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Ludwig Steinmesser

Stolperstein für Ludwig Steinmesser © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Lausitzer Straße 31

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
16.05.2006

GEBOREN
02.09.1926 in Berlin
DEPORTATION
am 01.03.1943 von Moabit nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

Ludwig Steinmesser wurde am 2. September 1926 in Berlin geboren. Er war der Sohn des Kaufmanns Max Steinmesser und der Greta Steinmesser, geborene Kestel. Als Ludwig geboren wurde war seine Mutter, die ebenfalls gebürtige Berlinerin war, 27 Jahre alt. 1922 hatte sie Ludwigs Vater Max geheiratet. Der Kaufmann war elf Jahre älter als Greta und 1888 im damals österreichischen, heute ukrainischen Brody geboren worden. Ein Onkel von Ludwig, der 1873 geborene Abraham Steinmesser, lebte mit seiner Frau als Fleischer im benachbarten Lemberg (heute Lwiw).

Nach ihrer Hochzeit bekam das Ehepaar insgesamt drei Kinder, von denen Ludwig das mittlere war. Seine ältere Schwester Thea war 1923 in Berlin zur Welt gekommen und kurz vor Ludwigs sechsten Geburtstag wurde im Juli 1932 sein jüngerer Bruder Joachim ebenfalls in Berlin geboren. Zum Zeitpunkt der Geburt von Ludwig lebte die Familie in Neukölln in der Dragonerstraße 24 (der heutigen Max-Beer-Straße). An dieser Adresse führten Max und Greta Steinmesser einen Textilwarenladen, der in den Adressbüchern Berlins erstmals 1923 als Exportgeschäft engros für Kurz- und Baumwollware geführt wurde und ab 1925 als Geschäft für Strumpfwaren und Trikotagen. Im Jahr 1928 zog die Familie in die Neuköllner Ziethenstraße 38 (heutige Werbellinstraße) um. Über die Kindheit von Ludwig Steinmesser und seinen Geschwistern haben sich keine weiteren Informationen erhalten. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde Berlins. Leider haben sich auch keine persönlichen Zeugnisse erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie Steinmesser im Berlin der Weimarer Republik vermitteln könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Ludwig Steinmesser und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie für Ludwigs Eltern die Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben und der damit verbundenen Zerstörung der familiären Existenzgrundlage. Sicher versuchten Greta und Max Steinmesser, den Kindern in der Familie Schutzräume zu bieten, aber wir wissen nicht, wie gut es gelang, diese von den existentiellen Nöten, die das Leben der Familie in Berlin zunehmend bestimmt haben muss, abzuschirmen. Für die Familie ergaben sich in den 1930er-Jahren zudem Schwierigkeiten, weil der NS-Staat ihnen ihre Staatsbürgerschaft aberkannte. Der Geburtsort von Max Steinmesser war nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages nach dem Ersten Weltkrieg polnisch geworden. Max und Greta Steinmesser sowie ihre Kinder wurden in den 1930er-Jahren auf dieser Grundlage von den NS-Behörden kurzerhand als „staatenlos“ erklärt.

Unmittelbar erfuhren Ludwig Steinmesser, seine Schwester Thea und zu einem späteren Zeitpunkt auch sein Bruder Joachim die Diskriminierungen nach 1933 im Schulalltag und Bildungswesen. Im November 1933 wurde der Sechsjährige in die Neuköllner Volksschule in der Boddinstraße 52/53 eingeschult. Bereits zu diesem Zeitpunkt war ihm mit dem „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ vom April 1933 die Chance auf einen höheren Bildungszweig versperrt worden. Ein Erlass von 1935 sah eine „möglichst vollständige Rassentrennung“ in Schulen vor und nach den Pogromen im November 1938 wurde jüdischen Schülern der Besuch von öffentlichen Schulen grundsätzlich verboten. Ludwig besuchte noch eine Schule der Jüdischen Gemeinde – möglicherweise die Knabenvolksschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Kaiserstraße 29/30 (heute Jacobystraße) unweit des Alexanderplatzes, an der sein Bruder Joachim am 1. April 1940 eingeschult wurde.

Zu diesem Zeitpunkt kann die Situation der Familie aus den Dokumenten nicht mehr zweifelsfrei erschlossen werden. Auf der Schulkarte von Ludwigs Bruder Joachim ist verzeichnet, dass sich seine Eltern in Polen befänden, was auch eine Codierung für Abschiebung oder, falls die Handschrift zu einem späteren Zeitpunkt ergänzt wurde, Deportation bedeuten kann. Joachim Steinmesser befand sich demnach bei einer „Grossmutter Schwalb“ in der Neuköllner Hermannstraße 46. Bei ihr handelte es sich um die 1876 in Przemyśl geborene Cipa Schwalb, geborene Anschel, die im September 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet wurde. Ludwigs Vater Max wurde bereits seit Mitte der 1930er-Jahre nicht mehr in den Berliner Adressbüchern geführt. Ein Eintrag von 1935 gibt Greta als Haushaltsvorstand und Inhaberin des Weißwarenladens in der Ziethenstraße 38 an, danach gibt es keine Einträge mehr für die Steinmessers. Zu diesem Zeitpunkt muss das Geschäft der Familie aufgelöst worden sein. Erst für die 1940er-Jahre lassen sich wieder verlässliche Aussagen treffen: Grete Steinmesser wohnte jetzt mit ihren Kindern Thea, Ludwig und Joachim in einer Wohnung in der Lausitzer Straße 31 in Kreuzberg. Die Spuren von Ludwigs Vater verlieren sich in den 1930er-Jahren. Möglicherweise war er zu seinem Bruder Abraham nach Lemberg gegangen und ist identisch mit dem am 11. Januar 1942 ums Leben gekommenen Maks Steinmesser, der in den Unterlagen des Friedhofs Lemberg verzeichnet ist.

Im Oktober 1941 musste der 15-jährige Ludwig seine Schulausbildung beenden, weil er zu Zwangsarbeit als „Arbeitsbursche“ bei der „Charlottenburger Motoren- und Gerätebau KG“ in der Potsdamer Straße 98 verpflichtet wurde. Bei dem Unternehmen war auch seine Mutter und seine Schwester Thea seit Ende der 1930er-/Anfang der 1940er-Jahre als Zwangsarbeiterinnen dienstverpflichtet. Spätestens Anfang der 1940er-Jahre wurde das Leben in Berlin für die Familienmitglieder zum täglichen Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Ludwig Steinmesser wurde mit seiner Mutter und seinen Geschwistern im Zuge der „Fabrik-Aktion“, bei der die letzten offiziell in der Hauptstadt verbliebenen Juden deportiert werden sollten, Ende Februar 1943 in Berlin verhaftet und in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 verschleppt. Dort wurde die Familie getrennt: Der 16-Jährige wurde am 1. März 1943 mit seiner Schwester Thea mit dem 31. „Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und im Vernichtungslager ermordet. Seine Mutter Greta wurde mit einem späteren Transport am 17. Mai 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ludwigs damals 10-jähriger Bruder Joachim wurde am 10. September 1943 aus Berlin deportiert. Er kam zunächst in das Ghetto Theresienstadt und wurde von dort am 15. Mai 1944 weiter in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er – vermutlich unmittelbar nach der Ankunft des Transports – ermordet wurde.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1922–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932; Berliner Telefonbuch 1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020). Page of Testimony zu Max und Abraham Steinmesser erstellt von Tzvi Shteinmeser.
Geburtsanzeige Grete Kestel (Nr. 410, Berlin am 20. Februar 1899); Arthur Kestel (Nr. 237, Berlin am 29. Januar 1900); Bernhard Steinmesser (Nr. 1071, Berlin am 24. Juni 1907). Geburtsregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Eheanzeige Moische-Max Steinmesser und Grete Kestel (Nr. 604, Neukölln am 15. Juni 1922); Artur Kestel und Hildegard Klonower (Nr. 400, Berlin am 24. Mai 1931). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Todesanzeige Röschen Kestel (Nr. 1196, Berlin am 20. November 1903); Bernhard Kestel (Nr. 230, Berlin am 11. März 1908); Artur Kestel (Nr. 231, Berlin am 7. Mai 1934). Register der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Eintrag zu Cipa Schwalb, geb. Anschel. Onlinedatenbank Mapping the Lives. Online unter: https://www.mappingthelives.org/bio... (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Ludwig Steinmesser, „31. Osttransport“ (Lfd-Nr. 1449); Thea Steinmesser (Lfd-Nr. 1466); Grete Steinmesser, 38. „Osttransport“ (Lfd-Nr. 14); Joachim Steinmesser, „96. Alterstransport (Lfd-Nr. 12). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Karteikarte zu Ludwig und Joachim Steinmesser. Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RvD) Card File. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://digitalcollections.its-arol... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Schülerkarteikarte zu Felizitas Kestel. Im Archiv des ITS Arolsen. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 4. Juni 2021).
Eintrag zu Maks Steinmesser. Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 4. Juni 2021).