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Ernst Gotthelf Springer

Stolperstein für Ernst Gotthelf Springer. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Boothstr. 33

BEZIRK/ORTSTEIL
Steglitz-Zehlendorf – Lichterfelde
VERLEGEDATUM
10.06.2009

GEBOREN
24.09.1860 in Berlin
DEPORTATION
am 10.03.1944 nach Theresienstadt
TOT
02.06.1944 in Theresienstadt

Dr. iur. Ernst Julius Gotthelf Springer, geboren am 24.09.1860 in Berlin, war Sohn des Verlagsbuchhändlers Julius Springer und seiner evangelischen Ehefrau Marie, geborene Oppert. Die Eheleute hatten zehn Kinder, von denen aber nur drei das Erwachsenenalter erreichten.

Der Vater Julius Springer war Mitglied des Gemeindekirchenrats der Sophiengemeinde in

Berlin-Mitte sowie Stadtverordneter. Julius Springer starb am 17.04.1877 und seine Ehefrau Marie am 15.10.1907.

Getauft wurde Ernst Gotthelf Springer am 18.11.1860 in der St. Nicolai Kirche in Berlin und er war Zeit seines Lebens ein überzeugter Protestant. Ernst Gotthelf Springer war Rechtsanwalt mit eigener Praxis und ab 1900 Justitiar und Generalbevollmächtigter des Bankhauses Bleichröder. 1913 wurde er zum ehrenamtlichen Geheimen Oberfinanzrat und Staatsfinanzrat in die Reichsschuldenverwaltung berufen, der er bis 1935 angehörte.

Nach dem Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze 1935 wurde Ernst Gotthelf Springer aus seiner Position bei der

Reichsschuldenverwaltung entlassen. Er erhielt ein offizielles Entlassungsschreiben, unterzeichnet von dem damaligen Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk.

Seit 1890 war Ernst Gotthelf Springer mit der Nichtjüdin

Gertrud, geborene Müller, geboren 1866, Tochter des

Verlagsbuchhändlers Otto Müller, verheiratet. Die Ehefrau

starb bereits am 30.04.1914 und wurde auf dem Parkfriedhof am Thuner Platz in Lichterfelde-West beigesetzt. Die Grabstätte existiert nicht mehr.

Am 05. März 1943 wurde Ernst Gotthelf Springer durch

die Gestapo verhaftet, kam zunächst in die Synagoge

Levetzowstraße und anschließend in die Rosenstraße. Nach 24 Stunden erfolgte am 06. März 1943 die Freilassung. Einen Grund für die Verhaftung erfuhr er nicht.

In seinen Aufzeichnungen über die Inhaftierung in der

Levetzow- und Rosenstraße schreibt er von der „guten

Berta“. Es handelte sich um die getaufte „halbjüdische“

Bibliothekarin Berta Heilborn aus Breslau, Tochter eines

Studienfreundes, die 1935 ihre Anstellung als Bibliothekarin verloren hatte und fortan bei Ernst Gotthelf Springer als Hausdame lebte. Ihrer Schwester Ursula war die Flucht nach England gelungen.

Ernst Gotthelf Springer lebte in Lichterfelde-Ost in der Boothstr. 32-34, das Haus wurde bei einem Bombenangriff am 24.08.1943 völlig zerstört. Ernst Gotthelf Springer überlebte den Bombenangriff in dem Luftschutzkeller seines Nachbarn, des Barons Manfred von Ardenne, mit dem er nachbarschaftlich verbunden war.

Nach der Zerstörung seines Hauses lebte Ernst Gotthelf

Springer bei seiner Tochter Elise Fester, geborene Springer,

und deren Ehemann, Dr. Fritz Fester, in der Fürstenstr. 8 in

Berlin-Zehlendorf. Am 09.01.1944 sollte Ernst Gotthelf

Springer das erste Mal „abgeholt“ werden. Tochter und

Schwiegersohn konnten das zunächst unter Hinweis auf

eine Erkrankung des Vaters verhindern. Am 19.01.1944

wurde er dann von der Gestapo mit Krankenwagen ins

Jüdische Krankenhaus gebracht.

Alle Bemühungen der Angehörigen um seine Freilassung bleiben ohne Erfolg. Ernst Gotthelf Springer wird schließlich am 10.03.1944 nach Theresienstadt deportiert.

Auf einer letzten Postkarte, datiert vom 24. April 1944,

bestätigt Ernst Gotthelf Springer den Erhalt eines Päckchens, für das er sich bei seiner Tochter bedankt. Nur knapp zwei Monate nach dieser Postkarte starb Ernst Gotthelf Springer am 02.06.1944 in Theresienstadt.

In welcher perfiden Weise Nichtarier ausgeplündert wurden, lässt sich in der „Vermögensakte“ des Oberfinanzpräsidenten nachweisen. Unter Datum vom 22.06.1944 bestätigt das Finanzamt Zehlendorf: „Für die

Reichsfluchtsteuer sind Sicherheiten in Höhe von 100.000,-- RM von den nicht-jüdischen Kindern geleistet“.

Der Oberlandesgerichtsrat Arthur Goldschmidt, der in Theresienstadt eine evangelische Gemeinde gründen konnte, schrieb Ende 1945 an die Tochter und den Schwiegersohn: „Ich habe Ihren Vater wiederholt in dem Altenheim, in dem er untergebracht war, aufgesucht ... Er erzählte mir viel aus seinem Leben und von seiner Familie, die nie ermüdende Liebe spiegelte sich in seinen Mitteilungen und Gedanken wider. ... Über seine religiöse Einstellung brauche ich Ihnen nichts zu sagen: er war voller Gottvertrauen, und wenn er mich in meiner Eigenschaft als Seelsorger zu sprechen wünschte, so war er in seinem Glauben stark genug, um eines Trostes nicht zu bedürfen. ...“


Biografische Zusammenstellung

Hildegard Frisius