht zunächst gegen die Zwangssterilisation Lüdkes ausgesprochen – bis sie schwach wurden und zustimmten. Gegen einen Köpenicker Förster konnte sich die Familie aber durchsetzen. Dieser Nachbar hatte Lüdke in eine Heil- und Pflegeanstalt bringen wollen. In der nationalsozialistischen Leistungsgesellschaft war es die amtliche Einschätzung „arbeitsfähig“, die auch Lüdke davor schützte, ein Opfer des Krankenmords in der „T4-Aktion“ zu werden. <br />
<br />
Doch Anfang 1943 wurde Bruno Lüdke verhaftet, in einer Mordsache verhört und dann – wir können den Verlauf hier nur sehr kurz wiedergeben – nicht mehr freigelassen. Die polizeiliche „Fabrikation eines Verbrechers“ begann: Man fotografierte ihn an Tatorten, vermaß seinen Körper, machte falsche Versprechungen, erpresste vermeintliche Geständnisse – alles diente der Idee, das Böse sichtbar zu machen. Lüdke wurde von Kriminalpolizisten aus dem Reichssicherheitshauptamt, der Berliner Polizei und auch von Kriminalanthropologen aus Wien rassenbiologisch und polizeilich als Täter <br />
drangsaliert. Als man genug Bilder und Körperdaten, ja sogar Abgüsse von Kopf und Händen hergestellt hatte, entledigten sich die Täter ihres Versuchsobjektes. Bruno Lüdke wurde im April 1944 durch vergiftete Munition in Wien ermordet – das blieb „Geheime Reichssache“. Was an Akten und Artefakten von Lüdke übrig blieb, sollte später in einem Kriminalmuseum den gefährlichen „Berufsverbrechers“ illustrieren. <br />
<br />
Die alliierte Befreiung vom Nationalsozialismus kam für Lüdke zu spät. Doch auch im Nachkriegsdeutschland wurden die Lügen und rassistischen Werturteile über den Köpenicker Kutscher aufgegriffen und sogar fantasiereich ausgebaut. 1946 begann die journalistische „Fabrikaktion eines Verbrechers“, vor allem durch Rudolf Augstein im SPIEGEL und im Boulevardblatt MÜNCHNER ILLUSTIERTE wurde der vermeintliche Kriminalfall überhaupt erst öffentlich gemacht. True Crime und erinnerungspolitische Fake News gingen Hand in Hand. <br />
Die Figur des Serienmörders half dabei, über die wahren deutschen Massenmörder wortreich zu schweigen. Die Schwestern Lüdkes hier in Köpenick waren entsetzt. Sie blieben von der Unschuld ihres Bruders überzeugt, sie protestierten. Doch ihr Widerspruch fand erneut kein Gehör. <br />
<br />
Einer, der diese True Crime Stories las, war Robert Siodmak, der deutsch-jüdische Regisseur, der in Hollywood vor den Nazis Zuflucht genommen hatte. Für den Filmkünstler war das alles idealer Stoff für eine filmische Parabel auf das Nazi-Reich: Auf der einen Seite der kranke Serienmörder, großartig von Mario Adorf in Szene gesetzt – und auf der anderen Seite die zynischen Massenmörder der SS und Gestapo. Siodmaks Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ wurde 1957 ein großer Erfolg. Lüdkes Schwestern klagten erneut, jetzt gegen die namentliche Nennung ihres Bruders im Film. Doch ein Hamburger Gericht lehnte die Klage ab. Es sanktionierte damit 1958 die perfiden Erfindungen und ungeprüften Behauptungen der NS-Polizei. Stellungnahmen zu diesem Versagen in der bundesdeutschen Mediendemokratie – sowohl von Augstein im SPIEGEL als auch durch das Oberlandesgericht in Hamburg – fehlen bis heute. <br />
Auch darum ist es so wichtig und verdienstvoll, dass der Schauspieler Mario Adorf eine weitere öffentliche Rehabilitation angeregt hat. In den letzten Jahren hatte er es sehr bedauert, unwissentlich an der Legendenbildung über den Kutscher Lüdke mitgewirkt zu haben. <br />
Mit diesem Stolperstein würdigen wir heute einen Menschen, der im Alter von 36 Jahren brutal benutzt und ermordet wurde. Bruno Lüdke war ein Opfer in mehrfacher Hinsicht: Er war ein Opfer der Zwangssterilisation. Er war ein Opfer der NS-Politik gegen sogenannte „Gemeinschaftsfremde“, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Und er war ein Opfer der erneut sozialrassistischen Wahrnehmung bis in die 1990er Jahre hinein. <br />
Der Bundespräsident zeigt mit seiner Teilnahme hier persönliche Haltung und <br />
unterstreicht damit auch die parlamentarischen Beschlüsse zur Anerkennung des <br />
Unrechts und des Gedenkens an diese lange ignorierten Opfergruppen.<br />
<br />
Für die Opfer sowieso, aber auch für ihre Eltern, Geschwister und Verwandten kommt unsere symbolische Geste meist zu spät. Nichts wird mit einem Stolperstein ungeschehen gemacht, nichts wird wirklich wieder gut. Unrecht, Verletzung, Trauer, Wut bleiben als Wunden zurück. <br />
Wir hatten über die Jahre unserer Forschung zur Nichte von Bruno Lüdke Kontakt. Sie möchte anonym bleiben. Immer wieder hat sie betont, dass sie froh sei über alle Rehabilitationsbemühungen für ihren Onkel Bruno. In dem Brief, den wir vor wenigen Tagen erhielten, schreibt sie: <br />
<br />
„Alle Versuche meiner Mutter, Bruno Lüdke Gerechtigkeit widerfahren zu <br />
lassen, scheiterten. Aber auch eine späte Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit und für <br />
uns (...) Nachkommen eine Genugtuung.“ „Ich freue mich“, schreibt sie am <br />
Ende, „einen Ort zu haben, an dem meine Familie und ich gedenken und eine <br />
Blume niederlegen können.“<br />

Gedenkrede zur Stolpersteinverlegung für Bruno Lüdke am 28. August 2021

Hier in Köpenick wurde Bruno Lüdke 1908 als viertes von sechs Kindern geboren. Mit elf Jahren, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, kam er auf eine damals so genannte Hilfsschule. Bruno Lüdke war geistig eingeschränkt. Sein Klassenlehrer betonte, dass er sich „stets willig, freundlich und dienstbereit“ gezeigt habe. Mit 14 Jahren verließ Bruno die Schule und arbeitete fortan im Wäschereibetrieb seiner Eltern, als Kutscher und Handlanger – hier in der Grünen Trift.
Es gibt von Bruno Lüdke nur zwei Fotografien aus privatem Zusammenhang – diese dort zeigt ihn im Sonntagsanzug mit Pferd vor dem Haus der Eltern, aufgenommen von einem Wander-Fotografen. Dort etwa, nur wenige Meter von hier entfernt, muss Lüdke gestanden haben. Das vordere Haus ist erst nach dem Krieg gebaut worden.

Wir wissen nicht genau, in welchem Jahr das Foto aufgenommen wurde, vermutlich in den 1930er-Jahre. Was wir aber genau wissen: Ab 1933 wurde Lüdkes geistige Entwicklung lebensgefährlich. Denn über den Wert von Menschenleben konnten jetzt die Nationalsozialisten entscheiden. Sie machten die Gesetze.
Doch nicht nur NSDAP-Mitglieder zeigten Menschen an, unterstützten das
Erbgesundheitsgesetz. Die Diagnose „angeborener Schwachsinn“ für Bruno Lüdke gab 1938 ein demokratisch gesinnter Mann, der später Widerstandskämpfer wurde. Lüdkes Mutter Emma und die beiden Schwestern Margarete und Herta hatten sich vor Gericht zunächst gegen die Zwangssterilisation Lüdkes ausgesprochen – bis sie schwach wurden und zustimmten. Gegen einen Köpenicker Förster konnte sich die Familie aber durchsetzen. Dieser Nachbar hatte Lüdke in eine Heil- und Pflegeanstalt bringen wollen. In der nationalsozialistischen Leistungsgesellschaft war es die amtliche Einschätzung „arbeitsfähig“, die auch Lüdke davor schützte, ein Opfer des Krankenmords in der „T4-Aktion“ zu werden.

Doch Anfang 1943 wurde Bruno Lüdke verhaftet, in einer Mordsache verhört und dann – wir können den Verlauf hier nur sehr kurz wiedergeben – nicht mehr freigelassen. Die polizeiliche „Fabrikation eines Verbrechers“ begann: Man fotografierte ihn an Tatorten, vermaß seinen Körper, machte falsche Versprechungen, erpresste vermeintliche Geständnisse – alles diente der Idee, das Böse sichtbar zu machen. Lüdke wurde von Kriminalpolizisten aus dem Reichssicherheitshauptamt, der Berliner Polizei und auch von Kriminalanthropologen aus Wien rassenbiologisch und polizeilich als Täter
drangsaliert. Als man genug Bilder und Körperdaten, ja sogar Abgüsse von Kopf und Händen hergestellt hatte, entledigten sich die Täter ihres Versuchsobjektes. Bruno Lüdke wurde im April 1944 durch vergiftete Munition in Wien ermordet – das blieb „Geheime Reichssache“. Was an Akten und Artefakten von Lüdke übrig blieb, sollte später in einem Kriminalmuseum den gefährlichen „Berufsverbrechers“ illustrieren.

Die alliierte Befreiung vom Nationalsozialismus kam für Lüdke zu spät. Doch auch im Nachkriegsdeutschland wurden die Lügen und rassistischen Werturteile über den Köpenicker Kutscher aufgegriffen und sogar fantasiereich ausgebaut. 1946 begann die journalistische „Fabrikaktion eines Verbrechers“, vor allem durch Rudolf Augstein im SPIEGEL und im Boulevardblatt MÜNCHNER ILLUSTIERTE wurde der vermeintliche Kriminalfall überhaupt erst öffentlich gemacht. True Crime und erinnerungspolitische Fake News gingen Hand in Hand.
Die Figur des Serienmörders half dabei, über die wahren deutschen Massenmörder wortreich zu schweigen. Die Schwestern Lüdkes hier in Köpenick waren entsetzt. Sie blieben von der Unschuld ihres Bruders überzeugt, sie protestierten. Doch ihr Widerspruch fand erneut kein Gehör.

Einer, der diese True Crime Stories las, war Robert Siodmak, der deutsch-jüdische Regisseur, der in Hollywood vor den Nazis Zuflucht genommen hatte. Für den Filmkünstler war das alles idealer Stoff für eine filmische Parabel auf das Nazi-Reich: Auf der einen Seite der kranke Serienmörder, großartig von Mario Adorf in Szene gesetzt – und auf der anderen Seite die zynischen Massenmörder der SS und Gestapo. Siodmaks Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ wurde 1957 ein großer Erfolg. Lüdkes Schwestern klagten erneut, jetzt gegen die namentliche Nennung ihres Bruders im Film. Doch ein Hamburger Gericht lehnte die Klage ab. Es sanktionierte damit 1958 die perfiden Erfindungen und ungeprüften Behauptungen der NS-Polizei. Stellungnahmen zu diesem Versagen in der bundesdeutschen Mediendemokratie – sowohl von Augstein im SPIEGEL als auch durch das Oberlandesgericht in Hamburg – fehlen bis heute.
Auch darum ist es so wichtig und verdienstvoll, dass der Schauspieler Mario Adorf eine weitere öffentliche Rehabilitation angeregt hat. In den letzten Jahren hatte er es sehr bedauert, unwissentlich an der Legendenbildung über den Kutscher Lüdke mitgewirkt zu haben.
Mit diesem Stolperstein würdigen wir heute einen Menschen, der im Alter von 36 Jahren brutal benutzt und ermordet wurde. Bruno Lüdke war ein Opfer in mehrfacher Hinsicht: Er war ein Opfer der Zwangssterilisation. Er war ein Opfer der NS-Politik gegen sogenannte „Gemeinschaftsfremde“, „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Und er war ein Opfer der erneut sozialrassistischen Wahrnehmung bis in die 1990er Jahre hinein.
Der Bundespräsident zeigt mit seiner Teilnahme hier persönliche Haltung und
unterstreicht damit auch die parlamentarischen Beschlüsse zur Anerkennung des
Unrechts und des Gedenkens an diese lange ignorierten Opfergruppen.

Für die Opfer sowieso, aber auch für ihre Eltern, Geschwister und Verwandten kommt unsere symbolische Geste meist zu spät. Nichts wird mit einem Stolperstein ungeschehen gemacht, nichts wird wirklich wieder gut. Unrecht, Verletzung, Trauer, Wut bleiben als Wunden zurück.
Wir hatten über die Jahre unserer Forschung zur Nichte von Bruno Lüdke Kontakt. Sie möchte anonym bleiben. Immer wieder hat sie betont, dass sie froh sei über alle Rehabilitationsbemühungen für ihren Onkel Bruno. In dem Brief, den wir vor wenigen Tagen erhielten, schreibt sie:

„Alle Versuche meiner Mutter, Bruno Lüdke Gerechtigkeit widerfahren zu
lassen, scheiterten. Aber auch eine späte Gerechtigkeit ist Gerechtigkeit und für
uns (...) Nachkommen eine Genugtuung.“ „Ich freue mich“, schreibt sie am
Ende, „einen Ort zu haben, an dem meine Familie und ich gedenken und eine
Blume niederlegen können.“