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Hertha Holzmann

Stolperstein für Hertha Holzmann. Foto: OTFW.
VERLEGEORT
Dortmunder Str. 11

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Moabit
VERLEGEDATUM
25.07.2012

GEBOREN
27.12.1880 in Tuchel (Westpreußen) / Tuchola
BERUF
Stenotypistin
DEPORTATION
am 01.11.1941 nach Łódź / Litzmannstadt
ERMORDET
1942 in Chełmno / Kulmhof

Hertha Holzmann wurde geboren am 27. Dezember 1880 in der damals westpreußischen Stadt Tuchel (dem heutigen Tuchola in Polen), die etwa 55 Kilometer nördlich von Bromberg (Bydgoszcz) liegt. Sie war die Tochter des ortsansässigen Kommissionärs Wolff Holzmann (1835–1904) und seiner Ehefrau Jeanette Holzmann, geborene Herzog (1851–1939). Herthas Eltern hatten im Juli 1878 in Berlin geheiratet und Hertha wuchs im Kreis von zahlreichen Geschwistern auf: Ein älterer Bruder namens Heinrich war 1879 in Tuchel geboren worden, ihre jüngeren Brüder Johannes, Martin und Hugo kamen 1882, 1884 und 1886 zur Welt. Aus einer früheren Beziehung ihres Vaters stammte der 1860 in Groß Komorze (Wielka Komorza) geborene Gerhard Georg Holzmann. Von drei weiteren Geschwistern namens Richard, Isidor und Johanna ist das Geburtsdatum unklar. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Hertha und ihren Geschwistern in Tuchel haben sich so gut wie keine Informationen erhalten. Ihre Eltern gehörten aber aller Wahrscheinlichkeit nach zur jüdischen Gemeinde der Stadt, zu der zum Zeitpunkt von Herthas Geburt etwa 900 der 3000 Einwohner Tuchels zählten.

Mit Beginn der 1880er-Jahre setzte in Tuchel – wie überall in den kleinen Landstädten – verstärkt eine Landflucht in die größeren wirtschaftlichen Zentren ein. Wann genau die Holzmanns Tuchel verließen, ist nicht bekannt. Aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Herthas Eltern Wolff und Jeanette Holzmann in Berlin ansässig. Ihr Bruder Gerhard Georg Holzmann hatte 1888 im mittelthüringischen Apolda die aus Nordhausen stammende Elly Plaut geheiratet, mit der er 1890 und 1899 zwei Kinder namens Erich Max und Erna Minna bekam. Herthas Brüder Heinrich, Martin und Hugo waren in kaufmännischen Berufen tätig, Heinrich, der 1919 die gebürtige Berlinerin Charlotte Erna Frieda Jonscher heiratete, als Weinhändler. Martin Holzmann siedelte sich später im Münchener Ortsteil Schwabing an und heiratete die 1895 in Vilshofen geborene Anna Reiter. 1924 und 1929 kamen ihre Kinder Herta Jeanette und Hugo Holzmann zur Welt.

Herthas bekanntester Bruder war zweifellos Johannes Holzmann. Er besuchte in Berlin die Jüdische Lehreranstalt, verließ das Seminar aber recht bald, um publizistisch und politisch tätig zu werden. Johannes hatte in der Hauptstadt Anschluss an die Berliner Avantgarde und den Kreis der sogenannten Bohème-Anarchisten gefunden und begann 1904 unter dem Namen Senna Hoy die Zeitschrift „Kampf“ herauszugeben, in der namhafte Persönlichkeiten wie Erich Mühsam (1878–1934), Franz Pfemfert (1879–1954), Else Lasker-Schüler (1869–1945) und Paul Scheerbart (1863–1915) veröffentlichten. Senna Hoy engagierte sich nicht nur für eine Vielzahl tagespolitischer Themen, sondern setzte sich in seinen Schriften auch entschieden für die Abschaffung des Paragrafen 175 ein. Er war Mitbegründer des Bundes für Menschenrechte und bis 1905 dessen Vorsitzender. 1907 ging er nach Russland, um dort politisch zu wirken, wurde jedoch schon im selben Jahr in Warschau inhaftiert und zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb am 28. April 1914 in der Haft. Senna Hoys Tod löste in Deutschland einen politischen Nachhall aus: So stellte Karl Liebknecht (1871–1919) eine parlamentarische Anfrage über die Umstände seiner Nichtauslieferung, und Franz Pfemfert veröffentlichte in der Zeitschrift „Die Aktion“ eine Senna-Hoy-Sondernummer. Der Leichnam von Johannes Holzmann wurde nach Berlin überführt und im Mai 1914 auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. „Jede Schaufel Erde, die man auf seinen Sarg warf, warf man über mich“, schrieb Else Lasker-Schüler in einem Brief an Karl Kraus (1874–1936).

Inwieweit auch Hertha Holzmann in den Kreisen ihres Bruders verkehrte, ist nicht bekannt. Sie war in Berlin als Stenotypistin tätig und kümmerte sich – soweit bekannt – um ihre Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes Wolff 1904 in der ehemaligen Elisabethstraße in Friedrichshain (heute überbaut) wohnte. Nach dem Ersten Weltkrieg zogen Tochter und Mutter 1918/1919 in eine Wohnung in der Klopstockstraße 19 im Hansaviertel. Im Jahr 1921 starb ihr Bruder Hugo Holzmann in Berlin. Hertha Holzmann blieb unverheiratet und kinderlos. Leider haben sich keine weiteren Quellen erhalten, die einen Einblick in ihr Leben im Berlin der Weimarer Republik geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 – beziehungsweise aller Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen im NS-Staat als Juden galten – begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Hertha Holzmann und ihre Familie. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Erlasse und Sondergesetze drängten die Holzmanns in die Position von Rechtlosen.

1934 starb Herthas Bruder Martin Holzmann in Schwabing. Im selben Jahr ließ sich Heinrichs Ehefrau von diesem scheiden. Mitte der 1930er-Jahre zogen Hertha und ihre Mutter Jeanette in eine Wohnung in der Dortmunder Straße 11 im alten Hansaviertel. Zumindest bis 1936/1937 war Hertha noch als Stenotypistin beschäftigt. Am 12. September 1939 starb die Mutter Jeanette Holzmann im Alter von 88 Jahren in der Wohnung in der Dortmunder Straße. Für Hertha Holzmann wurde das Leben im Berlin Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre zum reinen Existenzkampf.

Der Entrechtung folgte die Deportation: Am 1. Oktober 1941 teilte die Gestapo der Jüdischen Gemeinde Berlin mit, dass die „Umsiedlung“ der Berliner Juden beginnen würde. Für eine dieser ersten Deportationen war auch Hertha Holzmann vorgesehen. Sie erhielt den Deportationsbescheid im Herbst 1941 und wurde in der zum Sammellager umfunktionierten ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße 7–8 interniert. Von dort wurde sie gemeinsam mit ihrem Bruder Heinrich Holzmann mit dem „4. Osttransport“ am 1. November 1941 in das Ghetto Litzmannstadt (Łódź) deportiert. Nach Ankunft im Ghetto wurde beiden eine Wohnbaracke in der Sulzfelder Straße 53 zugewiesen. Beide mussten Zwangsarbeit leisten, Heinrich als Transportarbeiter, Hertha als Wäschereiarbeiterin. Am 30. Dezember 1941 wurden sie im Ghetto an die Adresse Bleicher Weg 18 umquartiert. Heinrich Holzmann wurde in Litzmannstadt ermordet – entweder durch direkte Gewalteinwirkung oder indirekte mittels planvoller Mangelernährung, versagter Medikamente, Kälte und körperlichen Misshandlungen. Hertha Holzmann wurde am 8. Mai 1942 aus Litzmannstadt weiter in das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) deportiert. Dort wurde die 61-Jährige unmittelbar nach ihrer Ankunft in einem der drei „Gaswagen“ des Lagers ermordet.

Herthas Bruder Gerhard Georg Holzmann war bereits 1937, seine Ehefrau Elly 1940 in Apolda verstorben. Deren Sohn Erich Max überlebte die NS-Verfolgung im Exil in den USA. Die Tochter Erna Minna Holzmann lebte bis 1942 in Apolda. Im Mai 1942 wurde sie vor ihrer unmittelbar bevorstehenden Deportation gewarnt, daraufhin nahm sie sich am 5. Mai 1942 das Leben. Martin Holzmanns Tochter Herta Jeanette war im April 1938 nach Philadelphia geflüchtet. Ihr Bruder Hugo überlebte die NS-Verfolgung mit seiner zum jüdischen Glauben konvertierten Mutter Anna als Zwangsarbeiter in München. Beide lebten später in den USA. Das Schicksal von Herthas Geschwistern Johanna, Richard und Isidor Holzmann ist ungeklärt.


Anmerkung zur Biographie: Das Zitat von Else Lasker-Schüler ist zitiert nach Bauschinger, Sigrid: Else Lasker-Schüler. Biographie, Göttingen 2004, S. 217.

Biografische Zusammenstellung

Indra Hemmerling

Weitere Quellen

Eheanzeige Wolff Holzmann und Jeanette Herzog (Nr. 797, Berlin, 6. Juli 1878); Eheanzeige Heinrich Holzmann und Charlotte Erna Frieda Jonscher (Nr. 147, Berlin am 24. März 1919). Heiratsregister der Berliner Standesämter 1874–1920. Landesarchiv Berlin. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Martin Holzmann in den Kriegsranglisten und -stammrollen des Königreichs Bayern, Erster Weltkrieg 1914–1918. Faksimile online unter: ancestry.com (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Verlustlisten des Ersten Weltkriegs: Seite 29590: Holzmann Martin (Tuchel, Pr.). Online unter: http://des.genealogy.net/search/sho... (aufgerufen 22. August 2019)
Opferdatenbank Yad Vashem. Central DB of Shoah Victims’ Names. Online unter: http://yvng.yadvashem.org (aufgerufen am 22. Oktober 2019). Erinnerungsseite (Page of Testimony) zu Heinrich Holzmann und Hertha Holzmann (erstellt von ihrem Neffen Hugo Holzmann)
Holocaust Survivors and Victims Database. Online Database of the United States Holocaust Memorial Museum. Online unter: https://www.ushmm.org/online/hsv/pe... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Liste der „Eingesiedelten“ im Ghetto Litzmannstadt. Archiwum Państwowe w Łodzi, 278, Nr. 1171 (Kopie des USHMM, RG-15.083, Reel 263): Heinrich Holzmann (Lfd.-Nr. 400); Hertha Holzmann (Lfd.-Nr. 401). Online unter: http://www.statistik-des-holocaust.... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Transportliste Litzmannstadt. Kopie des USHMM, RG-15.083, Reel 202. Herta Holzmann („4. Osttransport“, Lfd.-Nr. 391). Online unter: http://www.statistik-des-holocaust.... (aufgerufen 22. Oktober 2019)
Deportationsliste der Gestapo. Archiwum Państwowe w Łodzi, 278, Nr. 1170 (Kopie des USHMM, RG-15.083, Reel 263): Hertha Holzmann ((Lfd.-Nr. 393). Online unter: http://www.statistik-des-holocaust.... (aufgerufen 22. Oktober 2019)
Einträge zu Hugo und Anna Holzmann, geborene Reiter. In: Listen von Angehörigen der Vereinten Nationen, anderer Ausländer, deutscher Juden und Staatenloser (ID 70044821). Faksimile online unter: https://collections.arolsen-archive... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Einträge zu Heinrich (Hemar) und Herta Holcman. In: Lodz-Names: List of the Ghetto Inhabitants, 1940-1944. Online unter: https://www.jewishgen.org/databases... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Eintrag zu Johannes Holzmann im Lexikon der Anarchie: Personen. Überarbeiteter Artikel von Walter Fähnders aus dem Lexikon der Anarchie, hrsg. von Hans Jürgen Degen, Bösdorf 1993–1996. Online unter: http://dadaweb.de/wiki/Holzmann,_Jo... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)
Stefan Otto: Johannes Holzmann (Senna Hoy, 1882–1914). Ein „wilder Hund“, in: WOZ Die Wochenzeitung vom 1. November 2007. Online unter: https://www.woz.ch/0744/johannes-ho... (aufgerufen 22. Oktober 2019)
Bauschinger, Sigrid: Else Lasker-Schüler. Biographie, Göttingen 2004
Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Nr. 19, Berlin-Wilmersdorf vom 9. Mai 1914 (Sondernummer für Senna Hoy). Faksimile online unter: https://archive.org/details/DieAkti... (aufgerufen am 22. Oktober 2019)