Martha Henning wurde am 31. Oktober 1883 in Marienthal in Pommern (heute Pomiłowo, Polen) geboren.
Um die Jahrhundertwende ging sie, wie viele ihrer Generation, als Näherin in die Großstadt Berlin. Sie heiratete 1904 in Weißensee (damals noch bei Berlin) den Drechsler Otto Gudat, mit dem sie in den folgenden Jahren drei Kinder bekam.
Im Januar 1925 wurde diese Ehe geschieden. Die Kinder waren 20, 18 und 16 Jahre alt.
Schon im Juni 1925 heiratete Martha den 6 Jahre jüngeren jüdischen (sie war evangelisch) Kaufmann Bruno Friedländer. Zum Zeitpunkt der Eheschließung wohnten beide in der Rastenburgerstraße 22. Martha war zu Bruno gezogen. Ob sie ihre Kinder mitnahm oder diese beim Vater blieben, ist nicht bekannt. Denkbar aber ist, dass die Familie deshalb 1928 in eine größere Wohnung in der Gleimstraße 16 zog.
Ab der Ausgabe 1929 des Berliner Adressbuches wird der Haushaltsvorstand Bruno Friedländer als Kaufmann mit Telefonanschluss unter dieser Adresse geführt. Die systematische Ausgrenzung jüdischer Geschäftsleute aus dem Wirtschaftsleben durch fortgesetzten Boykott und behördliche wie polizeiliche Schikanen trieb viele von ihnen bereits vor den gesetzlichen Arbeits- und Berufsverboten im Einzelhandel in den Ruin. So offenbar auch Bruno, der sich ab 1935 offenbar als „Magnetiseur“ (Heilpraktiker) mit eigener Praxis wirtschaftlich über Wasser zu halten versuchte.
Diese Praxis führte aber nicht Bruno, sondern seine Ehefrau Martha. So geht es aus den Angaben ihres OdF-Antrags („Opfer des Faschismus“-Antrag) von 1945 hervor. Im Mai 1939 wurde auch Martha das weitere Betreiben ihres Gewerbebetriebes verboten.
Im Adressbuch von 1939 werden die Friedländers nicht mehr als Hauptmieter genannt. Vermutlich mussten sie infolge der wirtschaftlichen Auswirkungen der NS-Gesetzgebung ihre Wohnung aufgeben und zur Untermiete wohnen. Sie blieben aber in der Gleimstraße 16.
Am 17.05.1939 wurde im Deutschen Reich eine Volkszählung durchgeführt, in deren Rahmen alle Bürgerinnen und Bürger Auskunft über ihre „rassische Abstammung“ zu geben hatten. Dafür mussten sie auf einem separaten Erfassungsblatt die Frage nach der jüdischen Abstammung ihrer vier Großeltern beantworten. Diese Erfassungsblätter dienten der Vorbereitung der von langer Hand geplanten Vernichtung der als „jüdisch“ markierten Menschen. Diese „Beamten-Arbeitsunterlagen“ haben die NS-Zeit und den Krieg überstanden und werden heute im Bundesarchiv verwahrt.
Bei Bruno wurde die Frage nach den Großeltern viermal positiv beantwortet, während Marthas Antwort viermal verneinend ausfiel. Damit wurde die Ehe von Bruno und Martha entsprechend den „Nürnberger-Gesetzen“ als „Mischehe“ klassifiziert. Da es sich um eine kinderlose „Mischehe“ mit einem weiblichen „arischen“ Ehepartner handelte, galt diese als „nicht privilegiert“. Dies bedeutete, dass Martha und Bruno nahezu denselben Schikanen unterworfen waren wie die meisten anderen jüdischen Deutschen. Dies erklärt auch den Umstand, dass der „arischen“ Martha das Betreiben ihrer Heilpraktiker-Praxis gesetzlich untersagt wurde.
Sicher wurde auf Martha erheblicher Druck ausgeübt, damit sie einer Scheidung von Bruno zustimmte. Sie hat diesem Druck offensichtlich widerstanden. Dies bewahrte ihren Mann zunächst vor der Deportation, nicht aber vor dem „Sterntragen“, der Zwangsarbeit sowie den unzähligen alltäglichen Schikanen.
So waren ihrer beider Lebensmittelkarten gekennzeichnet und sie bekamen deutlich geringere Rationen als die „nicht-jüdische“ Bevölkerung. Auch durften jüdische Menschen nicht in den bei Bombenangriffen lebensrettenden Bunkern und Kellern Schutz suchen und nur zu bestimmten Zeiten einkaufen gehen.
Im Oktober 1941 begannen die Nazis mit den planmäßigen Deportationen und der Ermordung der Jüdinnen und Juden Berlins. Diese vor aller Augen durchgeführten Transporte wurden offiziell mit dem beschönigenden Begriff „Umsiedlung nach dem Osten“ kaschiert.
Ob es die Gerüchte um diese Deportationen oder die alltäglichen Schikanen waren, die Bruno offensichtlich so zermürbt hatten, dass er sich im März 1942 mit Hilfe von Schlaftabletten das Leben nahm, ist nicht zu ermitteln. Im Jüdischen Krankenhaus Wedding wurde am 19.03.1942 sein Tod festgestellt.
Martha Friedländer überlebte das NS-Regime, die Kriegs- und die ersten Jahre der Nachkriegszeit. Sie stellte im Dezember 1945 einen Antrag auf Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ (OdF).
Am 5. November 1950 starb sie 67-jährig und verwitwet in ihrer Wohnung in der Gleimstraße 16.
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