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Rose Schlösinger (geb. Ennenbach)

Stolpersteine Rose und Friedrich Bodo Schlösinger © Stefan Hochhuth
Rose und Friedrich Bodo Schlösinger © Marianne Sideri-Heinemann
VERLEGEORT
Sebastianstraße 42

BEZIRK/ORTSTEIL
Mitte – Mitte
VERLEGEDATUM
01.09.2018

GEBOREN
05.10.1907 in Frankfurt/Main
BERUF
Kindergärtnerin
HINGERICHTET
05.08.1943 in Plötzensee

Rose Schlösinger, geschiedene Heinemann, geborene Ennenbach, stammte aus Frankfurt/Main. Ihre Mutter war Sophie Ennenbach, eine alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern, Rose kam am 5. Oktober 1907 zur Welt. Sophie Ennenbach war eine engagierte Sozialpolitikerin und hatte Funktionen in der SPD und der Arbeiterwohlfahrt.
Rose war in der Sozialistischen Arbeiterjugend aktiv, machte zunächst die Ausbildung zur Kindergärtnerin und studierte danach an der neu gegründeten Frankfurter Wohlfahrtsschule das Fach Berufsberatung und Jugendpflege. Nach einer kurzen Studentenehe mit Friedrich Heinemann aus Eschwege kam im Januar 1932 ihre Tochter zur Welt. Gleich danach wurde aber die Ehe geschieden, und Rose zog mit der kleinen Marianne zurück zur Mutter im Frankfurter Nordend, wo sie – nach bestandenem Examen – ein Praktikum in einer Sozialstation begann.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 verlor Sophie Ennenbach aufgrund ihrer politischen Haltung ihre Arbeitsstelle, und Rose erhielt ebenfalls Arbeitsverbot.
Diese aufgezwungene Arbeitslosigkeit nutzte sie, um Stenografie und Schreibmaschine zu lernen, und bewarb sich 1934 bei den Wanderer-Continental-Schreibmaschinen-Werken in Chemnitz als Schreibkraft. Nach erfolgreicher Probezeit holte sie Tochter Marianne zu sich, 1936 folgte auch ihre Mutter nach Chemnitz, um für die Enkelin zu sorgen.
In Chemnitz lernten sich auch Rose und Bodo kennen. Roses Mutter, Sophie Ennenbach war eine geborene Schlösinger, der Vater von Bodo war ihr Bruder. So kam es, dass der Neffe die Tante in Chemnitz besuchte, zuerst zusammen mit seinem Bruder, dann allein. Am 10. Juni 1939 heirateten Bodo und Rose und zogen um nach Berlin. Ihr neues Zuhause war in der Sebastianstraße 42 in Berlin-Mitte.
Rose bekam eine Stelle als Chefsekretärin in der Zentrale der Wanderer-Werke. Bodo besuchte die Dolmetscher-Schule, um neben Englisch und Französisch auch noch Russisch zu lernen, außerdem war er journalistisch und schriftstellerisch tätig.
Schließlich bekam er eine Anstellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter beim Auswärtigen Amt in der Abteilung deutsch-russischer Schriftenaustausch. Dort hatte er Zugang zu sowjetischen Zeitungen und anderen Veröffentlichungen.
Das interessierte die Diskussionskreise um Mildred und Arvid Harnack. Schon länger gehörten Rose und ihre Mutter auch zu diesem Diskussionskreis, in dem Bodo schon aus der Zeit auf dem Abendgymnasium verankert war. Die Teilnehmer trafen sich regelmäßig mit den Harnacks, den Behrens‘ und anderen - manchmal auch bei Rose und Bodo in der Sebastianstraße.
Sophie Ennenbach erinnerte sich: „Traurig waren wir, als Mildred Harnack, Rose und ich wieder zum Studium zusammensaßen. Wir konnten nicht begreifen, wie ein so tiefer Einmarsch der Nazi-Heere in die Sowjetunion möglich geworden war. Hatten wir doch gedacht, dieser Einmarsch wird das Ende ihrer Herrschaft werden. Mildred tröstete uns: Wird es auch werden. Vertrauen wir auf die Stärke unserer Sache und unserer Freunde.“
Bodo Schlösinger war 1940 als Dolmetscher zur Wehrmacht eingezogen worden zuerst nach Polen dann nach Russland. Dort wurde er der Geheimen Feldpolizei als „Sprachmittler“ zugeteilt.
Auch Karl Behrens und andere Männer aus den Widerstandsgruppen wurden eingezogen, die Frauen rückten an ihre Stellen. Clara Behrens berichtete, dass Rose dabei besondere Aufgaben übernahm. Sie sollte verschlüsselte Nachrichten von Arvid Harnack an den Funker Hans Coppi weiterleiten (was vorher Aufgabe von Karl Behrens gewesen war); sie sollte auch die Beschaffung von Büchern und - bei Abwesenheit von Arvid - die Leitung der Gruppe übernehmen.
Nach einem entschlüsselten Funkspruch begannen am 31. August 1942 und in den ersten Septembertagen die Verhaftungen: Harro und Libertas Schulze-Boysen, Arvid und Mildred Harnack, Hans und Hilde Coppi, Adam und Greta Kuckhoff und viele andere. Am 18. September kam die Gestapo in die Sebastianstraße um Rose abzuholen. Ihre Mutter hat es folgendermaßen erlebt:
Es war schon Abend. Wir setzten uns gerade zu Tisch, als es klingelte und Jannchen öffnete. „Mutti zu Hause?“ hörten wir eine freundliche Männerstimme. „Mama“, raunte Jannchen ihrer Mutter zu. „Lass die nicht herein. Da sind vier Männer, die gefallen mir nicht. Die wollen nichts Gutes. – Nein, geh nicht zu ihnen -.“ Da begegnete Rose den Kerlen schon im Korridor und verschwand mit ihnen in der … großen Stube. Die Türe blieb angelehnt. … „Und wo gehen Sie denn da mit mir hin?“ fragte Rose, und ich hörte in ihrer Stimme ein ganz leichtes Vibrieren. „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ – Noch einige Worte hin und her, die ich nicht mehr verstand. Dann kam Rose von zwei dieser Männer begleitet durch unsere Tür. Und der eine sagte: „Ihre Tochter geht mal schnell mit uns zur Polizei zu einer Zeugenaussage. Es wird nicht lange dauern.“
Es dauerte aber lange, endlos lange. Die ersten Monate wurde Rose im Polizeigefängnis am Alexanderplatz festgehalten. Dort war es zumindest den Angehörigen erlaubt, für die Gefangenen Wäsche, Lebensmittel und Bücher abzugeben, und das konnte ausgenutzt werden, um auch unzensierte Nachrichten und Briefe hinein- und herauszuschmuggeln. So berichtete Rose von den ersten Prozessen und Todesurteilen, die gegen Mitglieder ihrer Gruppe ausgesprochen und auch vollstreckt waren.
Dann wurde auch ihr der Prozess gemacht – zusammen mit Karl Behrens und Hilde Coppi – am 19. und 20. Januar 1943 vor dem Reichskriegsgericht mit dem furchtbaren Oberstkriegsgerichtsrat Roeder an der Spitze. Alle drei wurden zum Tode verurteilt.
Eine Woche danach schrieb Rose an ihre Tochter:
,,Meine liebe kleine große Marianne! Ich weiß nicht, wann Du diesen Brief lesen wirst.
Ich überlasse es Oma oder Vati, ihn Dir zu geben, wenn Du groß genug dafür bist. Jetzt muss ich Abschied nehmen, weil wir uns wahrscheinlich nie mehr sehen.
Du sollst trotzdem ein gesunder, froher und starker Mensch werden. Ich wünsche Dir, dass Du in der Welt so wie ich das Schönste erlebst, ohne dass Du das Schwere durchmachen musst wie ich. Du wirst hübsch und klug sein, und Du sollst zuerst danach streben, auch tüchtig und fleißig zu werden, dann wird alles andere Glück von selbst kommen. … Ich wünsche Dir so viele Jahre des Glücks, wie ich es leider nur ein paar Jahre haben konnte.
Und dann sollst Du Kinder haben - wenn man Dir Dein erstes Kind in den Arm legt,
vielleicht denkst Du dann an mich, dass auch das ein Höhepunkt meines Lebens war,
als ich Dich kleines rotes Bündel zum ersten mal hielt.
Und noch eins will ich Dir verraten. Wenn man sterben muss, tut einem jedes böse Wort leid, das man einem lieben Menschen gegeben hat. Wenn man weiterleben dürfte, würde man sich das merken und sich viel besser beherrschen. Vielleicht kannst Du Dir das merken – Du machst Dir und anderen das Leben und später das Sterben leichter. Und sei froh, so oft Du kannst - jeder Tag ist kostbar, es ist schade um jede Minute, die man traurig zugebracht hat.
Meine Liebe zu Dir soll Dich Dein ganzes Leben lang begleiten. … Leb wohl, mein Liebes - bis zuletzt denkt mit großer Liebe an Dich Deine Mama.“
Zusammen mit zwölf anderen Frauen der „Roten Kapelle“ wurde Rose Schlösinger am Abend des 5. August 1943 in Plötzensee hingerichtet. Noch unmittelbar vor der Hinrichtung schrieb Rose an ihre Mutter:
„Ich kann Dir nur noch sagen, wie es mir mit Bodo gegangen ist, als ich wusste, dass er tot ist: er war in Gedanken stets bei mir, und ich habe mich am liebsten der schönen Stunden erinnert, die wir miteinander erlebt haben. So sollst Du es auch mit mir machen. Und mich hat auch beruhigt, zu wissen, dass er nun Ruhe hat, und wenn Du diesen Brief hast, habe ich auch Ruhe.“
Monate vorher, noch im Gefängnis am Alexanderplatz aber schon nach dem Todesurteil hatte Rose so etwas wie eine Lebensbilanz schreiben und aus dem Gefängnis herausschmuggeln lassen können:
„Ich möchte mein Leben und seinen Sinn und sein Ergebnis zusammenfassen,
zusammen drängen in so wenige Worte wie möglich. Die Zeit eilt. Wenig Menschen haben die Chance, sich ihre eigene Grabrede zu halten. Ich tue es, weil die, die übrig bleiben, bestimmt nicht so objektiv sind wie ich. Ihr Urteil ist vom Schmerz und der Liebe getrübt.
Wer bin ich gewesen? Eine ältere Kollegin hat mich vor 10 Jahren eine tragische Persönlichkeit genannt. Ja, tragisch war mein Leben, weil es so früh abbricht, ehe es zu einer Größe kommen konnte. Seine einzige Größe war sein Ende und das Ja-sagen zu diesem Ende. Das Leben lieben und doch ohne Verzweiflung den Schluss hinnehmen, wenn das Größe ist?
Was habe ich im Leben getan? Nichts als mich in der Liebe vieler Mitmenschen gesonnt - sie waren alle mit einer Ausnahme sehr gut zu mir und ich habe alle dafür wieder sehr lieb gehabt. Das war eigentlich alles.
Ich habe niemand absichtlich weh getan - unabsichtlich vielleicht gerade den Menschen, die am besten zu mir waren, besonders der Mutter - aber ich weiß auch, dass sie weiß, wie leid es mir tut und dass sie es mir nicht als Schuld anrechnet.
Ja, und damit ist der Inhalt meines Lebens schon erschöpft. Ich habe mich um das Geheimnis bemüht, was das Gute und Wahre an sich ist. Ich habe es nicht gefunden.
Menschen lieb haben, kann jedenfalls nicht schlecht sein - und wahr ist vielleicht, dass sich das Weltgeschehen nicht um gut und böse kümmert, sondern um stark und schwach.
Wie unschuldig ist die grausame Natur in allen ihren Erscheinungen. Kann man ihr darum böse sein? Soll ich so lächerlich sein, über den Blitz zu schimpfen, weil er einen Baum trifft, den ich lieb habe? Oder über den Sturm und das Meer, weil sie Schiffe und gute, anständige Menschen vernichten, oder über die wilden Leidenschaften der Menschen - weil sie mich vernichten? Mein Schiff war eben nicht seetüchtig. Stark an mir war meine Liebe - und die bleibt in denen, die sie gespürt haben. Wenn sie - mir zuliebe - doch auch etwas von der Ruhe hätten, die ich jetzt habe. Ich war nie so ruhig wie jetzt.
Das Ende kommt für Euch alle - seien wir doch nicht wie die kleinen Kinder, die über Unvermeidliches weinen und schreien. Euer Weinen ist das Einzige, das mir meine Ruhe nimmt und mir weh tut. Der Tod ist heutzutage etwas so Gewöhnliches, dass es anmaßend wäre, ihn so wichtig zu nehmen, dass er Euer Leben ganz beschattet. Stellt Euch ein paar Stufen höher, gleich wird der Schatten kleiner . . .“
Im Kalten Krieg wurde die Erinnerung an die Widerstandskämpferin Rose Schlösinger ausgelöscht. In der Bundesrepublik wurden sie und ihre Mitstreiter der „Roten Kapelle“ lange als sozialistische „Spione“ und „Vaterlandsverräter“ verunglimpft. Erst zu Beginn der neunziger Jahre korrigierte die Geschichtsschreibung dieses falsche Bild. Seitdem erinnert in Frankfurt, am Haus ihrer Kindheit in der Münzenberger Straße 4 eine Gedenktafel an Rose Schlösinger. In Berlin gibt es jetzt Stolpersteine für Rose und Bodo Schlösinger.


Biografische Zusammenstellung

Texte Gerhard Hochhuth / Zusammenstellung Projekt Stolpersteine Alte Mitte & Wedding