Direkt zum Inhalt
Skip to content Skip to navigation

Dr. Curt Bejach

Dr. Curt Bejach (Bild: Yad_Vashem)
Curt Bejach
Stolperstein Curt Bejach © OTFW
VERLEGEORT
Bernhard-Beyer-Straße 12

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Wannsee
VERLEGEDATUM
September 2007

GEBOREN
20.12.1890 in Jena
DEPORTATION
am 10.01.1944 nach Theresienstadt
WEITERE DEPORTATION
am 29.09.1944 nach Auschwitz
ERMORDET
31.10.1944 in Auschwitz

Curt Dietrich Manfred Bejach wurde am 20. Dezember 1890 in Jena geboren. Er war der Sohn des aus Zempelburg (dem heutigen Sępólno Krajeńskie) stammenden Zahnarztes und späteren Legationsrats Max Michael Bejach und dessen Ehefrau Helene Bejach, geborene Berliner. Curt wuchs im Kreis von sieben Geschwistern auf: Seine älteren Brüder Hans Egon und Erich Waldemar Bejach waren 1889 und 1890 zur Welt gekommen, seine jüngeren Brüder Edgar, Herbert, Hellmuth und Ernst-Günther 1892, 1894, 1896 und 1898, seine Schwester Anneliese wurde 1903 geboren. Über sein Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Curt und seinen Geschwistern in Jena haben sich keine Informationen erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde der Stadt. Im fünfzehnten Lebensjahr von Curt verstarb sein Vater Max Bejach.

Curt studierte nach seinem Schulabschluss Humanmedizin und Zahnheilkunde in Berlin, Königsberg i. Pr. (Kaliningrad) und München. Neben dem Fachstudium belegte Curt Bejach nationalökonomische Vorlesungen. Während des Ersten Weltkriegs unterbrach er sein Studium. Er war ab dem 11. Dezember 1914 wachhabender Arzt beim Festungshilfslazaretts 4 in Königsberg, anschließend Feldunterarzt, Assistenzarzt und schließlich Chefarzt des Festungshauptlazaretts. Im Februar 1917 erhielt der Mediziner seine Approbation. Nach Kriegsende legte Curt Bejach 1919 sein Staatsexamen als chirurgischer Zahnarzt ab und promovierte mit einer Arbeit über „Die sozialen Aufgaben des Arztes bei der Wiederertüchtigung schwerkriegsbeschädigter Handwerker und Industriearbeiter“. Die Untersuchung basierte auf der Grundlage seiner Arbeit im Festungshauptlazarett Königsberg in der Abteilung der Lehrwerkstätte für Kriegsbeschädigte. Im selben Jahr erhielt Curt Bejach neben der allgemeinmedizinischen auch die zahnärztliche Approbation. 1920 trat er dem Groß-Berliner Ärztebund e. V. bei und war zwischen 1919 und 1922 Stadtarzt in Nowawes bei Potsdam (heute im Stadtteil Babelsberg aufgegangen).

Am 29. Oktober 1920 heiratete Curt Bejach die fünf Jahre jüngere Anna Emma Elisabeth Hedwig Ottow, die aus Brieg (Brzeg) stammte, und vor der Hochzeit in Görlitz gelebt hatte. Das Paar bekam in den nächsten Jahren drei Töchter: Jutta wurde 1921 geboren, Irene 1926 und Helga 1927. Ab dem 1. Januar 1922 hatte Curt Bejach eine Stelle in Berlin-Kreuzberg als städtischer Beamter auf Lebenszeit angetreten. Seine Arbeit als Stadtarzt galt vor allem der stadträumlichen Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Tuberkulose, Scharlach, Diphtherie, Typhus, Ruhr, dem Kindbettfieber sowie Geschlechtskrankheiten. 1925 gründete er zusammen mit dem damaligen Kreuzberger Bürgermeister, Dr. Martin Kahle (USPD), das „Gesundheitshaus Am Urban“. Dieses erste kommunale Zentrum für präventive Medizin und Gesundheitserziehung in der Hauptstadt war ein Beispiel der progressiven Gesundheitsreform in der Weimarer Republik. Hier gab es für die Arbeiterbevölkerung des Bezirkes neben den üblichen Beratungsstellen auch eine „Lehrstätte für hygienische Volksbelehrung“ und eine Ehe- und Sexualberatungsstelle. Im Haus befand sich die Schulgesundheitspflege, ein chirurgisches und zahnärztliches Ambulatorium, eine Fürsorgeeinrichtung für Säuglinge und Kleinkinder sowie eine für Lungenkranke, Alkohol- und Drogenabhängige und Menschen mit psychischen Leiden. Ferner gab es regelmäßige Vorträge, Ausstellungen und eine Bibliothek. Die Kreuzberger Einrichtung wurde in den folgenden Jahren zum Vorbild ähnlicher volksgesundheitlicher Projekte in Berlin und der Republik. Trotz knapper Finanzen konnte Curt Bejach kontinuierlich ein Netzwerk öffentlicher Einrichtungen für Gesundheitsfürsorge und Medizin aufbauen: Neben den Zentren – dem „Krankenhaus am Urban" und dem Krankenhaus der Diakonissenanstalt „Bethanien“ am Mariannenplatz – koordinierte er die medizinische Versorgung durch Gemeindeschwestern, Pflegestationen der Kirche, Ambulatorien der Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK), der städtische Schwangeren-, Säuglings- und Kleinkinderfürsorge und der städtische Krippe. Auch aufgrund dieser Maßnahmen gelang es, die Infektionserkrankungen drastisch einzudämmen und beispielsweise die Anzahl der Tuberkulosefälle in Kreuzberg zu halbieren.

Zwischen 1927 und 1928 war Curt Bejach außerdem nebenamtlicher Dozent an der Deutschen Gesundheitsfürsorgeschule Berlin-Charlottenburg in Fortbildungslehrgängen für Wohlfahrtspflegerinnen und zwischen 1929 und 1933 Dozent an der Sozialen Frauenschule der Inneren Mission Berlin für das Fach Sozialhygiene. Er beschäftigte sich früh mit dem Thema der Hauskrankenpflege und wies auf die Wichtigkeit der engen Zusammenarbeit von ambulanter und stationärer Versorgung hin. Ab 1926 lebte die Familie Bejach in einem Haus in Neubabelsberg in der Bernhard-Beyer-Straße 12, das von dem Architekten Erich Mendelsohn, einem Freund von Curt und Hedwig Bejach, erbaut worden war. Nur fünf Jahre verbrachten die Eheleute gemeinsam in dem neuen Haus: Im Jahr 1931 starb Curt Bejachs Frau Hedwig an Tuberkulose.

Auch Curt Bejachs älterer Bruder Hans-Egon hatte einen medizinischen Beruf gewählt und war Zahnarzt geworden. Er war zwischen 1922 und 1933 Herausgeber der „Zahnärztlichen Rundschau“ und als Teilnehmer und Vortragender in Grotjahns Seminar zur Sozialhygiene aktiv. In den 1930er-Jahren lebte er in einer Wohnung in der Claudiusstraße 14-15 im Hansa-Viertel, das – neben dem Haus Bejach am Kleinen Wannsee – der Mutter von Curt und Hans-Egon gehörte.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Curt Bejach und seine Verwandten. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. 1933 wurde der Sozialdemokrat jüdischer Herkunft als „nichtarisch“ und „national unzuverlässig“ auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Der Berliner SA-Chef Wolf Heinrich Graf von Helldorf warf Curt Bejach persönlich aus dessen Dienstzimmer. Gleichzeitig verlor der Mediziner auch seine Dozentenstellen an den Berliner Sozialen Frauenschulen und musste miterleben wie das von ihm mitbegründete „Gesundheitshaus Am Urban“ aus einer sozialreformatorischen Einrichtung des Gemeinwesens in eine SA-Sanitätsschule umfunktioniert wurde.

Curt Bejach konnte in den folgenden Jahren noch als Allgemeinpraktiker tätig sein. 1937 waren die Bejachs gezwungen, das Haus in Babelsberg aufzugeben. Curt Bejach zog mit seinen Töchtern in das Haus in der Claudiusstraße 15-16, dass seiner Mutter gehörte und in dem sein Bruder Hans-Egon mit seiner Familie wohnte, bevor diese sich 1938/1939 in die USA retteten. Am 30. September 1938 wurde Curt Bejach wie allen jüdischen Ärzten und Ärztinnen mit der „Vierten Verordnung zum Reichsbürgergesetz“ die Approbation entzogen. Er konnte fortan in seiner Praxis in der Claudiusstraße noch als „Krankenbehandler“ ausschließlich jüdische Patienten behandeln. Nach den Pogromen im Mai und November 1938 entschloss sich Curt Bejach, seine Töchter in Sicherheit zu bringen. Im August 1939 verließen die jüngeren Töchter Irene und Helga Maria mit einem Kindertransport Berlin in Richtung England, die Älteste, die 18-jährige Jutta, blieb bei ihm. Seit Kriegsbeginn stand Curt Bejach auf der Warteliste für ein USA-Visum, erhalten sollte er es nie.

Da Curt Bejach mit seiner nichtjüdischen Ehefrau nach der NS-Terminologie eine „privilegierte Mischehe“ geführt hatte und seine Kinder im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie „Mischlinge“ waren, fanden bei ihm nicht alle antisemitischen Bestimmungen Anwendung. So musste er etwa den im September 1941 eingeführten stigmatisierenden „Judenstern“ nicht in der Öffentlichkeit tragen. Spätestens ab 1942 musste Curt Bejach allerdings Zwangsarbeit leisten. Zwischen dem 8. Juni 1942 und dem 17. September 1943 wurde er zwangsweise als „Behandler“ im „Waldlager Britz“ bei Eberswalde im Nordosten von Brandenburg eingesetzt – einem Lager der „Märkischen Stahlformwerke“ für Kriegsgefangene und ausländische Zwangsarbeiter. Im November 1943 wurde das Haus in der Claudiusstraße durch Luftangriffe zerstört. Curt und Jutta Bejach kamen in einer Wohnung in der Droysenstraße 15 zur Untermiete bei Braun unter.

Der Entrechtung und Demütigung folgte die Deportation: Mit einem Runderlass vom Dezember 1943 wies die örtliche Stelle der Sicherheitspolizei an, die jüdischen Ehegatten aus den „privilegierten Mischehen“ zu deportieren, wenn diese durch Tod oder Scheidung beendet waren. Daraufhin wurde Curt Bejach am 10. Januar 1944 mit dem „99. Alterstransport“ vom Güterbahnhof Moabit in das Ghetto Theresienstadt deportiert, wo er noch als Lagerarzt tätig sein musste. Aus Theresienstadt haben sich wenige Postkarten des Arztes an seine Familie erhalten. Eine Karte an seine Tochter Jutta vom 5. Mai 1944 endet mit den Zeilen: „Lebt wohl und seid herzlichst gegrüsst von Eurem gesunden und dankbaren Vater“. Wenige Monate später wurde der damals 53-Jährige am 29. September 1944 aus Theresienstadt weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das für ihn mit dem 31. Oktober angegebene Todesdatum ist unsicher.

Curt Bejachs Tochter Jutta erlebte das Kriegsende als Zwangsarbeiterin in Berlin; Irene und Helga Maria überlebten im Exil in England, wo sie bei den Eltern des späteren Schauspielers und Regisseurs Richard Attenborough (1923–2014) Aufnahme fanden. Sein Bruder Hans-Egon Bejach überlebte mit seiner Familie im Exil in den USA. Er war später Mitglied der Rudolf Virchow Medical Society in New York sowie deren Publishing Committee. Auch seine Brüder Erich und Hellmuth sowie seine Schwester Anneliese überlebten die NS-Zeit. Sein Bruder Edgar war bereits 1932 gestorben, sein Bruder Herbert kam unter ungeklärten Umständen am 29. Mai 1942 in Bernau bei Berlin ums Leben.


Anmerkung zur Biographie: Die Biographie beruht wesentlich auf der Quellenarbeit von Dietlinde Peters und ihrer 2010 erschienenen Biographie „Curt Bejach (1890–1944): Berliner Stadtarzt und Sozialmediziner“ sowie den Dokumentationen von Rebecca Schwoch, als Herausgeberin zu verfolgten Kassenärzten (Potsdam 2009) und als Autorin zu Berliner Krankenbehandlern (Frankfurt am Main 2018).

Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org/ (aufgerufen am 22. Oktober 2019). Erinnerungsseite (Page of Testimony) zu Curt Bejach (erstellt von seiner Tochter Jutta Grosser, geb. Bejach)
Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: https://www.holocaust.cz/de/opferda... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Eintrag zu Herbert Bejach. Names from the Opole database: Card Catalog of the Deaths of Jews recorded by the Reich Statistical Office in Berlin held in the State Archives in Opole. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 30. Juli 2019)
Todesanzeige Max Bejach (Nr. 2014, Berlin am 28. September 1905). Register der Stadt Berlin 1874–1920. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eheanzeige Kurt Dietrich Manfred Bejach und Anna Emma Elisabeth Hedwig Ottow (Nr. 837, Berlin am 29. Oktober 1920). Eheregister der Stadt Berlin 1874–1920. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Geburtsanzeige Herbert Rudolf Otto Carl Bejach (Nr. 162, Berlin am 21. Januar 1895); Hellmuth Maximilian Franz Heinrich Bejach (Nr. 1728, Berlin am 13. Juli 1896); Max Bejach (Nr. 1010, Berlin am 25. April 1897); Ernst Günther Ludwig Wilhelm (Nr. 1833, Berlin am 27. Juli 1898). Geburtsregister der Stadt Berlin 1874–1899. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eintrag zu Curt Bejach (ID 1) in der der Dokumentation „Verfolgte Ärzte“, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin. Online unter: https://geschichte.charite.de/verfo... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Dr. Kurt Bejach („99. Alterstransport“, Lfd-Nr. 147). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Kennkarten zu Hellmuth Bejach. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 16. Oktober 2019)
Ausstellungseröffnung „Dr. Curt Bejach“ und das Gesundheitshaus am Urban und Gedenken an die Novemberpogrome. Pressemittelung Nr. 130 vom 4. November 2015 vom Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin. Online unter: https://www.berlin.de/ba-friedrichs... (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Ulrike Hempel: Ein Sozialreformer durch und durch. Taz online vom 24. Juli 2010. Online unter: https://taz.de/Kreuzberger-Stadtarz... (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Christian Steinmeier: Haus Dr. Bejach. Landesdenkmalamt Berlin. Aus der Reihe: Erkennen und Erhalten in Berlin 2012, Nr. 32. Online unter: https://www.berlin.de/landesdenkmal... (aufgerufen am 15. Oktober 2019)
Eintrag zu Curt Bejach, in: Schwoch, Rebecca (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch, Potsdam 2009, S. 874
Eintrag zu Curt Dietrich Bejach, in: Schwoch, Rebecca: Jüdische Ärzte als Krankenbehandler in Berlin zwischen 1938 und 1945, Frankfurt am Main 2018, S. 214–216
Dietlinde Peters: Curt Bejach (1890–1944): Berliner Stadtarzt und Sozialmediziner, Berlin 2010, S. 77–78