Alice Pasch

Verlegeort
Wilhelmsaue 136
Bezirk/Ortsteil
Wilmersdorf
Verlegedatum
30. Juli 2005
Geboren
24. Juni 1888 in Rawitsch (Posen) / Rawicz
Beruf
Lehrerin
Deportation
am 28. Juni 1943 nach Auschwitz
Ermordet
in Auschwitz

Alice Pasch stammte – wie so viele jüdische Berlinerinnen und Berliner – aus der preußischen Provinz Posen: Sie ist dort aufgewachsen, hat dort als erwachsene Frau gelebt und gearbeitet, und sie hat sich auch in Berlin weiterhin um ihre Heimat gekümmert.

Auf die Welt kam Alice Pasch in Rawitsch am Südrand der Provinz (Rawicz/Polen) als Tochter des Kaufmanns David Pasch (1842–1938) und seiner Ehefrau Fanny, geb. Wollmann (1857-1917). Rawitsch war die Heimatstadt ihres Vaters, und auch ihre Mutter stammte aus einem Ort in der Umgebung. David Pasch war in der Kommunalpolitik und in der Jüdischen Gemeinde ein engagierter und einflussreicher Mann: Er war jahrelang Stadtverordneter und Stadtrat und im Vorstand der Gemeinde. Seine verwitwete Mutter Johanna Pasch hatte ihm das 1850 gegründete Wäschegeschäft der Familie vererbt, das fast ein „Kaufhaus“ war und sicherlich ein angenehmes Leben garantierte. Alice Pasch hatte vier Geschwister: die Brüder Leo (1882–1930) und Bruno (1889–1943) und die Schwestern Elsbeth (1886–1943) und Martha (1891–1937). – Leo, der Älteste, sollte als einziger heiraten.

Die Eltern sorgten für eine gute Ausbildung ihrer Kinder, auch der Töchter: Alice Pasch wurde Lehrerin und arbeitete an einer privaten Schule in Rawitsch. Ihre Schwester Elsbeth wurde Masseurin. Während des Ersten Weltkrieges (1916) heiratete ihr Bruder Leo, der promoviert hatte und Rechtsanwalt geworden war, die Musiklehrerin Betty Hannach. Er sollte bis zu seinem Tod im Jahr 1930 in Berlin eine Anwaltskanzlei führen. 1917 starb die Mutter Fanny Pasch in Rawitsch.

Wann genau David Pasch und seine unverheirateten Kinder nach Berlin gekommen sind, ist unklar, wahrscheinlich nachdem Rawitsch 1920 polnisch geworden war. Im Berliner Adressbuch taucht er 1925 das erste Mal als Hauptmieter in der Handjerystraße 86 auf. In dieser Wohnung lebten auch die ledigen erwachsenen Kinder, zumindest die Töchter.

In der Hauptstadt gab es eine ganze Reihe von Verwandten und Bekannten aus Rawitsch. Zu ihnen gehörte ihr Onkel Jacob Pasch (1848–1942), ein Bruder des Vaters. Er arbeitete als Börsenmakler, und er war (wie auch ihr Bruder Leo) Mitglied und eine zeitlang Vorsitzender des Hilfsverein für Rawitscher zu Berlin. Der Verein diente der „Unterstützung hilfsbedürftiger Rawitscher“ und war einer der vielen Heimat- und Hilfsvereine der ehemaligen Bewohner*innen der Provinz Posen in Berlin. Bereits Vater David Pasch war nach dem Fortgang aus Rawitsch in dem Verein der ehemaligen Rawitscher aktiv, und seine Tochter Alice setzte die Familientradition fort:

Alice Pasch leitete während der NS-Diktatur die Gruppe Rawitsch im 1928 gegründeten Verband jüdischer Heimatvereine und organisierte bis zum Verbot des Vereins im Jahr 1938 die Treffen der Berliner Gruppe.

Wahrscheinlich war sie auch im Verein für das Deutschtum im Ausland aktiv, in dem sich viele Lehrerinnen und Lehrer organisiert hatten. Während der Weimarer Republik vertrat der Verein im Rahmen seiner viel weiter gehenden Ziele (Revision des Versailler Vertrages) die Interessen der deutschen Minderheiten in den abgetretenen Gebieten.

Die Familie wurde kleiner: 1937 starb die Schwester Martha Pasch in Isfahan im Iran, und im Februar 1938 starb der Vater David Pasch, der zu seinem 95. Geburtstag im Jahr 1937 in den Blättern des Verbandes jüdischer Heimatvereine als „Senior der Gruppe Rawitsch und immerwährendes Ehrenmitglied“ geehrt worden war. Alice Pasch wurde Hauptmieterin der Wohnung in der Handjerystraße 86. Als „letzte Beschäftigung“ gab sie in ihrer späteren „Vermögenserklärung“ eine Tätigkeit als „Lehrerin bei der Jüdischen Kultusvereinigung“ an.

Ihr Bruder Bruno Pasch, der als Handelsvertreter gearbeitet hatte, emigrierte 1939 nach Belgien. Er wurde Anfang Januar 1942 in das KZ Sachsenhausen transportiert und starb dort am 29. Januar 1942 an „Herzschwäche“ – so die offizielle Mitteilung. Alice Pasch setzte die Beisetzung der Urne auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee durch.

Bis zum Frühjahr 1941 lebten Alice Pasch und ihre Schwester Elsbeth in der Handjerystraße 86, dann mussten sie nach Berlin-Wilmersdorf in die Wilhelmsaue 136 ziehen. Zuerst waren sie Untermieterinnen der Lehrerin Jettka Rosner, die Ende November 1941 deportiert wurde. Dann wohnte Gertrud Klang bis zu ihrer Deportation Mitte Mai 1943 bei den Schwestern Pasch. (Alice Pasch und Jettka Rosner müssen zu derselben Zeit an der Mittelschule der Jüdischen Gemeinde unterrichtet haben.)

Zuletzt lebten die beiden Schwestern in der Illegalität. Es gibt zwei Berichte von Bekannten über diesen (gescheiterten) Versuch, das Leben zu retten: Einmal heißt es, dass Eva Heilmann, Tochter des 1940 im KZ Buchenwald ermordeten SPD-Politikers Ernst Heilmann, die Schwestern Elsbeth und Alice Pasch für eine Weile versteckt hatte, diese aber das Leben im Untergrund nicht ertrugen und sich der Gestapo stellten. Ein anderes Mal heißt es, dass die Schwestern von der Gestapo auf einem Bahnhof gefasst worden seien. – Die Zeitzeuginnen leben nicht mehr, es bleiben die von den Tätern notierten Fakten und Daten:

Am 28. Juni 1943 wurde Alice Pasch gemeinsam mit ihrer Schwester Elsbeth mit dem „39. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Als Deportationsadresse wird die Wilhelmsaue 136 angegeben.

Für ihren Onkel Jacob Pasch, der zuletzt bei seiner Tochter Margarethe und dem Schwiegersohn Dr. Leopold Weil (das Ehepaar wurde 1941 in Riga ermordet) in der Sybelstraße 39 gewohnte hatte und der am 2. November 1942 in Theresienstadt umgekommen war, wurde am 8. November 2011 ein Stolperstein verlegt. Seit dem 3. Juni 2013 erinnert in der Handjerystraße 86 ein Stolperstein an den ermordeten Bruder Bruno Pasch.