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Jenny Rothschild (geb. Berek)

Stolperstein für Jenny Rothschild © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Wassertorstraße 1-2

BEZIRK/ORTSTEIL
Friedrichshain-Kreuzberg – Kreuzberg
VERLEGEDATUM
19.08.2006

GEBOREN
17.09.1872 in Strasburg (Westpreußen) / Brodnica
DEPORTATION
am 03.10.1942 nach Theresienstadt
TOT
16.10.1942 in Theresienstadt

Jenny Berek wurde am 17. September 1872 in Strasburg an der Drewenz (dem heutigen Brodnica in Polen) geboren. Sie war die Tochter des Kaufmanns Siegmund Berek und seiner Frau Lina Berek, geborene Feibusch. Jenny hatte eine ältere Schwester namens Selma, die im Dezember 1870 geboren worden war. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Jenny Berek in der westpreußischen Kleinstadt haben sich keine Zeugnisse erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur Jüdischen Gemeinde der Stadt, zu der zum Zeitpunkt der Geburt von Jenny etwa 600 der rund 5300 Einwohner Strasburgs zählten. In der Stadt existierte eine jüdische Elementarschule, die möglicherweise auch von Jenny und Selma besucht wurde. Ihre Mutter Lina verstarb in relativ jungen Jahren und ihr Vater heiratete in zweiter Ehe Tauba Feibusch. Aus dieser Ehe gingen Jennys 1887 und 1888 in Strasburg geborenen Halbgeschwister Bruno und Gertrud Berek hervor.

In den 1890er-Jahren verließ die Familie Strasburg und zog nach Berlin. Jenny heiratete im Oktober 1907 den in Berlin ansässigen Kaufmann Isidor Rothschild, der in der Ritterstraße 2b in Kreuzberg wohnte. 1911 kam in Berlin die gemeinsame Tochter Ruth zur Welt und die Familie bezog eine Wohnung in der 3. Etage der Wassertorstraße 1–2. Jennys Schwester Selma hatte 1899 in Berlin den aus Pleschen (Pleszew) stammenden Schneidermeister Philipp Jaroczinski geheiratet. 1905 war Jennys Schwiegermutter Tauba im Städtischen Krankenhaus am Urban in Berlin verstorben. Ihr Vater, der zuletzt als Witwer bei Jenny und Isidor Rothschild in der Wassertorstraße gelebt hatte, verstarb im Mai 1917 im Jüdischen Hospital in der Oranienburger Straße 31. Im Jahr 1928 starb auch Jennys Ehemann Isidor Rothschild. Die Witwe Jenny und ihre nunmehr 20-jährige Tochter Ruth lebten weiterhin gemeinsam in der Wohnung in der Wassertorstraße. Leider haben sich keine weiteren Zeugnisse erhalten, die einen Einblick in das Leben der Familie im Berlin der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch staatliche Zwangsmaßnahmen gegen Jenny Rothschild und ihre Angehörigen. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Im Winter 1939 oder im Frühjahr 1940 hatte ihre Tochter Ruth Rothschild geheiratet. Der Ehemann Siegbert Aron war 1908 in Samter in Posen, dem heutigen Szamotuły, geboren worden und wahrscheinlich in den 1920er-Jahren in die Reichshauptstadt gezogen, wo er 1939 in der Holsteinischen Straße in Schöneberg wohnte. Nach der Hochzeit zog Siegbert in die Wohnung in der Wassertorstraße, die von den Rothschilds bereits drei Jahrzehnte bewohnt wurde. Ab Herbst 1941 mussten sowohl Jenny Rothschild als auch ihre Tochter bei einem Berliner Unternehmen Zwangsarbeit leisten. Mit der Polizeiverordnung vom 1. September 1941 „über die Kennzeichnung der Juden“ (RGBl I, S. 547) konnten sie sich nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 teilte die Gestapo die Jüdischen Gemeinde Berlins informiert, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Mit einem der ersten Transporte wurde Jennys Halbbruder Bruno am 17. November 1941 über den Bahnhof Grunewald in das Ghetto Kaunas (Kowno) im heutigen Litauen deportiert. Nach seiner Ankunft am 25. November 1941 wurde er durch das geteilte Ghetto zum Fort IX der historischen Stadtbefestigung geführt und dort erschossen. Jennys Schwager Philipp wurde in Berlin verhaftet und mit der Häftlingsnummer „42760“ in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und dort am 28. Juli 1942 ermordet. Die 69-jährige Jenny Rothschild wurde am 3. Oktober 1942 mit dem „3. großen Alterstransport“ in das Ghetto Theresienstadt deportiert. Im Ghetto wurde sie im Dachboden des überfüllten Block H V, der sogenannten „Dresdener Kaserne“ einquartiert, wo seit dem 6. Dezember 1941 Frauen anfangs auch mit kleinen Kindern unter unmenschlichen Zuständen leben mussten. Jenny Rothschild überlebte die katastrophalen Bedingungen im Ghetto nur wenige Tage, bevor sie am 16. Oktober 1942 ermordet wurde – entweder durch direkte oder indirekte Gewalteinwirkung mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen. Kaum verlässlich ist die auf ihrem Totenschein angegebene Todesursache „Darmkatarrh“, da die NS-Ärzte die tatsächlichen Todesursachen direkter und indirekter Gewalteinwirkung mit kaschierenden Sammelbegriffen verschleierten.

Zusammen mit Jenny war am 3. Oktober 1942 auch ihre Schwester Selma Jaroczinski, geborene Berek, aus Berlin nach Theresienstadt deportiert worden. Sie überlebte im Ghetto bis zum 14. August 1944. Jennys Tochter Ruth, verheiratete Aron, wurde zusammen mit ihrem Ehemann am 3. März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Jennys Halbschwester Gertrud Jacob, geborene Berek, führte nach NS-Terminologie eine „privilegierte Mischehe“ und überlebte die NS-Verfolgung mit ihrem Ehemann Georg Friedrich Jacob in Berlin. Gertruds 1915 in Berlin geborene Tochter Käthe Weinberg, geborene Jacob, wurde mit ihrem Ehemann Hans Rudolf Weinberg und ihrer 1940 geborenen Tochter Reha am 28. Juni 1943 nach Auschwitz deportiert und im Vernichtungslager ermordet.

Nach dem Krieg stellte 1948/1949 eine Freundin von Jenny Rothschild namens Sabine Ollendorf, die in London lebte, eine erfolglos gebliebene Suchanfrage an das American Jewish Joint Distribution Committee (AJDC) zum Verbleib ihrer Freundin.


Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Gedenkbuch Berlin. Online unter: bundesarchiv.de/gedenkbuch (aufgerufen am 1. Juni 2020).
Berliner Adressbücher 1887–1943; Jüdisches Adressbuch für Gross-Berlin 1929/1930 und 1931/1932. Berliner Telefonbuch 1908; 1932; 1934; 1936; 1940. Online unter: zlb.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Ergänzungskarten für Angaben über Abstammung und Vorbildung aus der Volkszählung vom 17. Mai 1939 im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde (Bestand R 1509).
Eheanzeige Isidor Rothschild und Jenny Berek (Nr. 1017, Berlin am 18. Oktober 1907); Philipp Jaroczinski und Selma Berek (Nr. 697, Berlin am 21. Juli 1899); Georg Friedrich Jacob und Gertrud Berek (Nr. 777, Berlin am 8. August 1914). Eheregister der Stadt Berlin. Landesarchiv Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Todesanzeige Tauba Berek, geborene Feibusch (Nr. 545, Berlin am 27. März 1905); Siegmund Berek (Nr. 688, Berlin am 21. Mai 1917). Register der Stadt Berlin. Online unter: ancestry.com (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Deportationslisten. Reproduktion im National Archives and Records Administration, USA, Signatur A3355: Jenny Rothschild, geb. Berek „3. gr. Alterstransport“ (Lfd-Nr. 245); Selma Jaroczynski, geb. Berek (Lfd-Nr. 246); Ruth Aron, geb. Rothschild, „33. Osttransport“ (Lfd-Nr. 1014); Siegbert Aron (Lfd-Nr. 1777); Käthe Weinberg, geb. Jacob. „39. Osttransport“ (Lfd-Nr. 208); Hans Rudolf Weinberg (Lfd-Nr. 205); Reha Weinberg (Lfd-Nr. 209). Online unter: statistik-des-holocaust.de (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Bruno Berek. Kartei der jüdischen Bürgerinnen und Bürger Berlins, die mit den Transporten der Welle I - VII in die besetzten Ostgebiete deportiert wurden. ITS Arolsen Archive. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Philipp Jaroczinski. Sterbebucheintragungen über verstorbene Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen. ITS Arolsen Archive. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Todesfallanzeige Jenny Rothschild, geb. Berek, in der Opferdatenbank Theresienstadt. Online unter: holocaust.cz (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Eintrag zu Philipp Jarotschinski. Totenbuch KZ Sachsenhausen 1936-1945. Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Online unter: https://www.stiftung-sbg.de/totenbuch (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Suchanfrage bezüglich Jenny Rothschild durch Sabine Ollendorf, geb. Caro, aus England 1949. Schriftgut des ITS und seiner Vorgänger. ITS Arolsen Archive. Online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 26. Juli 2020).
Die Zwangsarbeiter in der „Ziegelei 3“ in Glindow. In: Hartmut Röhn (Hrsg.): Jüdische Schicksale: Ein Gedenkbuch für die Stadt Werder (Havel) und ihre Ortsteile. Erarbeitet von der AG „Werderaner Verfolgtenschicksale“, Berlin 2016, S. 116–124 [zu Bruno Berek S. 117].
Zur „Dresdner Kaserne“ s. Ghetto-Theresienstadt 1941–1945. Ein Nachschlagewerk. Online unter: http://www.ghetto-theresienstadt.de... (aufgerufen am 26. Juli 2020).