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Feodor Potolowsky

Stolpersteine für Feodor und Irma Erna Potolowsky. Copyright: MTS
VERLEGEORT
Taunusstr. 11

BEZIRK/ORTSTEIL
Tempelhof-Schöneberg – Friedenau
VERLEGEDATUM
09.08.2012

GEBOREN
09.04.1893 in Weilburg
BERUF
Börsenvertreter und Bankbuchhalter
ZWANGSARBEIT
Verwaltungshilfskraft
bei
der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland
DEPORTATION
am 17.05.1943 nach Auschwitz
ERMORDET
19.05.1943 in Auschwitz

Feodor Potolowsky wurde am 9. April 1893 im hessischen Weilburg an der Lahn geboren. Sein Vater Julius war Kaufmann, die Mutter Lina, eine geborene Frank, stammte aus Pirmasens. Feodors Schwester Erna war ein Jahr älter als er. Im Jahr 1895 zog die Familie nach Berlin in die Mittelstraße. Ganz in der Nähe, an der Ecke Friedrichstraße / Unter den Linden, in der Kaiserpassage, betrieb der Großvater Leopold Potolowsky ein bekanntes Handschuhgeschäft, das Filialen in Magdeburg, Halle und Stettin unterhielt. Um die Jahrhundertwende, nach der Geburt des dritten Kindes, Werner, zog die Familie in die Blücherstraße 62 nach Kreuzberg. Alle Kinder besuchten weiterführende Schulen, obwohl der Vater, der verschiedenen Geschäften nachging, nicht immer wirtschaftlich erfolgreich war und das Schulgeld manchmal nicht gezahlt werden konnte.

Feodor Potolowsky wurde Bankkaufmann. Am 3. Oktober 1916 heiratete er die gleichaltrige Irma Simon aus Berlin, die eine vierjährige Tochter, Lieselotte, mit in die Ehe brachte. Im selben Jahr zog die junge Familie nach Friedenau in das damalige Neubaugebiet am Südwestkorso. Ihr neues Zuhause in der Taunusstr. 11 war 1912 fertiggestellt worden. Am 2. Oktober 1921 kam die gemeinsame Tochter Ellen-Juliane zur Welt. Die Jahre bis 1933 müssen für die Familie Potolowsky eine wirtschaftlich erfolgreiche Zeit gewesen sein. Feodor Potolowsky war Börsenvertreter des Bankhauses Fromberg. Die Wohnung war hochwertig und modern ausgestattet: Die Familie besaß einen Bechsteinflügel und Möbel aus den Hellerauer Werkstätten. Es sollen wertvolle Gemälde, Zeichnungen von Kokoschka, Corinth sowie Pechstein und ostasiatische Kunst vorhanden gewesen sein, außerdem eine große Bibliothek. Feodor Potolowsky war Hobbyfotograf und hatte sich in der Wohnung eine Dunkelkammer eingerichtet. Im Urlaub fuhr die Familie häufig zum Skifahren.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann eine andere Zeit. Bereits 1933 emigrierte Feodors jüngerer Bruder Werner nach Paris. 1934 wurde das Bankhaus Fromberg arisiert und Feodor Potolowsky verlor seine Anstellung. Seitdem lebte die Familie von der Substanz. 1935 wurden die Nürnberger Rassengesetze erlassen. Auch Lieselotte Potolowsky, die zwar einen nichtjüdischen leiblichen Vater hat, wurde – weil jüdisch erzogen – als „Geltungsjüdin“ behandelt. Sie musste eine Ausbildung als Gebrauchsgrafikerin abbrechen und konnte beruflich nicht Fuß fassen.

Feodors Schwester Erna, die inzwischen von ihrem ersten Mann Hermann Gysi geschieden war, wurde im Sommer 1938 von der Gestapo wegen angeblicher Devisenvergehen ihres neuen Lebensgefährten massiv unter Druck gesetzt. Sie entging nur knapp einer Verhaftung und verließ Berlin in Richtung Paris. 16-jährig, noch bevor am 9. November 1938 die Synagogen brannten, bestieg auch Feodors Tochter Ellen-Juliane Potolowsky einen Zug nach Paris. Am Bahnhof Zoo sah sie ihre Eltern zum letzten Mal. Über Frankreich gelangte sie noch im selben Jahr zu Verwandten nach New York. 1940 brach der Kontakt zu ihren Eltern ab.

Ab September 1941 mussten die Potolowskys ein Zimmer an das „Mischlings“-Ehepaar Böhm untervermieten. Der Mann war Jude. Mitte Oktober 1941 begannen die Deportationen mit unbekanntem Ziel „in den Osten“. Da Feodor Potolowsky inzwischen bei der Reichsvereinigung der Juden arbeitete, blieben er und seine Frau zunächst verschont. Im Juni 1942 sollte der Bruder von Feodors Mutter Lina, Siegmund Frank, deportiert werden. Der alleinstehende 70-jährige Charlottenburger wählte den Freitod.

Im Spätherbst 1942 beschlossen die Nazis, Deutschland endgültig „judenfrei“ zu machen. Ende Februar 1943 wurde in Berlin die „Fabrik-Aktion“ durchgeführt. Lieselotte Potolowsky, die bei Siemens-Schuckert Zwangsarbeit leistete, wurde an ihrem Arbeitsplatz verhaftet und bis Anfang Mai im Sammellager Rosenstraße gefangen gehalten. Man ließ sie aber wieder frei, weil die Nazis Halbjuden und Juden in „Mischehen“ noch eine Schonfrist einräumten.

Für ihre Eltern war die Schonfrist jedoch vorbei. Sie erhielten den Deportationsbescheid. Auf einem achtseitigen Finanzformular mussten sie eine detaillierte Vermögenserklärung abgeben. Ihr Besitz wurde beschlagnahmt, auch ein Mantel, in den Irma Potolowsky 5000 Reichsmark und Schmuck „für alle Fälle“ eingenäht hatte. Am 15. Mai 1943, einem Sonnabend, verließ das Ehepaar die Wohnung in der Taunusstraße. Zwei Nächte verbrachten die beiden noch im Sammellager in der Synagoge Levetzowstraße. Am Montagnachmittag brachte man sie mit 406 anderen Menschen zum nahegelegenen Güterbahnhof Moabit am Westhafen. Dort bestiegen sie den (letzten) „36. Osttransport“ aus Berlin. Der Zug war zwei Tage unterwegs, ungewöhnlich lange für eine Strecke von ca. 570 Kilometern. Am 19. Mai 1943 erreichte er Auschwitz. Noch auf der Rampe entschied sich ihr weiteres Schicksal. Irma und Feodor Potolowsky kamen nicht ins Lager und erhielten auch keine Nummer auf den Unterarm tätowiert. Sie wurden auf Lastwagen verladen und zu einem der gerade in Betrieb genommenen neuen Krematorien in Birkenau gefahren. Dort endete ihr Leben in einer Gaskammer. Ihre Asche wurde in der Nähe des Lagers in die Weichsel gekippt. An diesem Mittwoch, dem 19. Mai 1943, erklärte der Gauleiter der NSDAP in Berlin und Minister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, die Reichshauptstadt offiziell für „judenfrei“.

Lieselotte Potolowsky tauchte nach der Deportation ihrer Eltern unter. Wie ihre Tante Thea überlebte sie in Berlin und Umgebung in verschiedenen Verstecken zwei Jahre bis zum Kriegsende im Mai 1945. Auch ihr Onkel, der Neuköllner Arzt Hermann Gysi, half den Untergetauchten. Die Verfolgungszeit hatte sie aber physisch wie psychisch stark mitgenommen. Sie wurde Anfang der 1950er Jahre zwar per Ausnahmegenehmigung des Volksbildungssenators zum Psychologiestudium an der FU zugelassen, beendete aber das Studium aus finanziellen und gesundheitlichen Gründen nicht. Sie starb ledig und kinderlos mit 63 Jahren am 28. Januar 1975 in Spandau. Auch ihre Schwester Ellen-Juliane wurde nicht alt. Sie war zweimal verheiratet, zog 1952 an die amerikanische Westküste und lebte unter verschiedenen Adressen in Hollywood. Um das Jahr 1956 herum wurde sie nach Akteninformationen wahrscheinlich Mutter eines Sohnes. Im Juli 1984 starb Ellen-Juliane Williford in Los Angeles. Deutschland, Friedenau und ihre Schwester hat sie nie wieder gesehen.

Feodors Schwester Erna Gysi und sein Bruder Werner überlebten den Krieg und die Verfolgung in verschiedenen Verstecken in Südfrankreich. Werner Potolowsky vertrat ab Ende der 1940er Jahre ein französisches Reisebüro in Frankfurt, wo er 1965 begraben wurde. Seine Schwester Erna lebte bis zu ihrem Tod ein Jahr später in Paris. Ihr Sohn Klaus Gysi, schon seit 1931 Mitglied in der KPD, war während des Krieges in Berlin in einer Widerstandsgruppe tätig gewesen. Im Sommer 1945 wurde er von den Amerikanern als Bezirksbürgermeister in Zehlendorf eingesetzt. Später machte er in der DDR Kariere: Volkskammerabgeordneter, Mitte der 1950er Jahre Leiter des Aufbau-Verlages, ab 1966 dann als DDR-Kulturminister. Von 1973 bis 1978 war er der erste Botschafter der DDR in Italien, Malta und beim Vatikan und schließlich bis 1988 der Beauftragte des Ministerrates der DDR für Kirchenfragen. Er starb 1999 und ist wie seine Mutter auf dem Waldfriedhof Dahlem beigesetzt. Sein 1948 geborener Sohn ist Gregor Gysi, der Großneffe von Feodor Potolowsky.


Biografische Zusammenstellung

Mattias Bollmann