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Frida Levy (geb. Stern)

Foto: A. Bukschat & C. Flegel
VERLEGEORT
Xantener Str. 20

BEZIRK/ORTSTEIL
Charlottenburg-Wilmersdorf – Wilmersdorf
VERLEGEDATUM
24.07.2012

GEBOREN
18.12.1881 in Geseke
DEPORTATION
am 25.01.1942 nach Riga
ERMORDET

Frida Levy, geb. Stern, wurde am 18. Dezember 1881 in Geseke (Westfalen) geboren. 1901 heiratete sie den Rechtsanwalt Dr. Fritz Levy aus Wuppertal-Elberfeld. Das junge Paar zog nach Essen. Ihre vier Kinder wurden in den Jahren 1906 bis 1918 geboren. Ab 1907 wohnte die Familie in einer großzügigen Villa an der Moltkestraße 28. Das Haus wurde in den nächsten 25 Jahren eine zentrale Anlaufstelle für junge Künstler und Intellektuelle. Einmal im Monat war „Offenes Haus“, eine Art bürgerlicher Salon: Schriftsteller lasen, Vorträge wurden gehalten, Diskussionen über Kunst und Politik geführt.

Frida Levy engagierte sich vor dem Ersten Weltkrieg intensiv in der Frauenbewegung. Einerseits leistete sie im Verein Frauenwohl in Essen Sozialarbeit, kümmerte sich in der Rechtsschutzstelle um Arbeiterfrauen, um Unterhaltszahlungen durchzusetzen, vertrat die Frauen in arbeitsrechtlichen Fragen und Mietstreitigkeiten, schrieb Armengesuche und andere Behördenbriefe. Andererseits arbeitete sie im Vorstand des Preußischen Landesvereins für Frauenstimmrecht. Im Verein mit berühmten Frauenrechtlerinnen wie Anita Augspurg und Minna Cauer kämpfte sie für das Frauenwahlrecht und gegen das reaktionäre Dreiklassenwahlrecht in Preußen.

Nach dem Ersten Weltkrieg engagierte sie sich im „Internationalen Frauenverband für Frieden und Freiheit“. Sie hielt Vorträge vor Jugendlichen über gesellschaftlich tabuisierte Fragen wie „Sexualprobleme in der Jugendbewegung“, „Bub und Mädel in der Arbeiterbewegung“, „Jugend und Alkohol“.

Bereits während der Weimarer Republik attackierte die nationalsozialistische Presse heftig ihren Mann, der als Anwalt Arbeiter und Gewerkschafter vertrat. Nach der Machtübertragung am 30. Januar 1933 wurde die Familie Levy aufgrund ihrer jüdischen Herkunft innerhalb weniger Wochen zum Opfer und zur Zielscheibe der neuen Machthaber. Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar wurde Fritz Levy in „Schutzhaft“ genommen, weil er laut die Vermutung äußerte, dass die Nationalsozialisten den Reichstag selbst in Brand gesteckt hätten. Wegen einer bereits weit fortgeschrittenen Erkrankung, die drei Jahre später zu seinem Tod führte, wurde er zwar nach acht Tagen wieder freigelassen – er musste aber seine Heimatstadt mit seiner Frau binnen weniger Tage verlassen. Frida und Fritz Levy zogen nach Wuppertal.

Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1936 ging Frida Levy nach Berlin, wo ihre Tochter Hanna bis 1933 studiert hatte und dann als Kindermädchen arbeitete. Zunächst wohnte sie mit ihrem Schwiegersohn Walter Herz und ihrer Tochter Hanna in der Eislebener Straße 7. Hanna und ihr Mann Walter Herz wurden unmittelbar nach dem Umzug der Mutter wegen „staatsfeindlicher Bestrebungen“ verhaftet und zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. Völlig auf sich allein gestellt – die drei anderen Kinder waren mittlerweile nach Palästina und Schweden emigriert – führte Frida Levy die Korrespondenz für ihre Tochter und ihren Schwiegersohn (Gefangene durften nur Angehörigen schreiben) und stellte für sie den Kontakt zur Außenwelt her.

Vermutlich 1938 oder zu Beginn des Jahres 1939 zog Frida Levy in die Xantener Straße 20 und war hier bei der Familie Rothmann in der 1. Etage polizeilich gemeldet. Als die Tochter im Frühjahr 1939 freigelassen worden war, sorgte Frida dafür, dass Hanna nach Schweden flüchten konnte. Nach dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Schwiegersohn Walter Herz in ein Konzentrationslager eingeliefert. Frida bemühte sich weiter um seine Freilassung. Vergeblich: Walter Herz wurde von den Nationalsozialisten umgebracht.

Deutsche und ausländische Freunde versuchten, Frida zur Emigration zu überreden. Als dies nicht mehr möglich war, wurde ihr ein Versteck angeboten, um der drohenden Deportation zu entgehen. Am Silvestertag 1941 schrieb sie an ihre Tochter Hanna nach Schweden: „Ein schweres, ereignisreiches Jahr für uns alle, für die ganze Welt … Bleibt gesund und hoffnungsstark, über Kummer und Sorgen hinaus. Und ich verspreche Euch, meine letzte Kraft zu sammeln, um vielleicht irgendwann und wo noch einmal mit Euch vereinigt zu sein. Ich war in diesen Wochen fast entschlossen, dem Schwersten aus dem Wege und lieber zu Vater zu gehen.“ Sie entschied sich, nicht zu fliehen und nicht den Freitod zu wählen. Sie wurde am 25. Januar 1942 bei eisigem Frost vom Bahnhof Grunewald in einem Güterzug mit 1044 Menschen nach Riga deportiert. Alle Insassen, die meisten waren nach fünf Tagen Fahrt durch die Kälte erfroren, wurden gleich nach der Ankunft auf dem Bahnhof Riga-Skirotava erschossen. Von ihr gibt es keine Spur mehr. Vor ihrer letzten Wohnung an der Xantener Straße 20 in Wilmersdorf wird mit einem Stolperstein ihrer gedacht.

Im Jahre 2001 fasste die Gesamtschule Essen-Mitte nach intensiven Diskussionen mit großer Mehrheit den Beschluss, ihrer einstigen Schule den Namen „Frida-Levy-Gesamtschule“ zu geben: www.frida-levy-gesamtschule.de. Die Festschrift mit einer ausführlichen Biografie kann über die Schule bestellt werden.


Biografische Zusammenstellung

Text: Ludger Hülskemper-Niemann, Frida-Levy-Gesamtschule Essen