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Zerline Margarethe Nathan (born Hahn)

Stolperstein Grete Zerline Nathan Bild: Stolpersteine-Initiative CW, Hupka
Grete Nathan, Foto: Privatbesitz
Wolfgang Werner Nathan, Foto: Privatbesitz
Max Heinz Nathan, Foto: Privatbesitz
Clara und Max Nathan, August 1906, Eltern von Werner Nathan, Foto: Privatbesitz
LOCATION
Mommsenstr. 47

DISTRICT
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
STONE WAS LAID
05/10/2017

BORN
01/23/1894 in Berlin
DEPORTATION
on the 16th of December 1942 to Theresienstadt
SURVIVED

Wolfgang Werner Nathan kam am 21. März 1886 in Berlin auf die Welt. Er stammte von einer der 50 jüdischen Familien ab, die 1670 aus Wien vertrieben worden waren und 1671 vom brandenburgischen Kurfürsten die Erlaubnis erhielten, sich in Berlin und Brandenburg niederzulassen. Werners Vater Max Nathan war ein gebürtiger Berliner, dessen Vater aus Spandau stammte. Werner Nathans Mutter war Clara geb. Weiß, sie war in Oranienburg geboren, 1872 zog ihre Familie nach Berlin. Werner hatte zwei Brüder, den drei Jahre älteren Bernhard und den fünf Jahre jüngeren Peter Percy. Ein Vetter Werners, der 1880 geborene Bernhard Weiß, gelangte später als Vizepolizeipräsident Berlins während der Weimarer Republik zu Berühmtheit.
Max Nathan war „vereidigter Wechsel-, Fonds- und Geldmakler“ mit Geschäftssitz in der Neuen Friedrichstraße 56. Zum Zeitpunkt von Werners Geburt wohnte die Familie in der Friedrich-Wilhelm-Straße 24 (heute Klingelhöfer Straße) und zog wenige Jahre darauf an das nahe Lützowufer 4. Als Werner acht Jahre alt war, verlegte die Familie wieder ihren Wohnsitz, diesmal nach Wilmersdorf in die Uhlandstraße 38. Max Nathan war der Eigentümer des Hauses, seine Geschäfte liefen gut und Werner wuchs in Wohlstand auf. Max Nathan hatte sich schon 1890 eine Villa in Groß Tabarz/Thüringen bauen lassen, wo die Brüder oft die Sommerferien verbrachten. 1904 verkaufte Max Nathan das Haus in der Uhlandstraße und zog in die Neue Bayreuther Straße 6 (heute Welserstraße). Vermutlich zog er sich um 1910 ganz nach Tabarz zurück, wo er 1918 starb.
Werner Nathan absolvierte eine kaufmännische und vermutlich auch eine juristische Ausbildung, da er später als Rechtsberater arbeitete, sich aber stets als Kaufmann bezeichnete. Im Ersten Weltkrieg wurde er in Frankreich bei Sennecey schwer verwundet und hatte fortan einen Lungenschaden. Er geriet in Kriegsgefangenschaft und kam 1918 im Rahmen eines Gefangenenaustausches frei. Sein Bruder Bernhard fiel 1916 in Lettland.
Im Januar 1919 verlobte sich Werner Nathan mit Grete Hahn und heiratete sie bald darauf. Die beiden nahmen eine Wohnung in der Wilmersdorfer Straße 80, wo am 5. Mai 1920 ihr Sohn Max Heinz geboren wurde.
Zerline Margarethe Hahn, genannt Grete, war am 23. Januar 1894 als älteste Tochter des Kaufmannes Arthur Hahn und seiner Frau Julie geb. Schwarz in der Kreuzberger Prinzessinnenstraße 26 geboren worden. Sie bekam noch drei Geschwister: 1895 Leo, 1898 Erna und 1902 Lotte. Ein Jahr nach Gretes Geburt zogen ihre Eltern an das Luisenufer 35, heute Legiendamm, am Engelbecken. An der alten Adresse, Prinzessinenstraße 26, war auch die Firma „Gebrüder Fischel“ ansässig, eine Lederfabrik von Samuel und Benno Fischel, zwei Onkel mütterlicherseits von Julie Hahn. Als Arthur Hahn um 1910 Mitinhaber der Fabrik wurde, hatte er vermutlich schon länger für sie gearbeitet. Die Firma hieß weiterhin „Gebrüder Fischel“. 1919, im Jahr von Gretes Verlobung und Heirat, hatten Hahns bereits Kreuzberg verlassen und wohnten in der Uhlandstraße 162 – genau gegenüber der Nr. 38, die bis 1904 Max Nathan gehört hatte.
Werner Nathan arbeitete als Rechtsberater bei der Firma Tietz. Der Warenhauskonzern musste nach der Weltwirtschaftskrise 1929 empfindliche Umsatzeinbußen hinnehmen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten folgte dann die schrittweise „Arisierung“ des Konzerns, die 1934 beendet war. Spätestens dann verlor Werner Nathan seine Stelle. Er fand wieder eine Beschäftigung bei der Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Gemeinde.
1932 waren Nathans von der Wilmersdorfer Straße in die Mommsenstraße 47 gezogen. Bald darauf begannen unter dem NS-Regime die offiziellen Diskriminierungen und Benachteiligungen von Juden. 1934 musste Werners Sohn Max Heinz das Goethegymnasium verlassen und auf die Theodor-Herzl-Schule wechseln. Auch dort konnte er kein Abitur machen. Ein schon zugesagter Lehrvertrag in einem Elektrobetrieb scheiterte an einem nationalsozialistischen Betriebsrat. Max Heinz machte daraufhin einen von der Jüdischen Gemeinde organisierten Schweißerkurs, nachdem er verschiedene Stellen als ungelernter Arbeiter bei jüdischen Betrieben verloren hatte, weil diese aufgelöst worden waren.
Die schon sehr schwierigen Lebensumstände für Juden verschlechterten sich noch einmal drastisch nach den Pogromen vom November 1938. Waren Juden schon entrechtet und isoliert, so zielte die nun sprunghaft erhöhte Zahl von antijüdischen Verordnungen auf ihre völlige wirtschaftliche und soziale Ausgrenzung. Verbote in allen Lebensbereichen, Ablieferung von Wertsachen, eingeschränkte Verfügung über ihr Vermögen, Sondersteuern und Sonderabgaben, Bannbezirke, Bannzeiten, Entwürdigung allenthalben. Anfang 1939 wurde der 18-jährige Max Heinz zur Zwangsarbeit bei der Rüstungsfirma Kallmann verpflichtet.
Wer konnte, verließ Deutschland. Dies war allerdings auch erschwert durch weitere Bestimmungen und v.a. durch die Preise für Visa und Schiffspassagen, die entsprechend der Nachfrage sprunghaft stiegen. Dennoch gelang es Werner und Grete Nathan, ihrem Sohn die Ausreise nach England zu ermöglichen. Auch seine erlernten handwerklichen Fähigkeiten waren entscheidend dafür, dass er am 8. März 1939 Berlin verlassen konnte. In England wurde er sofort zur Renovierung des Flüchtlingslagers Kitchener camp in Richborough, Kent, eingesetzt.
Werner und Grete sollen mehrere Versuche zur Auswanderung unternommen haben, sämtlich ohne Erfolg. Nach Kriegsbeginn war es erneut schwieriger geworden, 1941 wurde Auswanderung ganz verboten. In diesem Jahr ist Werner Nathan zum letzten Mal im Adressbuch aufgeführt. Wie viele andere wurden er und Grete genötigt, ihre Wohnung aufzugeben und in beengteren Verhältnissen mit anderen Juden zusammenzuleben, um für Nichtjuden Platz zu machen. Das Ehepaar Nathan zog zusammen mit Gretes Mutter Julie Hahn in die Sybelstraße 58. Julie Hahn hatte bis dahin in der Roscherstraße gelebt.
Im Dezember 1942 wurden Werner, Grete und Julie von der Gestapo in die Gerlachstraße 19–21 gebracht. Dies war ein zum Teil als Sammellager umfunktioniertes jüdisches Altersheim. Durch seine Arbeit bei der jüdischen Gemeinde hatte Werner schon vorher davon erfahren, und sie hatten bereits kleine Koffer mit unter anderem den ihnen verbliebenen Wertsachen vorbereitet, z.B. eine wertvolle Briefmarkensammlung. Doch die Koffer mussten sie abgeben und sahen sie nie wieder. Auch die Wohnungsschlüssel mussten sie in der Gerlachstraße abgeben. Am 16. Dezember 1942 wurden Werner und Grete in einer Gruppe von 100 Opfern vom Anhalter Bahnhof aus nach Theresienstadt deportiert, einen Tag nachdem schon Julie Hahn ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt worden war.
Theresienstadt, euphemistisch als „Altersghetto“ bezeichnet, war praktisch ein Durchgangslager, in dem erbärmliche Lebensbedingungen herrschten: die Wohnräume heruntergekommen und brutal überbelegt, die Nahrung unzureichend, die hygienischen Umstände katastrophal. Hunger, Kälte, Krankheiten und Seuchen suchten die Bewohner heim und rafften sie dahin. Auch Gretes Mutter Julie Hahn erlag diesen Zumutungen etwa neun Monate nach ihrer Ankunft am 1. September 1943. Sie starb offiziell an einer Lungenentzündung, was angesichts der beschriebenen Umstände sogar plausibel ist. Für sie liegt ein Stolperstein vor der Roscherstraße 12. (https://www.berlin.de/ba-charlotten...)
Werner und Grete Nathan hingegen gelang es, mehr schlecht als recht zu überleben. Es heißt, dass sie dank Werners Kriegsverletzung eine geringfügig bessere Verpflegung bekommen konnten. Sie erlebten das Kriegsende und kamen zunächst in das Lager für „Displaced Persons“ bei Deggendorf, nahe Bamberg, in der amerikanischen Zone. Von dort versuchten sie, wieder ohne Erfolg, Deutschland zu verlassen. Sie bekamen eine Wohnung in Würzburg, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachten. Werner starb am 21. November 1953, Grete überlebte ihn bis zum 11. November 1956.
Max Heinz Nathan hatte sich nach Kriegsbeginn in England der Britischen Armee angeschlossen, er kämpfte in dem jüdischen „Pioneer Corps“. Erst nach dem Krieg erfuhr er, wo seine Eltern waren. Er nahm Kontakt auf, schickte ihnen u.a. ein Foto in Uniform. Es gelang ihm, sich bei der amerikanischen Militärverwaltung in Bayern einsetzen zu lassen, um in der Nähe der Eltern zu sein. 1948 heiratete er dann in London Fay Mendzigursky, die als Kind mit einem Kindertransport aus Leipzig den Nazis entkommen war. Sie hatten zwei Töchter, Judith und Jacqueline. In London übte Max Heinz verschiedene Tätigkeiten aus, unter anderem in der Modebranche. Später etablierte er sich als Lebensversicherungsmakler. Am 18. November 1959 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft. 1963, mit nur 42 Jahren, starb Max Heinz Nathan am 15. Januar an den Folgen eines Herzinfarkts.
Werner Nathans jüngerer Bruder Peter Percy zog schon 1932 mit seiner Frau Tina nach Paris. Sie wurden im Krieg als Juden in französische Lager interniert, konnten entkommen und überlebten versteckt in einem Dorf in den Pyrenäen. Werners Vetter Bernhard Weiß, promovierter Jurist, war in der Weimarer Republik als Vizepolizeipräsident beherzt gegen NSDAP-Mitglieder vorgegangen, besonders auch gegen Goebbels. 1932 wurde er unter Papen entlassen und kurz inhaftiert. Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 konnte er knapp der Verhaftung entkommen, floh nach Prag und von da nach London, wo er 1951 verstarb.
Gretes Bruder Leo starb 1935 an einer Krebserkrankung, seine Frau Margit geb. Singer und der 1926 geborene Sohn Hans emigrierten daraufhin nach Prag, wurden jedoch dort von den Nazis eingeholt und am 8. Juli 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo sie – ein schwacher Trost – Grete und Julie treffen konnten. Grete musste aber noch erleben, wie Margit und Hans am 15. Mai 1944 nach Auschwitz in den sicheren Tod weiterverschleppt wurden. Gretes Schwester Lotte starb 1938 an Nierenversagen. Ihr Mann Lutz Fisch, aus Przemyśl/Galizien stammend, wurde nach dem Novemberpogrom 1938 vermutlich als „staatenlos“ nach Polen ausgewiesen und in das Ghetto Lublin verbracht, wo er starb. Die gemeinsame Tochter Steffie, 1930 geboren, die 1939 mit ihrer Großmutter Julie Hahn in der Roscherstraße lebte, konnte in einem Kindertransport nach England gerettet werden. Gretes zweite Schwester Erna hatte den Nichtjuden Ernst Rehberg geheiratet und 1921 eine Tochter, Ursula, bekommen. Obwohl sich Ernst Rehberg von ihr scheiden ließ und sie so nicht mehr durch die „Mischehe“ geschützt war, gelang ihr die Flucht mit ihrer Tochter nach London und später nach New York.


Biographical Compilation

Micaela Haas, Aufzeichnungen von Judith Elam folgend

Additional Sources

Angaben der Enkelin und Tochter Judith Elam