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Paul Wilhelm Fürst

Stolperstein in der Bruno-Bauer-Straße 17. Foto: Ruben
VERLEGEORT
Bruno-Bauer-Straße 17

BEZIRK/ORTSTEIL
Neukölln – Neukölln
VERLEGEDATUM
29.11.2012

GEBOREN
14.04.1889 in Berlin
BERUF
Kaufmann
ERMORDET
06.06.1941 in Sachsenhausen

Paul Wilhelm Fürst wurde am 14. April 1889 als Sohn von Matthäus Uzarewicz und Wilhelmine Uzarewicz, geb. Wandrey, in Berlin geboren. Die Familie hieß ursprünglich „Uzarewicz“. Paul Uzarewicz und zwei seiner Geschwister änderten ihren Namen 1912, die Mutter erst 1918. Der 1850 geborene katholische Vater war Bäckermeister, er stammte wie die 1856 geborene evangelische Mutter aus einer kleinen Landgemeinde des Ostens. Heute gehören beide Orte zu Polen. Die Eltern hatten 1884 in Berlin geheiratet. Paul, das dritte von sieben Kindern, wurde in der Fehrbelliner Straße 47 in Berlin-Mitte geboren und evangelisch getauft. Die Familie lebte später in den Arbeitervierteln Wedding und Friedrichshain.
1908 zog die Familie nach Neukölln, damals Rixdorf, und lebte dort seit 1911 in der Emser Straße 5/6. Im Jahr 1915 starb der Vater, 1917 fiel der jüngere Bruder Otto Siegmund Alexander. (Die Mutter blieb als Witwe bis in die 1930er Jahre in der Wohnung Emser Straße 5/6. Seit Mitte der 1920er Jahre bis zu ihrem Tod 1944 wohnte dort auch die Tochter Klara mit ihrem Ehemann Ernst Staatz bzw. als Witwe.)
Paul Fürst wurde Justizangestellter/Beamter und wohnte weiterhin in der Wohnung der Eltern. Am 24. September 1918 heiratete er Paula Johanna Winkler (1890–1970). Ihr Vater betrieb in Frauendorf, einem Ort in der Nähe von Leipzig, die Gesundheitskolonie „Erdenglück“ und den „Gesundheitsblätter Verlag“. Das Paar trennte sich früh, ließ sich aber erst 1932 scheiden. Ihr Sohn Karl Theo Fürst wurde am 21. April 1921 in Frauendorf geboren und wuchs bei den Eltern der Mutter auf. Er hatte aber Kontakt zu seinem Vater und besuchte ihn als Kind und Jugendlicher in der Großstadt Berlin.
Die Adressen von Paul Fürst nach seiner Heirat bleiben unklar. In den 1920er Jahren scheint er für kurze Zeit in Neukölln und Schöneberg gewohnt zu haben. Er könnte auch bei seiner Mutter in der Emser Straße gelebt haben. Seit 1936 bis zu seiner Verhaftung hat er in der Gontardstraße 2, in der Nähe des Alexanderplatzes, mit einer Haushälterin gelebt und dort auch seine Firma gehabt. – In demselben Jahr wird seine Mutter Wilhelmine das erste Mal im Adressbuch für die Bruno-Bauer-Straße 17a vermerkt.
Paul Fürst war seit 1920 Mitglied der SPD und engagierte sich in der Partei bis zu deren Verbot durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933. Außerdem war er Mitglied in der Deutschen Liga für Menschenrechte, die ebenfalls 1933 verboten wurde. Sein Interesse und Engagement galt aber auch der Lebensreform, der Naturheilkunde und der Astrologie. Paul Fürst gab seine Anstellung auf (oder wurde als Sozialdemokrat entlassen?) und führte als Kaufmann den Kosmos-Verlag und Neukultur-Verlag und außerdem eine Buchhandlung, in der er auch sozialistische Literatur verkaufte. Auch erstellte er private Horoskope und versandte sie per Post.
1938 wurde die Buchhandlung in der Gontardstraße geschlossen. Die Kombination ganz unterschiedlicher, aber kritischer Positionen führte dann im Oktober (oder Dezember) 1940 zu seiner Verhaftung durch die Gestapo, die Begründung war: „politische Unzuverlässigkeit und gewerbsmäßige Astrologie“. Zuerst wurde Paul Fürst von der Gestapo im Polizeigefängnis am Alexanderplatz festgehalten. Am 10. März 1941 wurde er als Zugang im KZ Sachsenhausen eingetragen, bereits am 2. April 1941 kam er in den Krankenbau des Lagers, war also nicht mehr arbeitsfähig. Das letzte Lebenszeichen war ein Brief vom 4. Juni 1941 an seine Haushälterin.
Am 7. Juni 1941 wurde Paul Fürst von Sachsenhausen in die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein transportiert und dort sofort ermordet. Das Standesamt nannte zur Tarnung das KZ Sachsenhausen als Sterbeort.


Biografische Zusammenstellung

Dietlinde Peters

Weitere Quellen

Hans-Rainer Sandvoß, Widerstand in Neukölln, Berlin 1990
Privatarchiv und Informationen des Enkels Jens Fürst
Archiv Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen
ProNeubritz e.V.
Museum Neukölln