Dorothea Less née Moses

Location 
Lindenstr. 91
Historical name
Lindenstr. 100
District
Kreuzberg
Stone was laid
2007
Born
1864
Deportation
on 02 February 1943 nach Theresienstadt
Dead
1944 in Theresienstadt
  • Stolperstein für Dorothea Less.
    Stolperstein für Dorothea Less. Foto: OTFW.

    Stolperstein für Dorothea Less. Foto: OTFW.

Dorothea Moses wurde am 8. Oktober 1864 in der westpreußischen Stadt Briesen (heute Wąbrzeźno in Polen), etwa 40 Kilometer nordöstlich von Thorn (Toruń), geboren. Über ihr Elternhaus, ihre Kindheit und Jugend in Briesen haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob sie im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde der Stadt. Dorothea heiratete in den 1890er-Jahren den Kaufmann Sally Less. Ihr Ehemann war 1864 als Sohn von Schmul und Lene Less in der kleinen Ortschaft Dt. Czellenczyn (Cieleszyn) im Kreis Schwetz (Świecie), die in der näheren Umgebung von Briesen liegt, zur Welt gekommen.<br />
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Die Eheleute zog nach Buschin (heute Bušín in Tschechien) im Süden des Goldensteiner Berglandes, wo sie gemeinsam eine Gastwirtschaft führten und ihre sechs Kinder zur Welt kamen: 1897 wurde Hanna geboren, es folgten 1898, 1899 und 1900 Hertha, Alfred und Erna, 1902 kam Lotte zur Welt und im Jahr 1906 schließlich ihr jüngstes Kind Jenny. Ein weiteres Kind starb kurz nach der Geburt. Am 15. Februar 1913 starb Dorotheas Ehemann Sally nach längerer Krankheit in Buschin. Dorothea Less war nun für die heranwachsenden sechs Kinder und die Gastwirtschaft allein verantwortlich. Soweit bekannt, besuchten die Kinder von Dorothea die Volksschule in Buschin.<br />
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Im Ersten Weltkrieg war Dorotheas Sohn Alfred Soldat und wurde bei Gefechten im letzten Kriegsjahr 1918 bei einem Einsatz mit dem Pionier-Bataillon 24 schwer verletzt. Ein Bein musste im Lazarett amputiert werden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog er nach Berlin und war als Personalkontrolleur zwischen 1925 und 1935 im Kaufhaus Tietz in der Leipziger Straße beschäftigt. Im Februar 1933 heiratete er die aus Buschin stammende Auguste Else Groninger. Auch seine Schwester Jenny lebte in den 1920er-Jahren in Berlin. Sie gehörte seit 1922 zur Jüdischen Gemeinde Berlins und heiratete 1927 den aus Bernau stammenden Dachdecker Ernst Wegener. Die Mutter Dorothea zog vermutlich ebenfalls in den 1920er-Jahren nach Berlin. Sie lebte zuletzt in einer Wohnung in der Lindenstraße 100. Ihre Tochter Herta lebte mit ihren Ehemann Gustav Dittmann in Stettin (Szczecin). Tochter Hanna hatte in zweiter Ehe Max Abraham geheiratet und mit diesem ihre Kinder Irene, Siegfried und Abraham bekommen. Sie lebte zuletzt in der Draheimerstraße 320 in Tempelburg (Czaplinek). Leider haben sich keine weiteren Informationen erhalten, die einen Einblick in das Leben von Dorothea Less und ihren Kindern in der Zeit der Weimarer Republik geben könnten.<br />
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Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Dorothea Less und ihre Angehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik war Berlin zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden und Anfang der 1930er-Jahre hatte die sichtbare Brutalität in Form von Straßenkämpfen, Saalschlachten und SA-Aufmärschen in den Straßen massiv zugenommen. Ab 1933 institutionalisierte sich der Rassismus mit Hilfe staatlicher Autorität; Erlasse und Sondergesetze drängten die Familie Less zunehmend in die Position von Rechtlosen. Ein Bekannter von Dorotheas Sohn Alfred namens Fritz Pfeffer berichtete später zu dessen Entlassung 1935: „In der Kantine des Hertie-Betriebes Leipziger Straße befand sich ein Schaukasten, in dem ein antisemitisches Hetzbild des ›Stürmer‹ jüdische Soldaten verunglimpfte. Herr Leß, der selbst Jude und Frontsoldat war, nahm energisch gegen diese Veröffentlichung Stellung. Ich war Zeuge seines Auftretens gegen dieses Bild. Kurz darauf wurde er zum NS-Zellenobmann gerufen und wenige Tage danach in Verfolgung dieser Angelegenheit fristlos entlassen.“ Alfred Less konnte noch zwischen 1936 und 1938 eine Beschäftigung bei der Firma „Rosenfeld & Nathan“ in Berlin finden, bevor diese Anfang 1939 arisiert wurde. In den 1940er-Jahren musste er bei Berliner Betrieben Zwangsarbeit leisten. Spätestens in dieser Zeit wurde das Leben für alle Mitglieder der Familie zum Existenzkampf. Jenny Wegener schilderte später ihre Situation: „Als Jüdin war ich den vielfachen Anfeindungen, Bedrückungen und Beschränkungen des Naziregimes ausgesetzt. Ich war verpflichtet, eine jüdische Kennkarte zu führen. Geschäftsleute, Hausnachbarn und der Luftschutzwart haben mich schikaniert und bei Partei, Kartenstelle und Polizei angezeigt.“ Auch Jenny, die zuvor seit 1932 als Portierfrau gearbeitet hatte, wurde nun vom Arbeitsamt zu Zwangsarbeit herangezogen: Zuerst als Wagenputzerin bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin-Grunewald, dann als Arbeiterin bei der Färberei und Reinigung „H. Bergemann GmbH“ und schließlich bis Ende 1944 als Kartoffelschälerin.<br />
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Offenbar kümmerte sie sich auch um ihre Mutter Dorothea; als sie selbst die Pflege nicht mehr leisten konnte, brachte sie diese in einem Altenheim der Jüdischen Gemeinde unter. Bei einem Besuch 1943 erfuhr sie, dass Dorothea Less deportiert worden war: „Als ich 1942 oder 1943 in dem Altersheim, in dem ich meine Mutter untergebracht hatte, erfuhr, daß meine Mutter abgeholt worden war, bekam ich einen Nervenschock. Ich konnte für einige Stunden nicht sprechen.“ Die 78-jährige Dorothea Less war am 2. Februar 1943 aus dem als Sammellager missbrauchten ehemaligen Krankenhaus Auguststraße 14–16 in Mitte mit dem „85. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto überlebte sie ein Jahr, bevor sie am 9. Februar 1944 in Theresienstadt ermordet wurde – entweder durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen.<br />
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Von ihren Kindern überlebten im Exil Erna Less und Lotte Less, später verheiratete de Heveningham. Sie hatten sich in den 1930er-Jahren nach England retten können, wo sie mit ihren Familien nach dem Krieg in London lebten. Jenny Wegener und Alfred Less hatten nach NS-Terminologie mit nichtjüdischen Ehepartnern in „privilegierter Mischehe“ gelebt und überlebten die NS-Verfolgung – genauso wie Alfreds 1939 geborener Sohn Harry. Hannas Ehemann Max Abraham war in das Warschauer Ghetto deportiert worden und gehörte bei der Befreiung nicht zu den Überlebenden. Hanna selbst starb im Dezember 1945 in Tempelburg (Czaplinek). Ihre Kinder Irene, Siegfried und Abraham überlebten die NS-Verfolgung im Exil und lebten später in den USA und Israel. Dorotheas Tochter Hertha Dittmann war nach dem Tod ihres Ehemannes Gustav Dittmann – er war 1944 im Krieg gefallen – nach Berlin geflüchtet. Am 3. November 1944 nahm sie sich angesichts ihrer drohenden Deportation in einer Wohnung in der Urbanstraße 6 das Leben.

Dorothea Moses wurde am 8. Oktober 1864 in der westpreußischen Stadt Briesen (heute Wąbrzeźno in Polen), etwa 40 Kilometer nordöstlich von Thorn (Toruń), geboren. Über ihr Elternhaus, ihre Kindheit und Jugend in Briesen haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob sie im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde der Stadt. Dorothea heiratete in den 1890er-Jahren den Kaufmann Sally Less. Ihr Ehemann war 1864 als Sohn von Schmul und Lene Less in der kleinen Ortschaft Dt. Czellenczyn (Cieleszyn) im Kreis Schwetz (Świecie), die in der näheren Umgebung von Briesen liegt, zur Welt gekommen.

Die Eheleute zog nach Buschin (heute Bušín in Tschechien) im Süden des Goldensteiner Berglandes, wo sie gemeinsam eine Gastwirtschaft führten und ihre sechs Kinder zur Welt kamen: 1897 wurde Hanna geboren, es folgten 1898, 1899 und 1900 Hertha, Alfred und Erna, 1902 kam Lotte zur Welt und im Jahr 1906 schließlich ihr jüngstes Kind Jenny. Ein weiteres Kind starb kurz nach der Geburt. Am 15. Februar 1913 starb Dorotheas Ehemann Sally nach längerer Krankheit in Buschin. Dorothea Less war nun für die heranwachsenden sechs Kinder und die Gastwirtschaft allein verantwortlich. Soweit bekannt, besuchten die Kinder von Dorothea die Volksschule in Buschin.

Im Ersten Weltkrieg war Dorotheas Sohn Alfred Soldat und wurde bei Gefechten im letzten Kriegsjahr 1918 bei einem Einsatz mit dem Pionier-Bataillon 24 schwer verletzt. Ein Bein musste im Lazarett amputiert werden. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zog er nach Berlin und war als Personalkontrolleur zwischen 1925 und 1935 im Kaufhaus Tietz in der Leipziger Straße beschäftigt. Im Februar 1933 heiratete er die aus Buschin stammende Auguste Else Groninger. Auch seine Schwester Jenny lebte in den 1920er-Jahren in Berlin. Sie gehörte seit 1922 zur Jüdischen Gemeinde Berlins und heiratete 1927 den aus Bernau stammenden Dachdecker Ernst Wegener. Die Mutter Dorothea zog vermutlich ebenfalls in den 1920er-Jahren nach Berlin. Sie lebte zuletzt in einer Wohnung in der Lindenstraße 100. Ihre Tochter Herta lebte mit ihren Ehemann Gustav Dittmann in Stettin (Szczecin). Tochter Hanna hatte in zweiter Ehe Max Abraham geheiratet und mit diesem ihre Kinder Irene, Siegfried und Abraham bekommen. Sie lebte zuletzt in der Draheimerstraße 320 in Tempelburg (Czaplinek). Leider haben sich keine weiteren Informationen erhalten, die einen Einblick in das Leben von Dorothea Less und ihren Kindern in der Zeit der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Dorothea Less und ihre Angehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Bereits in der Zeit der Weimarer Republik war Berlin zum Schauplatz antisemitischer Ausschreitungen geworden und Anfang der 1930er-Jahre hatte die sichtbare Brutalität in Form von Straßenkämpfen, Saalschlachten und SA-Aufmärschen in den Straßen massiv zugenommen. Ab 1933 institutionalisierte sich der Rassismus mit Hilfe staatlicher Autorität; Erlasse und Sondergesetze drängten die Familie Less zunehmend in die Position von Rechtlosen. Ein Bekannter von Dorotheas Sohn Alfred namens Fritz Pfeffer berichtete später zu dessen Entlassung 1935: „In der Kantine des Hertie-Betriebes Leipziger Straße befand sich ein Schaukasten, in dem ein antisemitisches Hetzbild des ›Stürmer‹ jüdische Soldaten verunglimpfte. Herr Leß, der selbst Jude und Frontsoldat war, nahm energisch gegen diese Veröffentlichung Stellung. Ich war Zeuge seines Auftretens gegen dieses Bild. Kurz darauf wurde er zum NS-Zellenobmann gerufen und wenige Tage danach in Verfolgung dieser Angelegenheit fristlos entlassen.“ Alfred Less konnte noch zwischen 1936 und 1938 eine Beschäftigung bei der Firma „Rosenfeld & Nathan“ in Berlin finden, bevor diese Anfang 1939 arisiert wurde. In den 1940er-Jahren musste er bei Berliner Betrieben Zwangsarbeit leisten. Spätestens in dieser Zeit wurde das Leben für alle Mitglieder der Familie zum Existenzkampf. Jenny Wegener schilderte später ihre Situation: „Als Jüdin war ich den vielfachen Anfeindungen, Bedrückungen und Beschränkungen des Naziregimes ausgesetzt. Ich war verpflichtet, eine jüdische Kennkarte zu führen. Geschäftsleute, Hausnachbarn und der Luftschutzwart haben mich schikaniert und bei Partei, Kartenstelle und Polizei angezeigt.“ Auch Jenny, die zuvor seit 1932 als Portierfrau gearbeitet hatte, wurde nun vom Arbeitsamt zu Zwangsarbeit herangezogen: Zuerst als Wagenputzerin bei der Deutschen Reichsbahn in Berlin-Grunewald, dann als Arbeiterin bei der Färberei und Reinigung „H. Bergemann GmbH“ und schließlich bis Ende 1944 als Kartoffelschälerin.

Offenbar kümmerte sie sich auch um ihre Mutter Dorothea; als sie selbst die Pflege nicht mehr leisten konnte, brachte sie diese in einem Altenheim der Jüdischen Gemeinde unter. Bei einem Besuch 1943 erfuhr sie, dass Dorothea Less deportiert worden war: „Als ich 1942 oder 1943 in dem Altersheim, in dem ich meine Mutter untergebracht hatte, erfuhr, daß meine Mutter abgeholt worden war, bekam ich einen Nervenschock. Ich konnte für einige Stunden nicht sprechen.“ Die 78-jährige Dorothea Less war am 2. Februar 1943 aus dem als Sammellager missbrauchten ehemaligen Krankenhaus Auguststraße 14–16 in Mitte mit dem „85. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto überlebte sie ein Jahr, bevor sie am 9. Februar 1944 in Theresienstadt ermordet wurde – entweder durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen.

Von ihren Kindern überlebten im Exil Erna Less und Lotte Less, später verheiratete de Heveningham. Sie hatten sich in den 1930er-Jahren nach England retten können, wo sie mit ihren Familien nach dem Krieg in London lebten. Jenny Wegener und Alfred Less hatten nach NS-Terminologie mit nichtjüdischen Ehepartnern in „privilegierter Mischehe“ gelebt und überlebten die NS-Verfolgung – genauso wie Alfreds 1939 geborener Sohn Harry. Hannas Ehemann Max Abraham war in das Warschauer Ghetto deportiert worden und gehörte bei der Befreiung nicht zu den Überlebenden. Hanna selbst starb im Dezember 1945 in Tempelburg (Czaplinek). Ihre Kinder Irene, Siegfried und Abraham überlebten die NS-Verfolgung im Exil und lebten später in den USA und Israel. Dorotheas Tochter Hertha Dittmann war nach dem Tod ihres Ehemannes Gustav Dittmann – er war 1944 im Krieg gefallen – nach Berlin geflüchtet. Am 3. November 1944 nahm sie sich angesichts ihrer drohenden Deportation in einer Wohnung in der Urbanstraße 6 das Leben.