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Taube [Tauba Toni] Ibermann (geb. Rösler)

Stolpersteine für Lotte und Taube Ibermann © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Fehrbelliner Straße 86

BEZIRK/ORTSTEIL
Pankow – Prenzlauer Berg
VERLEGEDATUM
01.07.2010

GEBOREN
24.11.1891 in Dombrowa / Dąbrowa Górnicza
BERUF
Schneiderin
DEPORTATION
am 29.10.1941 nach Łódź / Litzmannstadt
TOT

Toni Taube Ibermann wurde am 24. November 1891 als Tochter von Kalmann Rösler und seiner Ehefrau Devora geb. Korn in Polen in Dąbrowa/Galizien geboren. Ihre Herkunftsfamilie könnte im Zuge der ostjüdischen Immigrationswellen um und nach der Jahrhundertwende nach Berlin gekommen sein. Sie hatte einen jüngeren Bruder namens Salomon und vier Schwestern – Rosa, Selma, Charlotte und Minna – , von denen letztere in Berlin mit den Bügler Hermann Chomet verheiratet war.

Um 1920 heiratete Toni den Kaufmann Leo Ibermann aus Warschau und verlebte ihre ersten Ehejahre in Berlin-Kreuzberg in der Sebastianstr. 17. Dort wurden auch ihre drei Töchter geboren – Lotte am 9. Februar 1922 (1921?), Sonja am 20. Juni 1923 und Ursula am 16. Mai 1925. Als Toni mit Ursula schwanger war, starb ihr Ehemann an einem Herzanfall. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee – wie auch Jahre später sein Schwiegervater Kalmann Rösler.

Toni fiel jetzt die schwere Aufgabe zu, alleine, ohne jegliche staatliche Unterstützung, ihre Kinder durchzubringen. Sie musste eine alleinerziehende, voll berufstätige Mutter werden. Trotz all der aufopfernden Liebe zu ihren Töchtern konnte sie nur noch wenig Zeit mit ihnen verbringen. Zu hart war der Lebenskampf um das tägliche Brot im Berlin der 1920er Jahre geworden! – Die Kinder gingen alle in den Kindergarten, später in nahe gelegene Schulen und von dort aus gleich in den Hort. Die Tochter Ursula musste sogar schon sehr früh ganz in das Kinderheim AHAWA in der Auguststr. 14–16 weggegeben werden.

Ob Toni je eine reguläre Berufsausbildung genossen hat, entzieht sich der Kenntnis. Eine ihrer Töchter bezeichnete sie jedenfalls später als „dressmaker“ bzw. als „Schneiderin“. Nach dem Tod ihres Ehemannes behielt sie ihre bisherige Wohnung in der Sebastianstr. 17 vorerst noch, versah jetzt aber diese Adresse (laut „Berliner Adressbuch“) mit der Berufsangabe „Handelsfrau“ und beantragte und erhielt auch ein Telefon. Sie nähte an den Abenden und verkaufte ihre Kreationen dann tagsüber auf dem Markt. Wie geschickt und begabt sie in diesem Metier war, zeigen die erhaltenen Fotos ihrer Töchter. Auf einem sehr frühen (1920er Jahre) tragen alle drei entzückende Matrosenanzüge, und auf einem späteren (Mai 1939?) wirkt die Kleidung der älteren Töchter trotz der damals beginnenden Güterknappheit noch elegant und apart.

1934 zog Toni dann in die 2. Etage der Belforter Str. 30 / Ecke Weißenburger Str. 15 (heute Kollwitzstr. 38) in eine 2-Zimmer-Wohnung – in ein schönes Gründerzeithaus am Prenzlauer Berg, das die typische Berliner Kneipe aufwies und von hohen Bäumen umgeben war. Unweit davon lagen die Synagoge und die jüdische Schule in der Rykestr. Viele lebendige und glückliche Erinnerungen verknüpfen sich bei ihren Töchtern mit dieser Wohnung – z. B. die Freundinnen im Haus gegenüber in der Belforter Str. mit dem interessanten Vogel, Erlebnisse im Hort am Volkspark Friedrichshain mit seinem Märchenbrunnen oder auch eher seltene Besuche im Ufa-Palast in der Schönhauser Allee.

Das bis dahin sicherlich nicht einfache Leben wurde für Toni aber noch schwerer, als sie zu ahnen begann, dass die Entrechtung und Verfolgung der Juden in der NS-Zeit auch vor ihrer Familie nicht Halt machen würde: So durften z. B. ihre Töchter die deutsche Schule in der Schönhauser Allee seit dem 15. November 1938 (Runderlass des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung) nicht mehr besuchen. Nahestehende Verwandte verließen Deutschland und wanderten aus. Sie selber musste wohl 1939 die Wohnung in der Belforter Str. 30 aufgeben und mit ihrer Familie in eine 1-Zimmer-Wohnung mit Außentoilette und ohne Waschgelegenheit in der Metzer Str. 28 ziehen.

Über die näheren Umstände dieses Umzuges lassen sich allenfalls Vermutungen anstellen.

Und wieder kämpfte Toni verzweifelt für ihre Familie! Und es gelang ihr tatsächlich, für Ursula im Mai und für Sonja am 9. oder 10. August 1939 Plätze in Kindertransporten nach Großbritannien zu sichern. Beide jungen Mädchen konnten in ihrem Koffer nur wenig Kleidung mitnehmen. Dabei hatten sie aber letzte gemeinsame Fotos der Familie, die im Lustgarten vor der Kulisse des Zeughauses aufgenommen worden waren – wahrscheinlich kurz vor Ursulas Abschied im Mai 1939. Auf einem von ihnen legt hier die älteste Tochter Lotte beschützend den Arm um ihre Mutter Toni.

Die kleine Restfamilie bezog dann zwischen August 1939 und 1941 eine weitere Wohnung am Prenzlauer Berg, nämlich in der Fehrbelliner Str. 86. Ob es sich dabei um die einzige heute noch im Hinterhaus im 2. Stock gelegene 1-Zimmer-Wohnung handelt, lässt sich nicht mehr feststellen. Ein Vorteil dieses neuerlichen Ortswechsels war aber die größere Nähe zu der Linienstr. 215, wo Tonis Schwester Minna Chomet mit ihrem Ehemann Hermann und den Kindern Cilli und Siggi noch 1939 wohnte. Und eingezogen war dort auch die 1933 verwitwete Mutter Devora Rösler.

Wovon konnte Toni in diesen Jahren leben? War es ihr wohl weiterhin erlaubt, als „Handelsfrau“ zu arbeiten? Wie lange konnte sie überhaupt nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges noch den Briefkontakt mit ihren beiden Töchtern aufrechterhalten?

1941 musste sie noch einmal mit ihrer Tochter Lotte umziehen – jetzt in ein sogenanntes Judenhaus in der damaligen Lothringer Str. 34–35 (heute Torstr. mit veränderter Nummerierung). Von dieser letzten Adresse aus erfolgte am 27. Oktober 1941 die Deportation in ein Konzentrationslager nach Łódź/Polen.

Toni Taube Ibermann und Lotte Ibermann kehrten nicht mehr zurück.


Biografische Zusammenstellung

Melitta Rheinheimer