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Karl Giese

Foto: Projekt Stolpersteine Berlin-Mitte
Karl Giese, Portraitaufnahme. Unbekannter Fotograf 1931. Copyright: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.
Karl Giese und Magnus Hirschfeld. Foto: Max Reiss, o.J. Copyright: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V.
VERLEGEORT
John-Foster-Dulles-Allee 10

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Tiergarten
VERLEGEDATUM
09.02.2016

GEBOREN
18.10.1898 in Berlin
FLUCHT
Flucht 7.5.1933 Paris
FLUCHT IN DEN TOD
16.03.1938 in Brno (Tschechoslowakei)

Karl Giese wurde am 18. Oktober 1898 in Berlin-Wedding geboren. Er war das jüngste von sechs Kindern einer Arbeiterfamilie und hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Die Familie wohnte in der Schulstraße 17, unweit des heutigen U-Bahnhofs Leopoldplatz. Als Karl Giese um 1918 den Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868–1935) kennen lernte, änderte sich sein Leben grundlegend. Giese wurde Hirschfelds langjähriger Lebensgefährte, und die beiden Männer sollten bis zu ihrem Tod loyal zueinander stehen.
Karl Giese interessierte sich schon in jungen Jahren für das Theater. Er trat zeitweise als Darsteller im „Theater der Eigenen“ auf und hatte 1919 eine Nebenrolle als der junge Violinist Paul Körner in dem Aufklärungsfilm Anders als die Andern von Richard Oswald (1880–1963). Der Film gilt heute als der erste „homosexuelle Film“ der Weltgeschichte. An Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, das ebenfalls 1919 gegründet wurde, war Karl Giese zunächst als Sekretär und später als Leiter des Archivs und der Bibliothek angestellt. Er führte öffentliche Führungen durch das Institut durch und war mit dem professionellen Netzwerk Magnus Hirschfelds gut vertraut. Giese half Hirschfeld später beim Abfassen seines Buchmanuskripts Der Rassismus (erschienen postum zuerst als Racism, London 1938), und gegen sein Lebensende schrieb Hirschfeld, Giese sei „der beste Kenner meiner Ziele und Werke“.
Karl Gieses ureigenes Interesse galt nicht nur dem Theater, sondern auch der Literatur. Er schrieb Rezensionen „schwuler“ Romane und beschäftigte sich mit dem dänischen Märchendichter Hans Christian Andersen. Gieses Wohnzimmer im Institut für Sexualwissenschaft wurde Ende der 1920er Jahre zu einer „Freistatt“ homosexueller Männer in Berlin. In dieser Zeit lernte Giese den britischen Archäologen Francis Turville-Petre (1901–1941) und den französischen Autor und späteren Literaturnobelpreisträger André Gide (1869–1951) kennen. Der britisch-amerikanische Schriftsteller Christopher Isherwood (1904–1986), der um 1929 für einige Monate im Nachbargebäude des Instituts für Sexualwissenschaft wohnte, schrieb rückblickend über sich selbst in der dritten Person und Karl Giese: „Christopher sah in ihm den derben Bauernjungen mit dem Herzen eines Mädchens, der sich vor langer Zeit in Hirschfeld, seine Vaterfigur, verliebt hatte. Er nannte ihn ja auch ‚Papa‘.“
Als sich Magnus Hirschfeld 1931 auf eine Weltreise begab, von der er nie wieder nach Deutschland zurückkehren sollte, blieb Karl Giese als sein Sachwalter und Interessenvertreter in Berlin zurück. Er erlebte am 6. Mai 1933 die Plünderung des Instituts für Sexualwissenschaft, die den Auftakt für die öffentliche Bücherverbrennung auf dem Berliner Opernplatz vier Tage später werden sollte. Schon einen Tag nach der Plünderung des Instituts verließ Giese fluchtartig die Stadt und reiste nach Ascona in der Schweiz, wo Magnus Hirschfeld seit einigen Monaten zusammen mit seinem neuen Lebensgefährten Li Shiu Tong, genannt Tao Li (1907–1993), wohnte. Ihn hatte Hirschfeld auf seiner Weltreise kennen gelernt, und eine Zeit lang führten die drei Männer eine „ménage à trois“.
Anfang August 1933 begab sich Giese nach Brno (Brünn) in der Tschechoslowakei. Er war vermutlich von Hirschfeld dorthin geschickt worden, um mit dem Arzt Josef Weisskopf (1904–1977) die Möglichkeiten einer Institutsneugründung in Brno zu diskutieren. Doch scheint die Antwort Weisskopfs abschlägig gewesen zu sein. Um diese Zeit gelang es Giese, in Zusammenarbeit mit dem Rechtsanwalt Karl Fein (1894–1942) einen Teil der Archivalien und Unterlagen aus dem verwüsteten Institut für Sexualwissenschaft, die nicht von den Nationalsozialisten verbrannt worden waren, zurückzukaufen und in die Tschechoslowakei zu retten. Er sorgte selbst dafür, dass die Materialien – etwa 2500 kg – später nach Paris gebracht wurden, wo sich ihre Spuren verlieren.
Nachdem Karl Giese ein einjähriges Transitvisum für Frankreich erhalten hatte, verließ auch er die Tschechoslowakei und begab sich nach Paris, wo er erneut mit Hirschfeld und Tao Li zusammenlebte. Doch wurde ihm nur wenige Monate nach seiner Ankunft, im Frühjahr 1934, eine „Badeanstaltsaffäre“ zum Verhängnis. Nachdem er in einer öffentlichen Badeanstalt Sex mit einem anderen Mann gehabt hatte, wurde Giese unter der Anklage „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ zu einer Gefängnisstrafe von drei Monaten verurteilt. Es scheint, als sei der Vorfall für die französischen Behörden ein willkommener Anlass gewesen, Hirschfeld unter Druck zu setzen, denn mit seinen Theorien zur Sexualität und öffentlichen Vorträgen galt er in Paris als „anstößig“. Infolge der Haftstrafe wurde Gieses Aufenthaltsgenehmigung in Frankreich nicht verlängert, und Ende Oktober 1934 verließ er gezwungenermaßen das Land. Er zog nach Wien, wo er beabsichtigte, sein Abitur abzulegen, um anschließend Medizin zu studieren. Wenige Monate später, am 14. Mai 1935, starb Magnus Hirschfeld in Nizza. Aus diesem Anlass reiste Giese erneut in Frankreich ein (diesmal jedoch illegal) und hielt bei der Beisetzung Hirschfelds eine Gedenkrede auf den Freund und Mentor.
Im Juni 1936 zog Karl Giese wieder nach Brno. Einem erhaltenen Brief zufolge hatte er sich verliebt, unklar ist aber, in wen. Nachdem er einige Monate bei Karl Fein gewohnt hatte, zog er im Herbst desselben Jahres in eine eigene Wohnung in der Střelecká 8 (heute Domažlická 8). Da ihm als Erben aus dem Nachlass Magnus Hirschfelds eine beträchtliche Summe Geldes ausgezahlt worden war, konnte er äußerlich gesehen ein recht angenehmes Leben führen. Er besuchte regelmäßig das Theater in Brno und war nicht genötigt, sich nach einer Arbeitsmöglichkeit umzusehen.
Doch dürfte Giese das Gefühl gehabt haben, am Rande eines Vulkans zu wandeln. Magnus Hirschfeld, der Leitstern seines Lebens, war nicht mehr da, und es wird deutlich, dass er zunehmend unter Depressionen litt. Bekannt ist, dass er vor allem Werke der englischsprachigen Literatur las, was möglicherweise darauf hindeutet, dass er nach England oder in die USA auswandern wollte. Der sogenannte Anschluss Österreichs war schließlich der direkte Anlass dafür, dass sich Karl Giese am 16. März 1938 das Leben nahm. Er war 39 Jahre alt geworden. Angesichts der aggressiven Politik Nazi-Deutschlands nach innen wie nach außen befürchtete er, dass der Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Tschechoslowakei unmittelbar bevorstehe. Karl Giese wurde am 23. März 1938 auf dem Zentralfriedhof in Brno beigesetzt, doch ist sein Grab heute nicht mehr erhalten.


Biografische Zusammenstellung

Raimund Wolfert / Hans Soetaert