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Wienand Kaasch

VERLEGEORT
Parchimer Allee 94

BEZIRK/ORTSTEIL
Neukölln – Britz
VERLEGEDATUM
09.09.2017

GEBOREN
30.01.1890 in Stolp (Pommern) / Słupsk
BERUF
Politiker, Gewerkschaftssekretär
INHAFTIERT
ab 07.08.1935 bis zum 19.01.1945 im Zuchthaus Luckau
TOT
19.01.1945 im Zuchthaus Luckau

Wienand Kaasch wurde am 30. Januar 1890 in Stolp (Pommern) geboren. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Leipzig, wo er auch die Volksschule absolvierte. Nach Abschluss seiner Schlosserlehre bei der Leipziger Firma Lengner trat er dem Deutschen Metallarbeiterverband (DMV) bei. Im Jahr 1912 wurde er Mitglied der SPD. Im 1. Weltkrieg war Kaasch vier Jahre im Einsatz an der Westfront. Hier wurde er wegen Tapferkeit vor dem Feind sowohl mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse als auch mit der Friedrich-August-Medaille in Bronze ausgezeichnet. Zweimal erlitt er Verwundungen. Aufgrund seiner Erfahrungen mit den Grausamkeiten des Stellungskrieges in Frankreich begann Wienand Kaasch mit der Opposition um Otto Rühle und Karl Liebknecht zu sympathisieren, die ein Ende der Burgfriedenspolitik forderte und sich die Rückeroberung der Parteimehrheit für sozialistische Positionen zum Ziel setzte. Als Sofortmaßnahme verlangte sie den sofortigen Abschluss eines Friedensvertrags.
Nachdem führende Mitglieder der Opposition im Januar 1917 aus der SPD ausgeschlossen worden waren und damit die Strategie der Rückeroberung obsolet wurde, beschloss die Mehrheit der Opposition die SPD zu verlassen. Im April 1917 gründeten die Ausgetretenen die USPD, der auch Wienand Kaasch beitrat. Als Angehöriger dieser Partei erlebte er die Novemberrevolution und die sozialen und politischen Auseinandersetzungen der Jahre 1919 und 1920 in Leipzig.
Als nach dem Kapp-Putsch 1920 die Mehrheit der USPD sich für einen Zusammenschluss mit der KPD aussprach, gehörte Wienand Kaasch zu den Vereinigungsbefürwortern.
Nachdem er bis 1922 zunächst in seinem Beruf und dann in einer Steindruckerei gearbeitet hatte, nahm er ein Angebot einer hauptamtlichen Tätigkeit in der KPD an. Er erhielt eine Stelle in der Berliner Zentrale, in der er als hauptamtlicher Funktionär verschiedene Aufgaben und Funktionen übertragen bekam. Dort lernte er auch die kommunistische Funktionärin Hertha Geffke kennen, die er 1925 heiratete. 1927 wurde ihr Sohn Hans und ein Jahr später ihre Tochter Marie geboren. Die Ehe währte bis 1928.
In den Jahren 1923 und 1924 wurde er als Berater der Bezirksleitung im Ruhrgebiet eingesetzt. Im darauffolgenden Jahr ernannte ihn die Zentrale zum Politischen Leiter der Bezirksleitung Rhein-Saar. Erfolgreich setzte er dort die Beendigung der ultralinken Politik durch, nach der Gewerkschaften und Sozialdemokratie als Organisationen der Konterrevolution zu bekämpfen seien. Er unterstütze den Aufbau einer neuen Bezirksleitung, die die Auflösung kommunistischer Gewerkschaftsverbände und die Rückkehr der Kommunisten zu den Freien Gewerkschaften betrieb. Auch mit der Sozialdemokratie kam es zu gemeinsamen Aufrufen und Aktionen.
Ab 1927 wurde er Leiter der Organisationsabteilung des ZK der KPD in Berlin. Als solcher führte er die Reichskontrollen der Partei in den Jahren 1927 und 1929 durch. Gleichzeitig sollte er die organisatorische Neuausrichtung der Partei, hier vor allem den Aufbau von Betriebsgruppen, beschleunigen.
1931 übernahm er Instrukteursaufgaben für die Kommunistische Internationale. Sein Hauptwohnsitz wurde Moskau. Von Mitte 1931 bis März 1932 unterstütze er in dieser Funktion mit großem Erfolg die KP der USA bei der Organisation von Hungermärschen und Streikaktionen. Nach Moskau zurückgekehrt wurde er als Lehrer in der Internationalen Leninschule im Themenbereich Parteiaufbau eingesetzt. Die Lehrertätigkeit währte bis Ende 1933. Danach arbeitete er mit Fritz Heckert in der deutschen Sektion der Zentrale der Roten Gewerkschaftsinternationale zusammen. Zentraler Diskussionsgegenstand war die Frage nach der Auflösung der Gruppen und Verbände der Revolutionären Gewerkschaftsopposition und die Unterstützung des Wiederaufbaus der freien Gewerkschaften bzw. der Stärkung der noch existierenden Gewerkschaftsgruppen.
Im April 1935 erhielt er den Auftrag, in Deutschland den antifaschistischen Kampf der KPD zu stärken. Dabei ging es um die Durchsetzung der neuen politischen Linie, der engen Zusammenarbeit mit nichtkommunistischen Organisationen und Parteien. Um dieses umzusetzen sollte er die Funktion des Politischen Leiters in der Berliner Bezirksleitung übernehmen.
Über Prag reiste er mit einem kanadischen Pass unter dem Namen Williams N. Parkes Anfang Juli nach Berlin, wo er zunächst in einem Hotel in der Nähe des Anhalter Bahnhofs unterkam. Am 20. Juli bezog Wienand Kaasch ein Zimmer bei dem Ehepaar Karl und Auguste Podubrin in der Parchimer Allee 94. Gemeinsam mit den ebenfalls aus Prag angereisten Instrukteuren Erich Glückauf und Walter Firl gelang es ihm, Kontakt zu der Berliner Bezirksleitung sowie zu verschiedenen Unterbezirksleitungen und Betriebszellen herzustellen. Auch mit der Berliner SPD wurden Gespräche geführt. Als ein Ergebnis wurde von Wienand Kaasch und dem ehemaligen Vorsitzenden der Berliner SPD Franz Künstler der Gemeinsame Appell der Bezirksvorstände der Roten Hilfe und der SPD Berlin-Brandenburg initiiert, den vor der Veröffentlichung Anfang August 1935 auch die KPD-Bezirksleitung mitzeichnete. In ihm vereinbarten die Unterzeichner eine enge Zusammenarbeit im Kampf gegen den faschistischen Terror, bei der Abwehr von Spitzeln und Provokateuren sowie zur Unterstützung der Opfer ohne Rücksicht auf deren Parteizugehörigkeit und Weltanschauung.
Am 7. August beendete die Gestapo die erfolgreich angelaufene Arbeit. Am Nachmittag dieses Tages wurde Wienand Kaasch im Anschluss an ein verabredetes Treffen mit einem leitenden KPD-Funktionär verhaftet. Es ist bis heute ungeklärt, ob die Festnahme aufgrund der Verletzung konspirativer Grundsätze oder von Spitzelinformationen erfolgte. Fest steht jedoch, dass Kaasch entgegen allen Regeln der konspirativen Arbeit schriftliche Aufzeichnungen über weitere Treffen bei sich trug. So konnte die Gestapo in den folgenden Tagen drei weitere Berliner Leitungsmitglieder festnehmen.
Gemeinsam mit diesen Funktionären wurde Wienand Kaasch wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Am 9. Mai verurteilte ihn der Volksgerichtshof zu einer Zuchthausstrafe von elf Jahren. Diese Strafe hat er im Zuchthaus Luckau nicht überlebt. Dem schon zu seiner Moskauer Zeit an Gicht erkrankten Kaasch wurde im Zuchthaus die Behandlung verweigert, so dass er schließlich nach langen Torturen am 19. Januar 1945 an Nierenversagen den Haftbedingungen erlag.


Biografische Zusammenstellung

Jürgen Schulte