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Bernhard Gottschalk

Stolperstein für Bernhard Gottschalk. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Lange Str. 81

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Friedrichshain
VERLEGEDATUM
19.08.2006

GEBOREN
24.12.1859 in Neustadt (Posen)
BERUF
Kaufmann
DEPORTATION
am 28.05.1943 nach Theresienstadt
TOT
02.06.1944 in Theresienstadt

Bernhard Gottschalk wurde am 24. Dezember 1859 in Neustadt bei Pinne (dem heutigen Lwówek) geboren. Er war der Sohn des Kaufmanns Lewin Gottschalk und der Lein Gottschalk, geborene Warzawska. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Bernhard in Neustadt bei Pinne haben sich leider keine Zeugnisse erhalten. Es ist auch nicht bekannt, ob er im Kreis von Geschwistern aufwuchs. Seine Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde von Neustadt. Bernhard schlug nach seinem Schulabschluss – wie sein Vater zuvor – eine kaufmännische Laufbahn ein.

Am 16. Dezember 1885 heiratete der 35-jährige Handelsmann in der damals noch eigenständigen Ortschaft Lichtenberg die drei Jahre jüngere Ottilie Herzberg. Seine Ehefrau stammte aus Pinne (Pniewy) und möglicherweise hatte er sie bereits hier, in der nur knapp neun Kilometer von seiner Geburtsstadt entfernt gelegenen Ortschaft, kennengelernt oder er machte ihre Bekanntschaft auf einer Geschäftsreise in die Hauptstadt. Ottilie lebte vor der Hochzeit mit ihrem Bruder, dem Kaufmann Louis Herzberg, in der Frankfurter Allee 177 im damaligen Berliner Stadtteil Friedrichsberg. Die Eltern der Braut, der Schuhmachermeister Meyer Herzberg und seine Frau Minna, geborene Cohn, waren früh verschieden und auch die Eltern von Bernhard Gottschalk waren vor 1885 verstorben. Nach der Trauung zog Ottilie zu ihrem Ehemann nach Neustadt, wo das Ehepaar im Jahr 1886 ihr erstes von fünf Kindern bekam: Meta Gottschalk wurde 28. Oktober 1886 zu Neustadt geboren; es folgten Leo und Lina in den Jahren 1888 und 1890, Isabella im Januar 1892 und schließlich Mery Gottschalk im August 1902. Nicht lange nach der Geburt ihres letzten Kindes verstarb Ottilie Gottschalk 1905/1906 mit 42 Jahren an einem Herzleiden. Bernhard verblieb als Witwer in Neustadt – er sollte nicht erneut heiraten – und kümmerte sich um die Kinder, die im Sinne von ihm und seiner verstorbenen Frau eine gute Erziehung und Ausbildung genießen sollten. Eine detaillierte Aufstellung hat sich nur zum ältesten Sohn Leo Gottschalk erhalten: Er besuchte von 1894 bis 1903 das Realgymnasium in Neustadt (Lwówek) und begann nach seinem Schulabschluss eine kaufmännische Lehre. Von 1906 bis 1908 besuchte er die Kunst- und Dekorationsschule in Berlin und war hier anschließend bis 1910 als Verkäufer und Dekorateur tätig. Von 1910 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs war er als Geschäftsführer im Warenhaus Hirsch in Nauen tätig. Nach seiner Hochzeit 1914 eröffnete er im Herbst desselben Jahres ein eigenes Kaufhaus in Kulmsee (Chełmża), dass er bis Ende der 1910er-Jahre führte. Auch die übrigen Kinder Bernhards schlugen – soweit bekannt – nach ihrer Schulausbildung kaufmännische Berufe ein. So half etwa Mery Gottschalk in späterer Zeit ihrem Vater bei der Führung seines Berliner Geschäfts.

In den 1910er-Jahren wurde Bernhard Gottschalk mehrfacher Großvater: Seine älteste Tochter Meta hatte Anfang der 1910er-Jahre Louis Grossmann geheiratet. 1912 und 1913 kamen in Schwiebus (Świebodzin) Bernhards Enkel Max und Ottilie zur Welt. Leo Gottschalk und seine Ehefrau bekamen im Juni 1915 in Kulmsee einen Sohn namens Fred Ferdinand. Bernhards zweitälteste Tochter Lina heiratete 1920 den Kaufmann Albert Joel und bekam mit ihm zwei Töchter, Thea und Gisella, die 1921 in Neustadt und 1923 im brandenburgischen Jüterbog zur Welt kamen. Die Ehen von Bernhards jüngeren Töchtern Mery – die nach kurzer Ehe mit dem früh verstorbenen Siegbert Rosenthal in zweiter Ehe Benno Schrimski heiratete – und Isabella Gottschalk, verheiratete Selowsky, blieben kinderlos. Der älteste Sohn Leo Gottschalk nahm zwischen 1914 und 1917 als Soldat am Ersten Weltkrieg teil. Er wurde an der Front drei Mal verwundet und zuletzt in Frankreich durch Granatenbeschuss verschüttet, wobei er einen Teil seiner Sehfähigkeit einbüßte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkries wurde Neustadt infolge des Versailler Vertrages polnisch. Bernhard Gottschalk verließ daraufhin seine Geburtsstadt und zog 1921 nach Berlin, wo er sich im Eckhaus Lange Straße 84 (der heutigen Lange Straße 81) in Friedrichshain eine Wohnung nahm und angrenzend im Erdgeschoß an der Adresse Andreasstraße 14 ein Textilwarengeschäft eröffnete. In den 1920er-Jahren führte er hier zeitweise auch eine Zigarrenhandlung. Die Wohnung Lange Straße 84 teilte er sich mit seiner Tochter Mery und ihrem Ehemann Benno Schrimski. In einer anderen Wohnung im gleichen Haus lebte seine Tochter Meta mit ihrem Ehemann Louis Grossmann.

Sein Sohn Leo Gottschalk war 1920 mit seiner Ehefrau aus Kulmsee (Chełmża) nach Luckenwalde in Brandenburg übergesiedelt, wo er ein Schuhgeschäft übernahm. In den 1920er-Jahren war er in der Ortschaft der exklusive Vertriebspartner der Marke Salamander und übernahm als Teil der bürgerlichen Gesellschaft der Stadt verschiedene Funktionen: So war er Repräsentant der örtlichen Synagogengemeinde, Vorstandsmitglied der Freiwilligen Feuerwehr und Vorsitzender im Verein der selbstständigen Kaufleute. Bernhards Tochter Lina führte in den 1920er-Jahren mit ihrem Ehemann Albert Joel ein Salamander-Schuhgeschäft in Jüterbog. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie während der Zeit der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Bernhard Gottschalk und seine Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. In Luckenwalde hatte sich die Situation bereits Ende der 1920er-Jahre zugespitzt. Leo beschreibt später, welchen antisemitischen Anfeindungen er sich als Ladenbesitzer ausgesetzt sah: „Meine mir gegenüberliegende Konkurrenz war der SS-Führer Brichmann [in anderen Quellen Brickmann], der seit Eröffnung seines Geschäfts im Jahre 1928 ständig versucht hatte, mir meine Kunden abspenstig zu machen. Dies gelang ihm jedoch erst, als im Jahre 1930 die nationalsozialistische Propaganda besonders stark wurde […]. Von 1932 verschlechterte sich die Situation derart, dass die Kunden sich fürchteten, in einem jüdischen Geschäft zu kaufen […].“ Während der Boykotte jüdischer Geschäfte 1933 wurde das Schuhgeschäft von Leo Gottschalk in der Breiten Straße mit Zetteln mit der Aufschrift „Geschlossen! Schädlinge der deutschen Wirtschaft“ beklebt. Im Herbst 1933 verließen Leo und seine Ehefrau die Stadt fluchtartig, als sie nicht nur von SA und SS bedroht wurden, sondern auch vom jüngst eingesetzten NSDAP-Kreisleiter Friedrich Wilhelm Hirz, der von 1933 bis 1945 Landrat von Jüterbog/Luckenwalde war. Sie verschleuderten ihr Geschäft und gingen nach Berlin, wo sie zeitweise bei Meta und Louis Grossmann in Friedrichshain unterkamen – später zur Untermiete in der Charlottenstraße 5/6 bei Bergmann – und sich eine neue Existenz aufbauen wollten. Als sie erfuhren, dass sie in Berlin von der Gestapo gesucht wurden, flüchteten sie sich im Dezember 1933 in die Niederlande. Auch hier erhielten sie noch Drohbriefe des Landrats Hirz, der finanzielle Forderungen stellte und ankündigte, Leos nach wie vor in Berlin ansässigen Vater Bernhard dafür in Sippenhaft zu nehmen. Auch andere Familienmitglieder retteten sich in den 1930er-Jahren ins Ausland. Meta Grossmann flüchtete 1935 mit ihrem Ehemann Louis Grossmann und ihren Kindern Max und Ottilie nach Palästina. Im selben Jahr mussten Lina und Albert Joel ihr Salamander-Schuhgeschäft in Jüterbog unter Zwang aufgeben. Sie gingen nach Berlin und bezogen eine Wohnung in der Großen Frankfurter Straße 77 (heutige Karl-Marx-Allee). Nach den Pogromen im Mai und November 1938 in Berlin flüchtete auch Isabella Selowsky im Frühjahr 1939 nach England.

In der Hauptstadt verblieben der inzwischen fast 80-jährige Bernhard Gottschalk mit Mery und Benno Schrimski in Friedrichshain sowie Lina mit Albert Joel in Mitte. Das Textilgeschäft in der Andreasstraße 14 konnte Bernhard auch mit der Hilfe seiner Tochter nicht mehr halten und es wurde 1939 aufgegeben. Das Leben wurde für die Familienmitglieder in der Hauptstadt spätestens Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre zum Existenzkampf. Um nur eine der vielen einschneidenden Maßnahmen zu nennen, konnten sie sich mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen. Am 2. Januar 1942 verstarb Albert Joel 61-jährig in Berlin.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Im Frühjahr 1942 erhielten Mery Schrimski und ihr Ehemann Benno den Deportationsbescheid. Bernhard musste miterleben, wie seine Tochter und ihr Ehemann aus der Wohnung Lange Straße 84 in eines der Berliner Sammellager verschleppt wurden, bevor sie am 28. März 1942 mit dem „11. Osttransport“ in das Lager Piaski deportiert wurden. Sie gehörten nicht zu den wenigen Überlebenden dieser Transporte und wurden vermutlich im Vernichtungslager Belzec ermordet. Zur selben Zeit oder nicht viel später muss die Wohnung in Berlin geräumt und Bernhard Gottschalk in das Siechenheim des Jüdischen Krankenhauses Auguststraße 14–16 eingeliefert worden sein. Es war seine letzte Adresse in Berlin. Von hier aus wurde der 83-Jährige am 28. Mai 1943 mit dem sogenannten „90. Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Bernhard Gottschalk überlebte die unmenschlichen Bedingungen im Ghetto fast vierzehn Monate, bevor er am 26. August 1944 ermordet wurde – entweder durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen.
Bereits wenige Monate vor seiner Deportation hatte seine verwitwete Tochter Lina Joel mit ihren Kindern Thea und Gisela Joel ihre Wohnung in der Großen Frankfurter Straße 77 räumen müssen. Sie waren am 19. Februar 1943 aus Berlin in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet worden. Von Bernhards fünf Kindern überlebten drei die NS-Verfolgung: Meta Grossmann mit ihrem Ehemann Louis und Bernhards Enkeln Max Grossmann und Ottilie, verheiratete Wiener, im Exil in Palästina; Leo Gottschalk, der mit seiner Ehefrau und dem gemeinsamen Kind Fred Ferdinand 1936 aus den Niederlanden nach Palästina emigriert war sowie Isabella Selowsky im Exil in England.


Anmerkung zur Biographie: Alle wörtlichen Zitate zur Verfolgungsgeschichte stammen aus den unten genannten Entschädigungs- und Rentenakten zur Familie Gottschalk (Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin Abt. I).

Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Berliner Adressbücher 1915–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten Berlin Abt. I. Entschädigungsakte zu Bernhard Gottschalk (Aktennr. 57.040); Rentenakte zu Leo Gottschalk (Aktennr. 52.712); Entschädigungsakte Lina Joel, geborene Gottschalk (Aktennr. 67.595); Entschädigungsakte Mery Schrimski (Aktennr. 77.349).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Bernhard Gottschalk, „90. Alterstransport“ (Lfd-Nr. 53); Mary Schrimski, „11. Osttransport (Lfd-Nr. 353); Benno Schrimski (Lfd-Nr. 352); Lina Joel, geb. Gottschalk, „29. Osttransport (Lfd-Nr. 317); Thea Joel (Lfd-Nr. 318); Gisela Joel (Lfd-Nr. 319. Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eheanzeige Bernhard Gottschalk und Ottilie Herzberg (Nr. 171, Lichtenberg am 16. Dezember 1885). Heiratsregister der Berliner Standesämter. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Margrit Hahn: Terror in der [sic!] frühen Nazi-Jahren. Onlineausgabe der Märkische Allgemeinen vom 7. Februar 2017. Online unter: https://www.maz-online.de/Lokales/T... (aufgerufen am 26. Juli 2020).