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Gertrud Wachsner

Stolperstein für Gertrud Wachsner. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Luitpoldstr. 40

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Schöneberg
VERLEGEDATUM
15.09.2009

GEBOREN
17.10.1887 in Ohlau (Schlesien) / Oława
DEPORTATION
am 13.06.1942 nach Sobibór
ERMORDET
in Sobibór

Geboren wurde Gertrud Wachsner am 17. Oktober 1887 im niederschlesischen Ohlau (heute: Oława/Polen). Ihre Eltern waren Isidor und Jenny Wachsner. Gertrud war schon ein Schulkind, als zwei weitere Geschwister die jüdische Familie vergrößerten: am 15. Oktober 1894 kam ihr Bruder Rudolf, und als Gertrud neun Jahre alt war, am 9. Januar 1897, die kleine Schwester Else zur Welt. Wie sich das Familienleben gestaltete, ob der Haushalt orthodox oder liberal war, die Familie regelmäßig die Synagoge besuchte oder nur noch zu den hohen Feiertagen, wissen wir nicht. Gertrud zog 1897 mit ihrer Familie nach Berlin, da ihr Vater dort vielfältige unternehmerische Möglichkeiten sah, die er in den folgenden Jahren umsetzte. Die ersten Jahre in Berlin wohnten die Wachsners in der Magazinstraße 12 a unweit des Alexanderplatzes, dann folgten mehrere Umzüge, bis 1911 in der dritten Etage der Schulzendorferstraße 23 in Wedding eine Wohnung gefunden wurde, die für viele Jahre der feste Bezugspunkt der Familie war. Gertruds älterer Bruder Alfred (geb. 11.9.1886) hatte zu dieser Zeit das Elternhaus bereits verlassen und lebte eigenständig als Kaufmann in Berlin. Die kaum jüngere Gertrud hingegen blieb im elterlichen Haushalt. Sie musste zum 15. November 1939 mit ihrer Mutter zur Untermiete bei Werner in die Schöneberger Luitpoldstraße 40 umziehen. Wie lange sie dort mit ihrer Mutter gewohnt hat, ist nicht ganz sicher. Aus einer Aktenangabe im Landeshauptarchiv Koblenz geht hervor, dass Gertrud Wachsner am 14.03.1942 in der Jacobyschen Heil- und Pflegeanstalt Sayn bei Bendorf, nördlich von Koblenz, aufgenommen wurde. Das Gesundheitsamt Schöneberg hatte sie wegen “manisch-depressiven Irreseins“ dort eingewiesen. Nach dem Akteneintrag zu schließen, kam sie wohl direkt von der Luitpoldstraße aus dorthin.

Die Heilanstalt Sayn war von der Bendorfer Synagogengemeinde 1869 eigens für jüdische Patienten eingerichtet worden. Etwa 200 Nerven- und Gemütskranke konnten in der nach ihrem Gründer Jacoby benannten Heil- und Pflegeanstalt Aufnahme finden. Bereits am 3. Februar 1939 hatte der Koblenzer Regierungspräsident der Leitung der „Jüdischen Irrenanstalt“ die Auswanderung verboten und bestimmt, dass Sayn ausschließlich Juden aufnehmen müsse. Ende 1940 verfügte das Reichsinnenministerium, dass in Sayn die jüdischen Geisteskranken aus dem gesamten Reichsgebiet zusammengefasst werden sollten. Die Anstalt war bald maßlos überfüllt; um die über 500 Patienten unterzubringen, wurden Baracken im Hof aufgestellt. Zwischen März und November 1942 wurden alle Patienten „nach dem Osten evakuiert“.

Gertrud Wachsner entging diesem Schicksal nicht. Am 15. Juni 1942 wurde sie zusammen mit 250 liegenden Patienten sowie 80 Krankenschwestern und Ärzten aus der Heilanstalt nach Koblenz-Lützel gebracht und von dort nach Sobibór deportiert. Hier verliert sich ihre Spur.

Der Stolperstein für Gertrud Wachsner liegt in der Luitpoldstraße 40, wo sie zuletzt wohnte. Heute steht hier die Werbellinsee-Grundschule.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Ruth Federspiel auf der Grundlage wesentlicher Vorarbeiten von Kirsten Haß und Monique van Miert