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Fritz Demuth

Dr. Fritz Demuth - Foto: Familienbesitz
Stolperstein für Dr. Fritz Demuth - Foto: Projekt-Stolpersteine Teltow-Zehlendorf
Familie Demuth vor dem Haus in der Onkel-Tom-Straße - Foto: Familienbesitz
Familie Demuth musiziert in der Onkel-Tom-Straße - Foto: Familienbesitz
Verlegung des Steins durch Gunter Demnig - Foto: Projekt-Stolpersteine Teltow-Zehlendorf
LOCATION
Onkel-Tom-Straße 91

DISTRICT
Steglitz-Zehlendorf – Zehlendorf

BORN
04/29/1892 in Berlin
DEPORTATION
on the 5th of April 1944 to Auschwitz
MURDERED
in Auschwitz

Fritz Demuth wurde am 29. April 1892 in Berlin geboren. Er war der Sohn des Kaufmanns Felix Demuth und der Agnes Demuth, geborene Goldstein. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Fritz Demuth im Berlin der Kaiserzeit haben sich keine Informationen erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob Fritz im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde der Stadt.

Nach seinem Schulabschluss studierte Fritz Demuth Medizin in München, Berlin und Heidelberg, promovierte – nachdem er am Ersten Weltkrieg als Soldat teilgenommen hatte – Ende der 1910er-Jahre in Heidelberg und erhielt am 15. Juni 1919 seine Approbation. Zwischen 1920 und 1924 bekleidete er eine Stelle als Assistenzarzt am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit im Deutschen Reich (KAHV), der späteren Kinderklinik der Freien Universität Berlin. Von 1925 bis 1926 forschte er am Universitätskinderklinikum Marburg zur Verdauung bei Säuglingen und veröffentlichte 1926 seine Ergebnisse in einem Aufsatz mit dem Titel: „Forschungen zu Pathologie und Physiologie der Milchverdauung beim Säugling“. Im Jahr 1926 ließ er sich als Kinderarzt in Berlin nieder. Fritz Demuth legte nach eigener Aussage „Wert darauf, nicht nur der Diagnostiker und Therapeut, sondern der Arzt und persönliche Freund der Familie zu sein, deren Kinder ich behandle.“ Seine Praxis richtete er zunächst in seiner Wohnung an der Adresse Am Fischtal 36 in Zehlendorf ein. In den 1920er-Jahren galt die Leidenschaft des Arztes allerdings ganz der Forschung. Ab 1926 befasste er sich am neuen Kaiser-Wilhelm-Institut für Gewebephysiologie mit Problemen der Gewebezüchtung. Unter Albert Fischer (1891–1956) arbeitet er mit an einer Methode, die es gestatten sollte, Gewebe außerhalb des Körpers lebend und wachsend zu erhalten. Ende der 1920er-Jahre war er bei Robert Rössle (1876–1956) im Pathologie-Institut der Charité tätig und ab 1931 am Institut für experimentelle Zellforschung, das Rhoda Erdmann (1870–1935) aufgebaut hatte und leitete.

In dieser Zeit befand sich Fritz Demuth auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn, veröffentlichte zahlreiche Schriften, hielt Vorträge und tauschte sich mit Kollegen auf internationalen Kongressen aus. Auch im Privatleben des Arztes ergaben sich Neuerungen: 1929 heiratete Demuth die sechs Jahre jüngere Berlinerin Charlotte Schuffelhauer. Ein Jahr nach der Hochzeit kam in Berlin ihr Sohn Fritz Anton zur Welt. Neben seiner Forschungstätigkeit galt Fritz Demuths Leidenschaft der Musik. Er war ein begabter Geiger, der in Kammerorchestern spielte, ein Quartett gegründet hatte und Hauskonzerte veranstaltete. In seiner Jugend war er mit dem Komponisten Ernst Krenek (1900–1991) eng befreundet gewesen und hatte mit ihm einen ersten Entwurf des später von Franz Werfel überarbeiteten Librettos zur 1924 in der Deutschen Staatsoper uraufgeführten Oper „Die Zwingburg“ entworfen.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Fritz Demuth. Die wissenschaftliche Laufbahn des Kinderarztes endete vorzeitig, als die Institutsleiterin Rhoda Erdmann ins Visier der Nationalsozialisten geriet. Aufgrund einer Denunziation – angeblich hatte sie Juden bei der Emigration unterstützt – wurde sie 1933 von der Gestapo verhaftet; das Institut wurde aufgelöst, die Leiterin in den Ruhestand versetzt. Fritz Demuth konzentrierte sich nun gezwungenermaßen auf das Praktizieren und richtete sich eine neue Arztpraxis in eigenen Räumen in der Onkel-Tom-Straße 91 in Zehlendorf ein, die er in den Jahren 1933 bis 1938 unterhielt. Obwohl sich der Kinderarzt als ehemaliger Frontkämpfer und als in „Mischehe“ verheirateter Jude lange Zeit halbwegs sicher fühlte, versuchte er in den 1930er-Jahren mehrfach, aber letztlich erfolglos, das Land zu verlassen. Am 30. September 1938 wurde ihm wie allen jüdischen Ärzten und Ärztinnen mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde Fritz Demuth verhaftet und vom 10. November 1938 bis zum Frühjahr 1939 im Konzentrationslager Sachsenhausen gefangen gehalten. Nach seiner Freilassung flüchtete er im März 1939 in die Niederlande. Mit Unterstützung der Rockefeller-Foundation konnte er an der Universität Utrecht seine Forschungen wiederaufnehmen und es gelang ihm, seine Familie nachkommen zu lassen. Nachdem die Wehrmacht die Niederlande überfallen und besetzt hatte, wurde die Familie Demuth 1943 in Amsterdam verhaftet. Seine Ehefrau und sein Sohn kamen nach kurzer Zeit wieder frei, Fritz Demuth blieb inhaftiert, wurde am 9. März 1944 im Sammellager Westerbork interniert und von dort aus am 5. April 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Er wurde in Auschwitz im Mai 1944 ermordet, entweder durch direkte Gewalteinwirkung oder durch die Folgen der „Vernichtung durch Arbeit“. Laut dem in Auschwitz ausgefüllten Totenschein starb Fritz Demuth als Folge seines Einsatzes in den Krankenbaracken des Vernichtungslagers im Mai 1944 an Entkräftung und Fleckfieber. Er wurde 52 Jahre alt. Seine Ehefrau und sein Sohn – sie sollte zur Scheidung genötigt, der Sohn sterilisiert werden – tauchten bis zum Kriegsende in den Niederlanden unter und erfuhren erst 1950 von Fritz Demuths Schicksal.


Anmerkung zur Biographie: Das wörtliche Zitat ist zitiert nach R. Stein: Fritz Demuth. Forschender und musizierender Kinderarzt, Berliner Ärzte 6/2010, S. 35.

Biographical Compilation

Indra Hemmerling

Additional Sources

Geburtsanzeige Fritz Demuth (Nr. 330, Berlin am 30. April 1892); Agnes Auguste Charlotte Schuffelhauer (Nr. 340, Groß-Lichterfelde am 14. August 1898). Geburtsregister der Stadt Berlin 1874–1920. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eintrag zu Fritz Demuth in der Datenbank „Jüdische Kinderärzte 1933–1945“. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). Online unter: https://www.dgkj.de/die-gesellschaf... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Fritz Demuth unter den Entlassungen im KZ Sachsenhausen am 16. Dezember 1938. In der Dokumentation der Überführungen und Entlassungen im Konzentrationslager Sachsenhausen zwischen dem 27. Juli 1938 und dem 30. Dezember 1938. Sachsenhausen "Strength Reports" created from information in materials in the Osobyi Archives, Moscow and held as microfilm by the USHMM Archives RG-11.001M, reel 85, folder 20. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Fritz Demuth, in: Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Potsdam 2009, S. 182
Jachertz, Nobert: Biografische Miniaturen. Kollegiale Spurensuche. Deutsches Ärzteblatt 7/2010, S. 293. Online unter: https://www.aerzteblatt.de/archiv/6... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Stein, R.: Fritz Demuth. Forschender und musizierender Kinderarzt, Berliner Ärzte 6/2010, S. 35. Online unter: http://www.berliner-aerzte.net/pdf/... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)