Paul Terting

Location 
Hennigsdorfer Straße 14
District
Heiligensee
Stone was laid
2004
Born
1889
Deportation
on 27 May 1940 nach Teupitz, Zwischenanstalt
Later deported
on 27 March 1941 nach Bernburg/Saale, Tötungsanstalt
Murdered
1941 in der Tötungsanstalt Bernburg/Saale,Aktion T4
  • Stolperstein für Paul Terting.

    Stolperstein für Paul Terting. Foto: OTFW.

Paul Terting<br />
<br />
zuletzt wohnhaft in<br />
<br />
Berlin - Reinickendorf, Hennigsdorfer Str. 14<br />
<br />
Paul Terting wurde am 4. Oktober 1889 als drittes Kind seiner Eltern in Berlin geboren. Der Vater war als Wächter tätig, die Mutter starb 43-jährig an Tuberkulose. Das erste Kind hatte das frühe Kindesalter nicht überlebt, von Pauls<br />
<br />
überlebendem Bruder ist nur bekannt, dass er gesund war.<br />
<br />
Seit dem 2. Lebensjahr wurde bei Paul Terting eine rechtsseitige Lähmung beobachtet, deren Ursache wohl eine frühkindliche Schädigung des Gehirns war. Mit 11 Jahren hatte er das erste Mal sogenannte „Schwindelanfälle“, seit dem 13. Lebensjahr traten auch Krampfanfälle auf. Über die ärztliche Behandlung dieser als Symptom des frühkindlichen<br />
<br />
Hirnschadens auftretenden Epilepsie ist bis zu seinem 34. Lebensjahr nichts bekannt. Über Paul Tertings Leben bis zu seiner Aufnahme in Wuhlgarten weiß man lediglich, dass er die Schule bis zur dritten Klasse besuchte (damals war<br />
<br />
die erste Klasse die Abgangsklasse), er hatte „schwer begriffen“, war„vergesslich und außer Stande gewesen etwas zu lernen oder zu verdienen.“<br />
<br />
Am 20. November 1922 wurde er in die „Anstalt für Epileptische“ in Wuhlgarten aufgenommen. Der Vater hatte dies veranlasst, da „sein Sohn immer häufiger auf der Straße (während eines Anfalls) umfiel und von der Polizei nach<br />
<br />
Hause gebracht wurde“. In Wuhlgarten wurden seine Anfälle beobachtet und genau dokumentiert, vermutlich traten bei ihm neben so genannten großen Anfällen (grand mal) auch Absencen (schwer zu beobachten, da der Patient nur<br />
<br />
abwesend zu sein scheint) und tonische Anfälle (der Patient stürzt gestreckt zu Boden) auf. Im zeitlichen Umfeld der Anfälle war Paul Terting reizbar und wurde wegen Aggressivität häufig „isoliert und zu Bett gelegt“, in anfallsfreien Zeiten galt er als ruhig und freundlich, war auch „mit Essenfahren beschäftigt“.<br />
<br />
Paul Terting wurde in Wuhlgarten mit den damals bekannten Antiepileptika behandelt, mit Brompräparaten und Phenobarbital (als Handelspräparat Luminal, ein Medikament, das während des Dritten Reichs überdosiert zur Ermordung von Kranken verwandt wurde). Die weiterhin große Zahl von Anfällen (durchschnittlich 10-12 im Monat) lässt aber darauf schließen, dass die Medikamente wenig Wirkung zeigten - ganz abgesehen von einer möglicherweise als Nebenwirkung des Luminals auftretenden starken Akne vulgaris.<br />
<br />
Am 1. Februar 1929 wurde Paul Terting in die Heil- und Pflegeanstalt Buch verlegt, da in Wuhlgarten „zu viele reizbare Epileptische zusammen leben und Prügeleien an der Tagesordnung sind.“ In Buch erhielt er die Diagnose „hirnorganische Erkrankung mit symptomatischen Krampfanfällen und hochgradiger Demenz“ und wurde am 5. Dezember 1929 in die Landesanstalt Görden in Brandenburg weiterverlegt. Auch dort hatte er häufig Anfälle und verletzte sich dabei zum Teil schwer am Kopf, eine medikamentöse Behandlung ist nicht dokumentiert.<br />
<br />
Er war zeitweise sehr aggressiv, schlug Mitpatienten und Pfleger, war ansonsten aber auch ruhig, „stumpf und dement“. Er beschäftigte sich „nach Kräften auf der Station“, half „etwas bei der Hausarbeit“. Außerdem las der katholische Paul Terting viel im Gesangbuch und wollte „dauernd schreiben“. Am 1. Oktober 1931 „erzählte er geheimnisvoll, es gehe doch so gut, dass er zur Mutter könne.“ Ob es in den Jahren seit seiner Aufnahme in Wuhlgarten 1922 noch Kontakte zu seinem Vater und seinem Bruder gab, ist nicht bekannt.<br />
<br />
1939 war Paul Terting „hinfälliger geworden“; er hatte seit seiner Verlegung nach Görden ca. 15 kg abgenommen. 1940 wurde seinen Diagnosen die „epileptische<br />
<br />
Wesensveränderung“ hinzugefügt, ein Begriff der heute nicht mehr gebräuchlich ist, da die psychischen Veränderungen bei Anfallsleiden multifaktoriell zu erklären sind und nicht zuletzt auch als Nebenwirkungen der Antiepileptika auftreten.<br />
<br />
Am 27. Mai 1940 wurde Paul Terting mit einem Sammeltransport in die Landesheilanstalt Teupitz verlegt. Dort war sein Zustand unverändert, er hatte weiterhin Anfälle und konnte nicht beschäftigt werden.<br />
<br />
Der letzte Eintrag in seiner Krankenakte findet sich am 27. März 1941: „Verlegt nach ...“. Wenige Tage später wurde Paul Terting - wahrscheinlich in der Tötungsanstalt Bernburg/Saale - vergast

Paul Terting

zuletzt wohnhaft in

Berlin - Reinickendorf, Hennigsdorfer Str. 14

Paul Terting wurde am 4. Oktober 1889 als drittes Kind seiner Eltern in Berlin geboren. Der Vater war als Wächter tätig, die Mutter starb 43-jährig an Tuberkulose. Das erste Kind hatte das frühe Kindesalter nicht überlebt, von Pauls

überlebendem Bruder ist nur bekannt, dass er gesund war.

Seit dem 2. Lebensjahr wurde bei Paul Terting eine rechtsseitige Lähmung beobachtet, deren Ursache wohl eine frühkindliche Schädigung des Gehirns war. Mit 11 Jahren hatte er das erste Mal sogenannte „Schwindelanfälle“, seit dem 13. Lebensjahr traten auch Krampfanfälle auf. Über die ärztliche Behandlung dieser als Symptom des frühkindlichen

Hirnschadens auftretenden Epilepsie ist bis zu seinem 34. Lebensjahr nichts bekannt. Über Paul Tertings Leben bis zu seiner Aufnahme in Wuhlgarten weiß man lediglich, dass er die Schule bis zur dritten Klasse besuchte (damals war

die erste Klasse die Abgangsklasse), er hatte „schwer begriffen“, war„vergesslich und außer Stande gewesen etwas zu lernen oder zu verdienen.“

Am 20. November 1922 wurde er in die „Anstalt für Epileptische“ in Wuhlgarten aufgenommen. Der Vater hatte dies veranlasst, da „sein Sohn immer häufiger auf der Straße (während eines Anfalls) umfiel und von der Polizei nach

Hause gebracht wurde“. In Wuhlgarten wurden seine Anfälle beobachtet und genau dokumentiert, vermutlich traten bei ihm neben so genannten großen Anfällen (grand mal) auch Absencen (schwer zu beobachten, da der Patient nur

abwesend zu sein scheint) und tonische Anfälle (der Patient stürzt gestreckt zu Boden) auf. Im zeitlichen Umfeld der Anfälle war Paul Terting reizbar und wurde wegen Aggressivität häufig „isoliert und zu Bett gelegt“, in anfallsfreien Zeiten galt er als ruhig und freundlich, war auch „mit Essenfahren beschäftigt“.

Paul Terting wurde in Wuhlgarten mit den damals bekannten Antiepileptika behandelt, mit Brompräparaten und Phenobarbital (als Handelspräparat Luminal, ein Medikament, das während des Dritten Reichs überdosiert zur Ermordung von Kranken verwandt wurde). Die weiterhin große Zahl von Anfällen (durchschnittlich 10-12 im Monat) lässt aber darauf schließen, dass die Medikamente wenig Wirkung zeigten - ganz abgesehen von einer möglicherweise als Nebenwirkung des Luminals auftretenden starken Akne vulgaris.

Am 1. Februar 1929 wurde Paul Terting in die Heil- und Pflegeanstalt Buch verlegt, da in Wuhlgarten „zu viele reizbare Epileptische zusammen leben und Prügeleien an der Tagesordnung sind.“ In Buch erhielt er die Diagnose „hirnorganische Erkrankung mit symptomatischen Krampfanfällen und hochgradiger Demenz“ und wurde am 5. Dezember 1929 in die Landesanstalt Görden in Brandenburg weiterverlegt. Auch dort hatte er häufig Anfälle und verletzte sich dabei zum Teil schwer am Kopf, eine medikamentöse Behandlung ist nicht dokumentiert.

Er war zeitweise sehr aggressiv, schlug Mitpatienten und Pfleger, war ansonsten aber auch ruhig, „stumpf und dement“. Er beschäftigte sich „nach Kräften auf der Station“, half „etwas bei der Hausarbeit“. Außerdem las der katholische Paul Terting viel im Gesangbuch und wollte „dauernd schreiben“. Am 1. Oktober 1931 „erzählte er geheimnisvoll, es gehe doch so gut, dass er zur Mutter könne.“ Ob es in den Jahren seit seiner Aufnahme in Wuhlgarten 1922 noch Kontakte zu seinem Vater und seinem Bruder gab, ist nicht bekannt.

1939 war Paul Terting „hinfälliger geworden“; er hatte seit seiner Verlegung nach Görden ca. 15 kg abgenommen. 1940 wurde seinen Diagnosen die „epileptische

Wesensveränderung“ hinzugefügt, ein Begriff der heute nicht mehr gebräuchlich ist, da die psychischen Veränderungen bei Anfallsleiden multifaktoriell zu erklären sind und nicht zuletzt auch als Nebenwirkungen der Antiepileptika auftreten.

Am 27. Mai 1940 wurde Paul Terting mit einem Sammeltransport in die Landesheilanstalt Teupitz verlegt. Dort war sein Zustand unverändert, er hatte weiterhin Anfälle und konnte nicht beschäftigt werden.

Der letzte Eintrag in seiner Krankenakte findet sich am 27. März 1941: „Verlegt nach ...“. Wenige Tage später wurde Paul Terting - wahrscheinlich in der Tötungsanstalt Bernburg/Saale - vergast