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Walter Horwitz

Stolperstein Walter Horwitz © OTFW
LOCATION
Badstraße 61

DISTRICT
Mitte – Gesundbrunnen
STONE WAS LAID
June 2003

BORN
03/18/1909 in Lüneburg
DEPORTATION
on the 14th of December 1942 to Riga
MURDERED
in Ghetto Riga

Walter Horwitz wurde am 18. März 1909 in der Hansestadt Lüneburg im heutigen Niedersachsen geboren. Er war der Sohn des Viehhändlers Sally Horwitz (1867–1929) und dessen Frau Else, geb. Cohnheim (1876–1944). Walter war das jüngste von fünf Kindern des Ehepaares: Seine Schwestern Alice und Erna Horwitz waren 1901 und 1903 in Nürnberg geboren worden. Nach der Geburt von Erna zog die Familie nach Lüneburg um, wo 1907 und 1908 Lucie und Helmut Horwitz zur Welt kamen. Die Wohnung der Familie lag in den 1920er-Jahren in der Rotehahnstraße 4 in der Altstadt unweit der Ilmenau. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Walter Horwitz und seinen Geschwistern in Lüneburg während der Kaiserzeit und Weimarer Republik haben sich kaum weitere Quellen erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur relativ kleinen jüdischen Gemeinde des Ortes, zu der zum Zeitpunkt der Geburt von Walter etwa 145 der rund 28.000 Einwohner zählten. In der Innenstadt gab es weitere Einwohner mit dem Namen Horwitz, die möglicherweise Verwandte waren: So wird in den Lüneburger Adressbüchern 1925 und 1930 ein H. Horwitz geführt, der Viehhändler und Gastwirt war, mit einer Gaststube Auf dem Kauf 13 (ein ehemaliges Brauhaus im Wasserviertel, das noch heute Gastronomie beherbergt). 2013 wurden an dieser Adresse Stolpersteine für Albert Horwitz (*1890), Paula Horwitz (*1892) und Selma Horwitz (*1897) verlegt. Von Walters Schwester Lucie ist noch bekannt, dass sie als Kind und Jugendliche der Musterturnschule Treubund Lüneburg angehörte, die in den 1920er-Jahren in vielen Teilen Deutschlands auf Vorführungsreisen unterwegs gewesen ist und ihr Können in Gymnastik und Geräteturnen zeigte.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Walter Horwitz und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Erlasse und Sondergesetze drängten ihn zunehmend in die Position eines Rechtlosen. Seine Schwester Lucie, die zwischen Januar 1933 und September 1934 noch als Hausgehilfin in der Groner Straße 27b in Göttingen gemeldet war, gelang es, Mitte oder Ende der 1930er-Jahre Deutschland zu verlassen und sich ins Exil nach England zu retten – ebenso konnten sich Walters Geschwister Erna und Helmut Horwitz rechtzeitig ins Ausland retten. Ob auch Walter in dieser Zeit Pläne verfolgte, aus Deutschland zu entkommen, ist nicht bekannt. Sollte er konkrete Schritte unternommen haben, so scheiterten diese.

Spätestens Ende der 1930er-Jahre war Walter Horwitz nach Berlin gezogen, wo er seit 1939 zur Untermiete in der Badstraße 61 im Ortsteil Gesundbrunnen wohnte und die fünf Jahre jüngere, gebürtige Berlinerin Hilde Seckelsohn heiratete. Am 4. Februar 1942 bekamen die Eheleute eine Tochter, der sie den Namen Tana gaben. Seit Anfang der 1940er-Jahre wurden beide Ehepartner zu Zwangsarbeit herangezogen: Walter als Arbeiter in der Kartonfabrik Robert Müller in der Stallschreiberstraße 18 und Hilde als Arbeiterin in der „KaWe“ Wellpappenfabrik Karl Welzel & Co. in der Lehderstraße 12–15. Anfang der 1940er-Jahre war das Leben für die Familie in Berlin zum Existenzkampf geworden. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 hatte die Gestapo die Jüdischen Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Das Ehepaar Horwitz erhielt den Deportationsbescheid im Winter 1942. Zusammen mit ihrer erst wenige Monate alten Tochter wurden sie im Dezember 1942 im Sammellager in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Von dort aus wurden sie am 14. Dezember 1942 mit dem „25. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort – vermutlich unmittelbar nach der Ankunft des Transports – ermordet. Walter Horwitz war zu diesem Zeitpunkt 33 Jahre, seine Ehefrau 28 Jahre und seine Tochter Tana zehn Monate alt.

Die vier Geschwister von Walter Horwitz überlebten die NS-Verfolgung: Seine Schwestern Erna und Lucie sowie sein Bruder Helmut im Exil; seine Schwester Alice, verheiratete Schmidt, überlebte die Verfolgung in Deutschland in sogenannter privilegierter Mischehe. Walters verwitwete Mutter Else war aus ihrem letzten Wohnsitz in Hamburg am 19. Juli 1942 in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Von dort aus wurde die 68-Jährige am 15. Mai 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet.


Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Berliner Adressbücher 1929–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2021)
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2021)
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509)
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Walter Horwitz, „25. Osttransport“ (Lfd-Nr. 645); Hilde Horwitz (Lfd-Nr. 646); Tana Horwitz (Lfd-Nr. 647). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2021)
Eintrag zu Elise Horwitz in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: https://www.holocaust.cz/de/opferda... (aufgerufen am 26. Juli 2021)
Lorenz Peiffer / Henry Wahlig: Juden im Sport während des Nationalsozialismus. Ein historisches Handbuch für Niedersachsen und Bremen, Göttingen 2012, S. 271
Stolpersteine in Lüneburg (Pdf). Geschichtswerkstatt Lüneburg. Online unter: http://lg.geschichtswerkstatt-luene... (aufgerufen am 26. Juli 2021)
Liste der Stolpersteine in Lüneburg. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 20. Mai 2021. Online unter: https://de.wikipedia.org/w/index.ph... (aufgerufen am 26. Juli 2021)
Uta Schäfer-Richter / Jörg Klein: Die jüdischen Bürger im Kreis Göttingen 1933–1945. Ein Gedenkbuch, Göttingen 1992, S. 99
Ingrid Horn: Stolpersteine in der Vereinsgeschichte. Aus der Arbeit des Präsidiums, in: Vereinszeitschrift MTV Treubund Lüneburg, Nr. 3/2009, S. 4. Online unter: https://docplayer.org/40969982-Mtv-... (aufgerufen am 26. Juli 2021)