Jakob Gehr wurde am 6. Juli 1867 in Mogilno in der preußischen Provinz Posen (heute Polen) geboren. Über seine Eltern und seine Kindheit ist nichts bekannt. Der Familienname Gehr ist weitverbreitet und gehört zu einer großen jüdischen Familie aus der Nähe von Tuchel in Westpreußen (heute Tuchola in Polen), die nach Mogilno und Pakosch gekommen sind und dort lebten. Sie meisten waren von Beruf Fleischer und Textilkaufleute, so auch Jakob Gehr, der den Beruf des Fleischers ausübte.
Jakob heiratete Jenny Abraham, die am 5. Dez. 1870 in Pakosch geboren wurde. Zeitpunkt der Heirat ist unbekannt. Nach verschiedenen Angaben wird die Familie einmal in Mogilno, mehrfach aber im 25 km entfernten Pakosch erwähnt. Möglicherweise sind sie umgezogen, vielleicht sind aber auch nur die Angaben ungenau, da Pakosch zum Landkreis Mogilno gehörte und nicht immer von der Stadt Mogilno unterschieden wurde. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ein anderer Teil der weitverzweigten Familie in Mogilno oder Pakosch ansässig war und dadurch die genaue Zuordnung erschwert wurde.
Sicher ist, dass die Söhne Max (*1895) und Robert (*1896) in Pakosch, Franz (*1898) und Eric (Erich) (*1900) in Mogilno geboren wurden. Zwei weitere Söhne, Herbert (*1904) und Konrad (*1909), wurden in Berlin geboren, wohin die Familie Anfang der 1900er Jahre zog und sich zunächst in die Neue Königstr. 20 (heute Otto-Braun-Str.), dann in die Georgenkirchstr. 30 einmietete.
1912 hatte Jakob Gehr den Stand 142 in der Zentralmarkthalle. Zu diesem Zeitpunkt bewohnte er mit seiner Familie eine Wohnung in der Dircksenstr. 37. Ab 1915 betrieb er eine eigene Fleischerei in der Hufelandstr. 45 im Prenzlauer Berg. Jakob bezog mit seiner Familie unweit der Fleischerei eine Wohnung zunächst in der Lippehner Str. (Käthe-Niederkirchner-Str.) und später in der Greifswalder Str. 43a.
Ab 1933 zog Jakob als Privatier mit seiner Ehefrau Jenny nach Schöneberg in die Freisinger Str. 14 zum inzwischen erwachsenen Sohn Herbert. Die politische Lage im Deutschland der 1930er Jahre wurde für jüdische Bürger immer schwieriger, so dass sich die Brüder Robert, Konrad, Herbert und Eric entschlossen, über verschiedene Wege nach Kolumbien zu emigrieren. Die Eltern sollten nachkommen. Jakob und Jenny Gehr gelangten nach Shanghai und bestiegen dort ein Schiff nach Bogota, Kolumbien. Auf dem Schiff brach jedoch Typhus aus. Am 11. Oktober 1942 verstarb Jenny Gehr und zwei Tage später ihr Ehemann, beide an der Epidemie. Nach einer Trauerfeier an Bord wurden die Urnen nach Bogota überführt und dort bestattet.
Über das Schicksal von Max und seiner Ehefrau Gertrud kann berichtet werden, dass sie beide am 13. Dezember 1942 in das Ghetto Theresienstadt und ein paar Wochen später am 23. Januar 1943 in das KZ Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Ihre Tochter Alice konnte noch rechtzeitig Deutschland verlassen und lebte dann in den USA. Franz Gehr und seine Ehefrau Käthe sowie ihr Sohn Wolfgang wurden am 19. Oktober 1942 nach Riga deportiert und ermordet. Für diese beiden Familien wurden Stolpersteine in der Hufelandstr. 5 (48) und in der Pestalozzistr. 15 in Wilmersdorf-Charlottenburg verlegt.
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