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Dr. Emil Nawratzki

Stolperstein von Emil Nawratzki
Stolperstein für Emil Nawratzki. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Teutonenstraße 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Nikolassee
VERLEGEDATUM
Juli 2010

GEBOREN
05.04.1867 in Lipinken / Lipienki
FLUCHT IN DEN TOD
07.07.1938 in Berlin

Der Arzt und spätere Sanitätsrat Dr. med. Emil Nawratzki (1867–1938) hatte 1904 gemeinsam mit seinem Arztkollegen Dr. Max Arndt die Waldhaus-Klinik Nikolassee an der Potsdamer Chaussee 69 in Nikolassee als „Heilanstalt für Gemütskranke“ gegründet. Sie wurde auch als „Arndt- und Nawratzki’sches Haus“ bezeichnet und ist im Berliner Adressbuch von 1920 als „Private Heilanstalt“ aufgeführt. Bereits als Assistenzärzte der „Dalldorfer Anstalt“, die heute unter ihrem späteren Namen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik bekannt ist, hatten sie das Grundstück für den Bau einer „Privat-Irrenanstalt“ erworben, der von März 1903 bis Januar 1904 realisiert wurde. Zwei Jahre später standen in der Klinik 147 Patientenbetten zur Verfügung, das Krankenpflegepersonal bestand aus 25 Personen. Zur Geschichte der ersten drei Jahrzehnte dieser Privatklinik für psychisch erkrankte Menschen ist allerdings Näheres nicht bekannt. Die beiden jüdischen Gründer und Leiter des Hauses, Arndt und Nawratzki, die sich ab 1933 mit Sicherheit größten Schwierigkeiten ausgesetzt sahen, verkauften die Klinik 1936 an die Innere Mission der evangelischen Kirche in der Provinz Brandenburg zu Berlin. Die Bedingungen, unter denen sich Arndt und Nawratzki von ihrem Lebenswerk trennen mussten, sind nicht bekannt.
Emil Nawratzki und seine Ehefrau Johanna Antonia Leontine, geborene Heymann (1882–1938), lebten um 1931 in der Prinz-Friedrich-Leopoldstr. 5 in Nikolassee und später in den 1930er Jahren um die Ecke in der Teutonenstr. 15. Sie hatten zwei Töchter, Charlotte Annemarie und Ilse Ruth. 1919 erwarb Emil Nawratzki eine Zooaktie, ein damals renommiertes Wertpapier, das die Zugehörigkeit zur Berliner bürgerlichen Gesellschaft unterstrich und der Familie freien Eintritt in den Zoologischen Garten gewährte.
Die beiden Töchter des Ehepaares Nawratzki verließen später Berlin. Charlotte hatte geheiratet und emigrierte nach Jerusalem. Ilse lebte zeitweilig, so auch um 1938, in Mailand. Emil Nawratzkis 1931 ausgestellter Pass dokumentiert eine Reise Anfang 1934 nach Rom sowie vor allem eine größere Reise nach Palästina im Frühjahr 1935, vermutlich um seine Tochter Charlotte in Jerusalem zu besuchen; die zahlreichen Aus- und Einreise- sowie Visa-Stempel geben einen gewissen Aufschluss über seine Hinreise. Eine Immigration nach Palästina erlaubte ihm das Traveller-Visum der britischen Behörden vom 22. Februar 1935 jedoch nicht. Ein Transitvisum für Frankreich, in Berlin am 11. März 1935 ausgestellt, war bis zum 21. März gültig. Am 17. März 1935 reiste Nawratzki nach Italien ein, zwei Tage später wieder aus – vielleicht hatte er seine Tochter Ilse besucht – und erreichte am selben Tag noch Nizza, am 23. März Istanbul und am 26. März 1935 dann wohl Haifa. Im April 1935 verließ er über Haifa wieder Palästina und kehrte nach Berlin zurück.
In der Nacht vom 6. zum 7. Juli 1938 schieden Emil und Antonia Nawratzki gemeinsam aus dem Leben.
In diesem Fall ist eine spätere Verhandlung um den Verlust der Zooaktie bekannt. In einem Wiedergutmachungsverfahren von 1951 bis 1953 vertrat der Berliner Rechtsanwalt und Notar Dr. Hans Gumpert, in der NS-Zeit selbst als Jude verfolgt und ebenfalls ehemaliger Zooaktionär, die beiden Töchter Emil Nawratzkis als Antragstellerinnen des Verfahrens, das schließlich mit einem Vergleich endete. Mittlerweile lebte die Tochter Charlotte nicht mehr in Jerusalem, sondern in Alexandrien in Ägypten und die Tochter Ilse, die 1936 noch in Florenz promoviert hatte und nun als Augenärztin an der Jerusalemer Universität lehrte, in Israel.


Siehe auch: Monika Schmidt, Die jüdischen Aktionäre des Zoologischen Gartens zu Berlin. Namen und Schicksale, Berlin 2014, S. 79-85.

Biografische Zusammenstellung

Monika Schmidt

Weitere Quellen

Jüdisches Adressbuch von 1931.
Klinikhistorie des Trägervereins des Theodor-Wenzel-Werk e. V., einsehbar unter: http://www.tww-berlin.de/traegerver... (eingehen am 11.7.2013).