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Waldemar Wagner

Stolperstein für Waldemar Wagner © Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
VERLEGEORT
Giesebrechtstr. 15

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Charlottenburg
VERLEGEDATUM
22.10.2004

GEBOREN
17.01.1880 in Frankenstein in Schlesien / Ząbkowice Śląskie
BERUF
Kaufmann
ZWANGSARBEIT
bei
Firma Horst Weinreich in Kreuzberg
DEPORTATION
am 10.09.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
in Auschwitz

(Simon) Waldemar Wagner kam am 17. Januar 1880 in Frankenstein in Schlesien (heute Ząbkowice Śląskie in Polen) als jüngstes von sechs Kindern des Kaufmanns Markus Wagner und seiner Ehefrau Lina geb. Ellguth (auch Linna Elguther) auf die Welt. Frankenstein, ungefähr 60 km südwestlich von Breslau (heute Wrocław/Polen) hatte 1880 um die 8000 Einwohner, nur etwa zwei Prozent waren Juden. Die Familie Wagner handelte über mehrere Generationen in Frankenstein, Habelschwerdt (heute Bystrzyka Kłodzka/Polen) und Breslau, dem Hauptsitz der großen Firma, mit Getreide.
Waldemar Wagners Brüder Heinrich (1871–1935) und Moritz (1874–?, vor 1945 ermordet) blieben in Schlesien. Die Brüder Löbel (1870–1934) und Louis (1877–1943 London) sowie die Schwester Regina (1872–1942 ermordet) gingen wie Waldemar nach Berlin.
Waldemar Wagner war gemeinsam mit seinen Brüdern Heinrich und Moritz Eigentümer der Firma in Breslau. Im Oktober 1922 heiratete er die 1895 in Friedland/Mecklenburg geborene Lotte Schlawanski. Das Ehepaar wohnte anfangs in der Uhlandstraße 146. Dort wurden auch die beiden Kinder geboren, am 22. September 1923 der Sohn Klaus Peter und am 12. Dezember 1925 die Tochter Lissy Ingeborg.
1927 zog die Familie in die Giesebrechtstraße 15, Ecke Sybelstraße, das Haus gehörte der Firma Wagner. In der Bel Etage, dem besonders gut ausgestatteten ersten Stock, bewohnte Waldemar Wagner mit Frau und Kindern eine 8-Zimmer-Wohnung. Die wohlhabende Familie besaß einen großen Bekannten- und Freundeskreis, darunter viele nichtjüdische Freunde. Nur wenige Häuser entfernt lebten in der Giesebrechtstraße 18 der Bruder Löbel Wagner und seine Frau Zerel Lucie (1883–1943). 1932 gründete Waldemar Wagner eine eigene Firma für den Handel mit Getreide und Futtermitteln. Die 1939 aufgelöste Firma besaß eine Geschäftsadresse im Bürohaus Börse in der Burgstraße und seit 1936 Räume in der Giesebrechtstraße 15 mit einem Lager im Westhafen. In der Fontanestraße 17 im Grunewald erbte er zudem in dieser Zeit mit seinem Bruder Moritz und der Witwe des Bruders Heinrich ein Haus.
Zu Hause in Berlin und Schlesien, erfolgreich und wohlhabend, dachte Waldemar Wagner in den ersten Jahren nach 1933 nicht an Emigration. Nach dem Pogrom vom November 1938 änderte er seine Meinung. Die Familie versuchte gemeinsam mit der aus Friedland zugezogenen Schwiegermutter Agnes Schlawanski zu emigrieren. Sohn Klaus Peter Wagner wurde 1939 mit einem Kindertransport nach Großbritannien geschickt. Bis 1941 konnte die Familie in der 8-Zimmer-Wohnung bleiben, dann musste sie innerhalb des Hauses in kleinere Wohnungen umziehen. Die Nachbarin Frau von Willesen half beim Verkauf der Möbel und lagerte den Rest auf den eigenen Namen bei einer Spedition ein. Waldemar Wagner musste als Zwangsarbeiter bei der Jüdischen Gemeinde und, wie seine Tochter Lissy, bei der Firma Horst Weinreich in Kreuzberg arbeiten. Seine Häuser wurden beschlagnahmt. Alle Versuche, nach Uruguay, China oder in die USA zu emigrieren, scheiterten.
Am 2. September 1942 wurde die Schwiegermutter Agnes Schlawanski deportiert. Die Familie bezog im Oktober ihre letzte Wohnung in der Giesebrechtstraße 15. (Untermieter war Dr. Richard Treitel (1879–1947), vor 1933 ein bekannter Jurist und Journalist und ein Verwandter von Martha Treitel, für die es einen Stolperstein am Savignyplatz 4 gibt.)
Ende Februar 1943 verließ Waldemar Wagners Familie das Haus in der Giesebrechtstraße und ging in die Illegalität. Die Suche nach einem Versteck war schwierig, aber mit Hilfe von Frau von Willesen konnte sie bei deren ehemaliger Gesellschafterin Irene Kleber in der Goethestraße 14a für 90 RM monatlich ein Zimmer mieten. Dort (über)lebten Waldemar Wagner, seine Ehefrau Lotte und die Tochter Lissy noch ein halbes Jahr. Über diese Zeit gibt es nur einen Bericht, basierend auf den Erinnerungen von Irene Kleber, die später als „unbesungene Heldin“ gewürdigt werden wollte und auch wurde. Ihre Rolle als „Vermieterin“ und damit als gut bezahlte Helferin, schien (scheint?) manchem ein Problem. – Geschildert wird dies von Isabel Enzenbach in einem Kapitel mit dem Titel „Die Vermieterin“ in dem Band „Überleben im Dritten Reich“.
Am 23. August 1943 wurden Waldemar Wagner, Ehefrau Lotte und Tochter Lissy verhaftet. Wer sie verraten hat? Die Familie blieb fast drei Wochen im Sammellager in der Großen Hamburger Straße. Am 10. September 1943 wurden Waldemar, Lotte und Lissy Wagner nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. – Der Vermieterin Irene Kleber passierte nichts.

Waldemar Wagners Sohn Klaus Peter lebte seit 1953 in den USA, verheiratet mit Yvonne Braunsberg und Vater von drei Kindern. Er berichtete später vom Leben seiner Familie und ergänzte gemeinsam mit seiner Familie die Angaben auf dem Grabstein in Friedland, der nun an seine Großeltern Schlawanski, seine Eltern und seine Schwester erinnert. Klaus Peter Wagner ist am 19. Juni 2019 in Miami gestorben.


Biografische Zusammenstellung

Dr. Dietlinde Peters, Vorrecherchen: Wolfgang Knoll

Weitere Quellen

Berliner Telefonbücher;
Breslauer Adressbücher;
Isabel Enzenbach: Die Vermieterin, in Wolfgang Benz (Hrsg.): Überleben im Dritten Reich, Juden im Untergrund und ihre Helfer, München 2003, S. 185–197;
Find A Grave-Index 1600 bis heute, über ancestry: Daten/Grabstein der Familie Portheim/Wagner in Friedland;
Norbert Francke / Bärbel Krieger: Die Familiennamen der Juden in Mecklenburg: Mehr als 2000 jüdische Familien aus 53 Orten der Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz im 18. und 19. Jahrhundert. Schriften des Vereins für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e. V., Verein für jüdische Geschichte und Kultur in Mecklenburg und Vorpommern e.V., Schwerin 2001;
Norbert Francke / Bärbel Krieger: Schutzjuden in Mecklenburg, Schwerin 2002;
HU Datenbank jüdischer Gewerbebetriebe in Berlin 1930-1945;
Jewish Transmigration Bureau (JDC) 1940–1942, Einzahlungskarten, digitalisiert;
Landesarchiv Berlin, Personenstandsunterlagen/über ancestry;
https://www.geni.com/people/;
https://www.juedische-gemeinden.de;
sztetl.org.pl.